Sie gingen auf die Straße, sie protestierten, es gab Krawalle; zwei junge Briten klagten sogar vor dem höchsten Gericht des Landes - doch verhindern konnten die Studenten die umstrittene Universitätsreform der konservativ-liberalen Regierung Großbritanniens nicht: Die Höchstgrenze für Studiengebühren in England stieg von 3290 Pfund pro Studienjahr auf 9000 Pfund, umgerechnet etwa 11.500 Euro.
Und das hat Folgen, wie sich jetzt zeigt: Die Bewerberzahlen an den Unis gehen zurück. Eine unabhängige Gebührenkommission kommt in ihrer Analyse zu dem Schluss, dass es etwa 15.000 junge Studienbewerber in England weniger gebe, als es ohne den Aufschlag zu erwarten gewesen wäre. Verglichen wurden die Zahlen vom Studienjahr 2010, als die Gebührenerhöhung noch nicht beschlossen war, mit denen von 2012 - sie fielen demnach um 8,8 Prozent.
Dieser Rückgang könne nur teilweise mit der demografischen Entwicklung erklärt werden, heißt es in dem Kommissionsbericht. Zwar gebe es insgesamt weniger junge Briten, doch sei auffällig, dass die Bewerberzahlen vor allem in England zurückgegangen sind.
Wie die Gebühren in Deutschland aussterben
In den anderen Landesteilen Großbritanniens, also in Wales und Nordirland, wo die Studiengebühren bei gut 3000 Pfund gesetzlich gedeckelt sind, sowie im gebührenfreien Schottland, ließ sich ein solch massiver Rückgang nicht festellen. Unlängst meldete der Deutsche Akademische Austauschdienst, die günstigen Studienangebote in Deutschland seien wegen der englischen Horrorgebühren bei jungen Briten gefragt wie nie.
Wie abschreckend Studiengebühren wirken, ist umstritten, auch in Deutschland. Es gibt allerdings Indizien dafür, dass selbst vergleichsweise moderate Studiengebühren Studieninteressierte aus bildungsfernen Familien und besonders junge Frauen abschrecken - unter anderem, weil die das Schuldenmachen für die Hochschulbildung stärker scheuen als Männer.
Der Streit hat hierzulande aber derzeit an Schärfe verloren, weil sich nach und nach fast alle Bundesländer vom unbeliebten Bezahlstudium verabschiedet haben. Mit zwei Ausnahmen: Bayern und Niedersachsen, beide schwarz-gelb regiert, halten daran fest, bis zu 500 Euro pro Semester von den Studenten zu kassieren.
Kommissionsleiter Hutton: Die Gebühren wirken sich negativ aus
Sollte sich bei der niedersächsischen Landtagswahl in einem halben Jahr allerdings die SPD durchsetzen, dürfte sie darauf drängen, die Gebühren abzuschaffen. Und in Bayern tobt derzeit ein Streit darum, ob ein Volksbegehren gegen die Studiengebühren verfassungskonform ist. Bis zum Herbst muss das bayerische Verfassungsgericht darüber entscheiden.
In England hingegen wird nach wie vor heftig über die Campusmaut gestritten. Der Vorsitzende der Gebührenkommission, Will Hutton, Direktor des Hertford Colleges, Oxford, sagte dem "Guardian": "Wir verlangen von unseren jungen Männern und Frauen, mehr Schulden aufzunehmen, als jedes andere Land der Welt." Es sei unklar, ob die Bewerberzahlen in den kommenden Jahren wieder steigen würden - oder ob dies nur die Warnung vor einem besorgniserregendem Trend sei. Die BBC zitiert ihn mit den Worten, es sei zu früh für abschließende Ergebnisse, aber eins sei sicher: Die Gebühren wirken sich auf die Bewerberzahlen aus.
Die britische Regierung vertritt die Position, dass niemand durch die Gebühren vom Studium abgehalten werde. Schließlich gebe es Darlehen, die nur stufenweise zurückgezahlt werden müssen und auch erst ab einem Einkommen von mehr als 21.000 Pfund pro Jahr. Im "Guardian" verweist eine Sprecherin des zuständigen Ministeriums darauf, dass es sich in diesem Jahr noch immer um die zweithöchsten Bewerberzahlen aller Zeiten handele.
otr
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