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Studiengebühren: Erst kassieren, später servieren

Von Hermann Horstkotte

An Rhein und Ruhr liegt die Kohle auf Halde. Die meisten NRW-Hochschulen streichen bereits die Campusmaut ein - wofür genau, wissen sie noch nicht. Eine neue Studie zeigt: Den Rektoren ist das ziemlich egal. Und Studentenvertreter machen oft resignierend mit.

Seit den Landtagswahlen im Mai 2005 ist klar: Die schwarz-gelbe Regierung mit Chef Jürgen Rüttgers (CDU) und Andreas Pinkwart (FDP) als Wissenschaftsminister macht den Weg für die Campus-Maut frei. Im März 2006 kam das Gesetz, und seit Oktober bitten 26 der 33 Hochschulen im größten Bundesland ihre Erstsemester zur Kasse, meist zum Höchstbetrag von 500 Euro. Lediglich rund 3000 Studis nahmen ein Darlehen von der amtlichen Landesbank NRW, die ihre Rate spätestens im Januar überweist. Alle anderen zahlten bei der Einschreibung sofort. "Es ist die Intention des Gesetzes, dass die Gebührenzahler die Gegenleistung der Hochschulen, ein qualitativ verbessertes Lehrangebot, vom ersten Tag an konkret spüren", erläutert Ministeriumssprecher Ralf-Michael Weimar.

Bonner Absolventen: Sie haben es hinter sich und müssen nicht mehr zahlen
DPA

Bonner Absolventen: Sie haben es hinter sich und müssen nicht mehr zahlen

Die Wirklichkeit sieht anders aus. So sitzt die Uni Bonn auf 1,2 Millionen Euro, die manche Fakultäten erst im nächsten Sommer antasten wollen, wenn alle Studenten zahlen müssen. Der Jura-Fachbereich will "in Kürze" klären, was mit dem Geld geschehen soll. Der Vorsitzende Gerhard Wagner bemerkt treffend: "Wir machen im Moment mal, was ohne große Vorplanung möglich ist." Die stand bisher noch nicht auf der Tagesordnung. Auch ein zentrales Gremium, das laut Gesetz über den Studienbetrieb wachen und Beschwerden prüfen muss, gibt es in Bonn erst ab Mitte Januar. Solange ist die Anlaufstelle für die "Geld-zurück-Garantie" bei Pannen und Schwächen, mit der Minister Pinkwart die Campusmaut schmackhaft machen will, ein leeres Versprechen.

Die Uni Bonn ist damit nicht allein. Ulrich Müller vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), das zusammen mit der Hochschulrektorenkonferenz alle NRW-Unis und Fachhochschulen befragte, spricht von einer ganzen Reihe Hochschulen, die so wenig vorbereitet wie Bonn an den Gebührenstart gegangen sind. Sie kassieren schon, haben aber über die Verwendung der Einnahmen noch nicht entschieden und auch nicht über Konzepte dafür.

Operation Löcher stopfen und bunte Wunschzettel

Ein Beispiel für planloses Durchwursteln gibt die FH Rhein-Sieg: In diesem Semester geht erstmal ein Abschlag von 200 der 500 Euro Gebühren je Student aufs Konto des jeweiligen Fachbereichs, alles Weitere soll im Laufe der Zeit mit der Kommission zur Qualitätssicherung der Lehre geklärt werden. Die Fachbereiche können ihre Guthaben zunächst nach Gutdünken ausgeben. So geht sonst eine Konsumgenossenschaft vor, die kleine Geschenke unter sich verteilt - aber kein (Bildungs-)Unternehmen, das wohlüberlegte Investitionen durchführt.

Die Uni Wuppertal vergibt ebenfalls lieber kleine Hilfen praktisch nach jedem Geschmack, gemäß "hochdifferenzierten, fachbereichsspezifischen (Wunsch-)Listen". An der Uni Duisburg-Essen heißt es offiziell: "Über konkrete Maßnahmen wird unmittelbar nach der (noch offenen) Mittelverteilung entschieden" - also erstmal die Beute verteilen und dann verjubeln, statt umgekehrt wohldefinierte Zwecke zu setzen und danach die Mittel zu bemessen und vergeben.

Allerorts stehen "Sofortmaßnahmen" gegen eklatante Missstände im Vordergrund. Typischerweise sind das verlängerte Bibliothekszeiten und Tutorien von (älteren) Studenten für (jüngere) Studenten. Die Uni Köln, die größte im Lande, spricht auf ihrer Webseite gar von einer "Vorfinanzierung" der ersten Schritte auf Fakultätsebene. Klingt gut und besonders bemüht, nach just-in-time-Lieferung wie beim 1a-geführten Unternehmen. Dahinter steckt aber nichts anderes als ein Buchungstrick, wie der Dezernent für Studierendenangelegenheiten, Jens Kuck, SPIEGEL ONLINE bestätigt: Da das Rektorat die Studiengebühren nicht gleich bei Zahlung Mitte Oktober an die Fakultäten durchreichte, sondern erst Ende November, liehen sich die Fachbereiche das nötige Geld etwa für fällige Tutorengehälter vorübergehend aus eigenen Reserven für andere Zwecke.

Kommt Zeit, kommt Plan

"Langfristige Konzepte" in einer "Gesamtstrategie", wie sie das CHE fordert, sind bislang die Ausnahme. Als vorbildlich bezeichnet CHE-Experte Müller etwa Beratungsangebote zur Studienfinanzierung an der FH Höxter und der Ruhr-Uni Bochum. "Nur wenige Hochschulen sehen darin ihre originäre Aufgabe", stellt er kritisch fest. Obwohl solcher Service, der Kunden lockt und bindet, bei professionellen Anbietern sonst ganz üblich ist, schon im Autohaus um die Ecke oder im Reisebüro.

Ein Gegenbeispiel zur akademischen Flickschusterei in NRW ist die TU München. Ab April werden auch hier Gebühren fällig. Aber schon im November mussten die Fakultäten - Dozenten und Studenten gemeinsam - dem Uni-Präsidenten Wolfgang Herrmann fertige Konzepte für den Mitteleinsatz vorlegen.

"Die meisten Vorschläge wurden angenommen, einige zur Nachbesserung zurückgegeben", sagt Andreas Haslbeck vom Fachschaftenrat der Studenten. "So ein Konzept nennt konkret ein Ziel wie Auslandserfahrung für mehr Studenten oder eine zweckdienliche Maßnahme. Das ist zum Beispiel eine gut dotierte Stelle für einen akademischen Mitarbeiter, der den internationalen Austausch fakultätsweit koordiniert und verbessert, und schließlich Kontrollgrößen, nach denen sich Erfolg oder Misserfolg der Maßnahme ermessen lässt." Damit könnte es schon morgen losgehen.

Zeitraubender Streit: Schuld sind die Gebührengegner

Dass Nordrhein-Westfalen hinterherhinkt, versucht etwa der Bonner Prorektor Wolfgang Hess mit langwierigen Konfrontationen zwischen Hochschulleitungen und Studierendenvertretern zu erklären. So gab es in Bonn, Köln, Münster, Bielefeld, Paderborn Rektoratsbesetzungen oder "gesprengte" Gremiensitzungen. "Deswegen konnten mancherorts überhaupt erst kurz vor dem Wintersemester Gebührenordnungen verabschiedet werden", so Hess.

"Alles Weitere wurde dann in Gremien rasch durchentschieden", ergänzt Pascal Schnitzler vom Asta der Uni Duisburg-Essen achselzuckend. "Die meisten Studis zeigten ja schon im Sommer kein Interesse mehr an angeblich unnützen Protesten." Fast neidisch verfolgt Schnitzler die "partizipative Politik an der TUM".

Die Uni Köln versucht noch immer, das Studenteninteresse mit einem Online-Briefkasten zu gewinnen. "Es gibt bislang 50 brauchbare Vorschläge für die Gebührenverwendung und ein paar Hundert Schmähschriften von insgesamt 47.000 Studenten", sagt die Bearbeiterin Anette Hartkopf. Für Daniel Weber vom Kölner Asta ist die Initiative freilich nichts anderes als eine "scheinheilige PR-Maßnahme des Rektorats". An einer Fragebogenaktion von Leitung und Asta der FH Rhein-Sieg beteiligten sich immerhin zehn Prozent der Studis - "ungefähr so viel, wie auch zu den Wahlen gehen", erläutert Rektor Wulf Fischer. "Gewünscht wurden hauptsächlich langfristige Investitionen in Bibliotheken und Labors."

Hingegen bemerkt der stellvertretende Bonner Asta-Chef Jonas Bens: "Für eine repräsentative Befragung, was die Basis von den Gebühren wirklich haben will, fehlte uns das Geld. Wir stimmen deshalb in den Kommissionen nach unserem persönlichen Dafürhalten." Eben Business as usual, Bens hat außer der Studiengebühren noch mehr Fragen zu erledigen.

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