Bezahlstudium: Schavan stemmt sich gegen das Gebühren-Sterben

Nur noch zwei Bundesländer kassieren 500 Euro pro Semester - und auch dort sind die Studiengebühren umstritten. Bildungsministerin Schavan wirbt trotzdem für das Auslaufmodell. In einem Interview sagte sie, eine flächendeckende Campus-Maut würde zwei Milliarden Euro bringen.

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Ministerin Schavan: Zwei Milliarden durch flächendeckende Gebühren

Ein Bundesland nach dem anderen hat sie abgeschafft, nur Bayern und Niedersachsen bitten ihre Studenten für das Erststudium noch zur Kasse - und auch hier ist fraglich, wie lange es noch Studiengebühren geben wird. Das Bezahlstudium ist ein Auslaufmodell; zu besichtigen ist das Siechtum eines von Anfang an umstrittenen bildungspolitischen Instruments, das nur noch wenige Freunde hat.

Zu denen allerdings zählt nach wie vor die Bundesbildungsministerin: Annette Schavan (CDU), die gerade ankündigte, sich aus der CDU-Parteispitze zurückzuziehen, hat in einem Interview für den Erhalt der Studiengebühren geworben. "Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Studiengebühren die Angebote für Studierende verbessern", sagte Schavan der "Rheinischen Post".

Das Interview dreht sich um mehrere Themen, nur zwei Fragen beschäftigen sich mit dem Thema Bezahlstudium. Schavans Argument dafür lautet: "Hätten wir flächendeckend Studiengebühren, dann wären jährlich zwei Milliarden Euro mehr im System." Und Schavan warnt vor einem Qualitätsverlust, wenn Bundesländer die Gebühren abschaffen und sie den Hochschulen nicht ausreichend Geld zum Ausgleich zur Verfügung stellen.

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Das ist keine ganz neue Position der Ministerin, aber sie ist insofern bemerkenswert, weil selbst in den schwarz-gelb regierten Noch-Gebührenländern Bayern und Niedersachsen unklar ist, ob Studenten auch künftig 500 Euro pro Semester zahlen müssen. In Bayern muss das Verfassungsgericht entscheiden, ob ein Volksbegehren gegen die Gebühren verfassungskonform ist. Das könnte den Streit im Herbst noch einmal befeuern. In Niedersachsen wiederum steht eine Landtagswahl an - und die Oppositionsparteien würden die Gebühren gern abschaffen, falls sie gewinnen.

Wie abschreckend sind die Gebühren nun eigentlich?

Ob man Studenten für ihr Studium bezahlen lassen soll, darüber wurden in den vergangenen zehn Jahren heftige Debatten geführt, es gab Proteste und Demonstrationen. Mehrere damals unionsregierte Bundesländer führten das Bezahlstudium ein, in den meisten von ihnen wurden die Gebühren mittlerweile wieder abgeschafft, häufig nach Wahlerfolgen von SPD und Grünen.

Das Hauptargument der Gebührengegner: Das Bezahlstudium würde vor allem Ärmere abschrecken. Das ist allerdings eine umstrittene These, es gibt auch renommierte Wissenschaftler, die ihr widersprechen. Ebenso gibt es Indizien und Berichte, die die These stützen. Auch lässt sich nicht belegen, dass Gebühren das Studium verbessern.

Während die Diskussion in Deutschland langsam erlahmt, ist sie in anderen Ländern heftig aufgeflammt. In England etwa wurden die Gebühren kräftig erhöht, weshalb die Bewerberzahlen an den Hochschulen zurückgehen und Studenten von dort vermehrt nach Deutschland ziehen wollen. Auch in Kanada toben heftige Proteste, weil die Gebühren erhöht werden sollen.

otr

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insgesamt 85 Beiträge
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1. Bundesbildungsministerin im Paralleluniversum
rainer_daeschler 22.08.2012
Von den Einnahmen aus dem Studiengebühren ging ein beträchtlicher Teil für den Einzug der Gelder und ihre Verwaltung drauf. Mehreinnahmen von 2 Mrd. €, wenn alle Länder sie einziehen würden, ist der Traum einer Bundesbildungsministerin, die in einem Paralleluniversum lebt. Bei den Erhebungen, ob sie abschreckend wirken, wird immer ausgeklammert, wie viele deswegen nach Aufnahme des Studiums aus finanziellen Gründen aufgeben mussten. Die Studienggebühren brachten kaum Entlastung für die Universitäten, aber eine sichere Belastung für die Studenten, insbesondere die unter ihnen, die ihr Studium durch Arbeit finanzieren müssen. Die Studiengebühren wurden zeitgleich eingeführt, wo Ferienarbeitsjobs massiv abgebaut wurden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
2. Deutschland, ein Trauerspiel
jObserver 22.08.2012
Selbst hochrangige Grüne waren für die Gebühren. Auch Landesminister für Wissenschaft, deren Ministerium sie abgeschafft hat! Die Gebühren waren ein kleiner Beitrag der Studenten. Ein für jeden finanzierbarer Beitrag, notfalls per zinsfreiem Landeskredit! Er ist den politischen Tod gestorben, weil man per se dagegen war. Nein, nicht der Großteil des Geldes ist versickert, Herr Däschler (Post #1)! Ein winziger Teil durfte überhaupt an die Verwaltung gehen, der Großteil musste fast überall den Fakultäten zukommen. Hier wurden Bücherkäufe verdoppelt, die Öffnungszeiten der Bibliothek verlängert - und andere Dinge geplant, aber von anderen Studiengängen per Veto im Senat verhindert. Wer die Zeche zahlt, der bestimmt was bestellt wird. Indem die Studierenden (un dich bin selber einer!) NICHTS zahlen (für den UNI-Betrieb, nicht Verwaltungsgebühren und Studentenwerk!), haben sie jegliche Mitbestimmung verwirkt. Ihre Stimme ist nichts weiter als ein leeres Krächzen, und das zurecht!
3. Mir ist schlecht vor Glück,
KarlNielz 22.08.2012
Interviews mit ihr hatten immer einen besonderen Charme keine Interview Frage wurde jemals direkt von ihr beantwortet. immer dieselbe Abfolge; Irgendwas mit Menschen und bemühen, Grinsen dann indirekter Hinweis zur eigentlichen Ausgangslage, Danke Lächeln und verlassen des Interviewortes. Kann einer von den Journalisten bitte mal das durchbrechen, ihr zb. am Anfang lasziv oder unterschwellig Honig ums Maul schmieren. Ist echt eine Zumutung, für den Wähler. Jetzt hat Frau Zynik wieder mal ihre Akzente gesetzt - der Rentnerwähler wird drauf anspringen. Seit es Forsa Umfragen gibt, das Älteren Menschen Studiengebühren bzw. die nächste Generation egal ist(ist ein Umfrageergebnis, nicht eine generelle Behaubtung meinerseits), gibt es diesen Rattenfängergesang. Jetzt ratet mal, wer demnächst das lied von der Rentenerhöhung anstimmt - unsere schlaue Schavan?
4.
arrow64 22.08.2012
Studiengebühren ab dem ersten Semester ist Schwachsinn. Aber warum hat man damals das Problem nicht an der Wurzel gepackt und die Gebühren nur für die Endlosstudierer (aka: Berufsstudenten) etabliert und das Kind mit dem Bade ausgeschüttet? Und warum ist das heute scheinbar keine Option mehr? Nicht mal für die Bundesländer, die die Studiengebühr schon abgeschafft haben? Dann aber auch bitte nicht über überfüllte Hörsöäle jammern!
5. Mal so ins Blaue gesucht ...
signalfarbe 22.08.2012
Zitat von rainer_daeschlerVon den Einnahmen aus dem Studiengebühren ging ein beträchtlicher Teil für den Einzug der Gelder und ihre Verwaltung drauf. Mehreinnahmen von 2 Mrd. €, wenn alle Länder sie einziehen würden, ist der Traum einer Bundesbildungsministerin, die in einem Paralleluniversum lebt. Bei den Erhebungen, ob sie abschreckend wirken, wird immer ausgeklammert, wie viele deswegen nach Aufnahme des Studiums aus finanziellen Gründen aufgeben mussten. Die Studienggebühren brachten kaum Entlastung für die Universitäten, aber eine sichere Belastung für die Studenten, insbesondere die unter ihnen, die ihr Studium durch Arbeit finanzieren müssen. Die Studiengebühren wurden zeitgleich eingeführt, wo Ferienarbeitsjobs massiv abgebaut wurden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Sollte die Uni Augsburg repäsentativ sein, wären es nach dieser Information Verwendung der Einnahmen aus Studienbeiträgen (http://www.uni-augsburg.de/studium/studienbeitraege/) etwa 5-6% (*). (* 6.354.240,00 Einnahmen, davon "2 Prozent einschließlich der Verrechnung von Vorauszahlungen (127.084,80,- Euro) in den Sicherungsfonds bei der LfA Förderbank Bayern abgeführt" und dann noch "Für die Finanzierung des für die Beitragserhebung und den verwaltungsmäßigen Vollzug erforderlichen Personal-, Raum- und Sachaufwandes wurden 219.412,50,- Euro entnommen.")
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