Studiengebühren: Studenten-Geld verheizt, versenkt und versteckt

Von Vanessa Klüber und

Die letzten Bezahl-Bastionen wanken: Nur noch Bayern und Niedersachsen verlangen Studiengebühren von bis zu 500 Euro pro Semester. Im Süden beginnt jetzt die Einschreibefrist für ein Volksbegehren. Doch wofür haben die Hochschulen die Studenten-Millionen eigentlich ausgegeben?

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Anti-Gebühren-Proteste im November: Die Wut war und ist groß bei den Studenten

Eine Insel, da ist eine Insel mit zwei Bergen - und die heißen Bayern und Niedersachsen. Nur diese beiden Bundesländer verlangen von ihren Studenten 500 Euro pro Semester, damit sie die Uni besuchen dürfen.

Noch. Denn in beiden Ländern steht den Gebührenbefürwortern - um im Bild zu bleiben - das Wasser bis zum Hals: Die Niedersachsen wählen am Sonntag ein neues Parlament, und es ist durchaus möglich, dass die schwarz-gelbe Koalitionäre und damit die Befürworter des Bezahlstudiums nicht bestätigt werden. In Bayern wiederum beginnt am Donnerstag die Frist für das groß angelegte Volksbegehren gegen die Gebühren: Binnen zwei Wochen müssen sich zehn Prozent der Wahlberechtigten eintragen, mehr als 900.000 Unterschriften. Die erste Hürde (25.000 Unterschriften) haben die Gebührengegner zuvor bereits genommen. In einer Umfrage für den Bayerischen Rundfunk sprachen sich zuletzt 72 Prozent der Befragten gegen die Gebühren aus.

Das Thema brachte auch Schwarz-Gelb in Bayern gegeneinander auf. CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer, stets flexibel bei der eigenen Meinungsfindung, wandelte sich vom Gebührenfreund zum -gegner und verärgerte so die FDP. Das Regierungsbündnis drohte zu zerbrechen, jetzt wollen beide Parteien das Ergebnis des Volksbegehrens abwarten.

Wofür haben die Hochschulen das Geld ausgegeben?

Die Chancen für ein Ende der Gebühren in Bayern und Niedersachsen und somit in ganz Deutschland stehen also nicht schlecht. Umstritten waren sie von Anfang an, auch wenn niemand so genau weiß, welche Effekte das Bezahlstudium tatsächlich hat: Schrecken die Gebühren Studenten aus ärmeren Familien ab? Verbessern sie die Lehre? Es gibt Studien und Auswertungen, die dieses bestätigen und jenes bezweifeln - und umgekehrt. Manch ein Uni-Präsident verdammte die Gebühren, andere forderten sie lautstark. Sicher aber ist: Immer wieder gaben Hochschulen das Studentengeld für teils fragwürdige, teils skandalöse Projekte aus, wie ein Rückblick zeigt:

  • Die Uni Bonn wollte im November 2008 Studiengebühren für sanitäre Zwecke verwenden. Für 545.000 Euro sollten die heruntergekommenen Toiletten saniert werden, das hatte der Senat beschlossen. Der Asta bestand jedoch - durchaus nachvollziehbar - darauf, dass es sich beim Klobesuch um ein Grundbedürfnis handelt und Toiletten zur Grundausstattung einer Universität gehören. Für die Grundausstattung, so die Richtlinien in den Gebührenländern, dürfen Universitäten aber keine Studiengebühren verwenden. Der Uni-Senat fand dann trotzdem einen Weg, wie der Haushalt der Universität geschont werden könnte: Durch die Privatisierung der Toiletten und die Einführung einer Klo-Maut, so wie in Autobahnraststätten.
  • Schlechte Noten, Stress mit den Freunden, Ärger über Studiengebühren: Über solche Dinge können sich Münchner Studenten seit Anfang 2011 bei einem Callcenter beschweren. Die LMU München richtete es für rund 100.000 Euro ein, dazu kommen 165.000 Euro Gehalt. Würden Studiengebühren in Bayern abgeschafft, müsste das Callcenter aus Landesmitteln bezahlt oder geschlossen werden.
  • Für diese Idee hatte der Asta der Universität Hohenheim ihren Rektor als Sonnenkönig Ludwig XIV. dargestellt: Er wollte die Studiengebühren für Heizkosten ausgeben, 1,6 Millionen Euro. Hintergrund: Baden-Württemberg hatte zuvor den Heizkostenzuschuss gestrichen, so dass es ein Haushaltsdefizit von 3,2 Millionen Euro gab. Das Haushaltsloch sollten die Studenten zur Hälfte stopfen.
  • Die Uni Erlangen-Nürnberg fand, dass im Hörsaalfoyer der Technischen Fakultät "Chaos-Möbel" stünden. Darüber berichtet der Landesvorstand der Hochschulgruppe der Grünen Ende 2012. Gemeint war eine bunte Zusammenstellung von geborgten Möbeln, die durch hochwertige Tische und Stühle ersetzt wurden. Und zwar aus dem Studiengebührentopf. Das Bauamt machte jedoch bald darauf klar, dass die Möbel dort aus Brandschutzgründen nicht stehen dürften. "Die Tische verschwanden in einem Konferenzraum", berichten die grünen Hochschulpolitiker, "sozusagen in der Versenkung."
  • Nicht immer gaben Universitäten Studiengebühren für schnöde Grundausstattung aus. An manchen Universitäten sollte der Spaßfaktor nicht zu kurz kommen. Die Hochschule Osnabrück leistete sich zum Beispiel ein Drachenboot, mit dem die Ruderer der Uni auf dem Dortmund-Ems-Kanal Rennen veranstalten. Das Boot kostete 40.000 Euro. Das war zwar ein Schmankerl für die Sportler - aber ein Ärgernis für Gebührengegner.
  • So umgeht man Rechtfertigungen für haarsträubende Ausgaben: Man gibt die Studiengebühren einfach gar nicht aus, sondern bunkert sie. Hunderte Millionen Euro lagen zum Teil ungenutzt auf den Konten der Hochschulen. In Hamburg stauten sich zwischenzeitlich 35 Millionen Euro Studiengebühren an, in Bayern waren es im Jahr 2009 rund hundert Millionen Euro, in Niedersachsen im Jahr 2011 78 Millionen Euro.

Sieben Länder hatten die Gebühren in den vergangenen Jahren eingeführt, fünf schafften sie wieder ab, meist nach Regierungswechseln. Schneller als viele Gebührengegner zu hoffen gewagt hätten, ist das Bezahlstudium so zu einem Auslaufmodell geworden. In Bayern und Niedersachsen steht jetzt die Entscheidung an.

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insgesamt 159 Beiträge
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1. Fazit....
Mathesar 16.01.2013
....ganz offensichtlich, im Gegensatz zu früheren Aussagen, sind unsere Hochschulen gut ausgestattet und können mit zusätzlichen Mitteln gar nichts anfangen. Auch eine Erkentniss...
2. Macht ja Sinn, daß
knieselstein 16.01.2013
die zukünftigen Besserverdiener gleich von Anfang an besser dran sind, als diejenigen, die ihr Brot mit ihrer Hände Arbeit verdienen müssen
3. Ales was verdreckt ist und unangenehm riecht
si tacuisses 16.01.2013
Zitat von sysopDie letzten Bezahl-Bastionen wanken: Nur noch Bayern und Niedersachsen verlangen Studiengebühren von bis zu 500 Euro pro Semester. Im Süden beginnt jetzt die Einschreibefrist für ein Volksbegehren. Doch wofür haben die Hochschulen die Studenten-Millionen eigentlich ausgegeben? Studiengebühren: Volksbegehren in Bayern sammelt Unterschriften - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studiengebuehren-volksbegehren-in-bayern-sammelt-unterschriften-a-877819.html)
wird durch Persil wieder sauber. So wird der "Persilschein Studiengebühren" folgerichtig genutzt. Wie sagen die Bayern: Wenns schee mocht........
4. Was nichts kostet ist auch nichts!
Bourgeois2000 16.01.2013
Außerdem ist es auch sehr ungerecht, dass der gemeine unstudierte Steuerzahler den zukünftigen Besserverdienern ihr Studium finanziert.
5. Die Gebühren sollten abgeschafft
gifmemore 16.01.2013
und das vorhandene Geld für die Sanierung von Grund und Mittelschulen ausgegeben werden. Wenn die Unis keinen Bedarf haben, dann nützt es so zumindest denen, die so bessere Bedingungen brauchen, um nachher an die Unis gehen zu können. Die Unis haben Millionen ohne Ende und die Schulen kein Geld für dringend notwendige Renovierungen. Es geht nicht darum mehr Lehrer einzustellen, oder die Gehälter nochmal mit dem Geld zu erhöhen (bringt ja keine Qualität wie man in den letzten Jahren gesehen hat), sondern wirklich eine vernünftige Infratruktur zum Lernen zu schaffen. Investitionen in Bildung fängt nicht bei den Unis an, sondern in Grundschulen. Was nützen goldene Elfenbeitürme, wenn das Volk nichts zu essen hat?
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