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Studienplatz-Chaos: Wer will noch einen, wer hat noch keinen?

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Seit Jahren grassiert das Einschreibechaos an Deutschlands Unis, die ihre Erstsemester selbst auswählen wollen und dürfen. Das System ist ein Fiasko: Noch lange nach Semesterbeginn blieben 18.000 Studienplätze frei - trotz x-fachen Nachrückens, wie ein noch unveröffentlichter Bericht zeigt.

Geschafft! Einen Platz an einer Uni zu ergattern, kann sehr nervenaufreibend sein Zur Großansicht
dpa

Geschafft! Einen Platz an einer Uni zu ergattern, kann sehr nervenaufreibend sein

Hat da etwa jemand gerufen, die ZVS war gar nicht soooo schlecht? Die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, eine Behörde in Dortmund, hatte viele Jahre lang ein massives Imageproblem, galt als bürokratisches Monstrum und graugesichtige "Studentenlandverschickung". Indes: Über Jahrzehnte gelang es ihr, Studienbewerber in etlichen Numerus-clausus-Fächern recht still und effizient zu sortieren und auf Deutschlands Hochschulen zu verteilen. Bis die Politik die ZVS überflüssig machen und den Hochschulen mehr Eigenverantwortung bei der Studentenauswahl geben wollte.

So geschah es ab 2003: Die ZVS spielte eine immer kleinere Rolle, die Unis und Fachhochschulen steuerten fortan die Zulassungsbeschränkungen und den Studentenzustrom selbst - und scheiterten vielfach so umfassend, dass ein großes Raunen, Murren und Zürnen bei den Abiturienten anhob. Im vergangenen Jahr wurde es nicht leiser, im Gegenteil: Viele Bewerber wurden von hier nach dort geschoben, erhielten gar keinen Studienplatz oder erst lange nach Vorlesungsbeginn - obwohl zugleich etliche Plätze frei blieben.

Das ist jetzt bei den Ländern deutlich in Zahlen dokumentiert: Entgegen den Beteuerungen von Hochschulrektoren und Politik haben sich die Probleme bei der Studienplatzvergabe auch in diesem Wintersemester wiederholt. Nach einem bislang unveröffentlichten Bericht der Landeskultusminister an das Bundesbildungsministerium waren gut vier Wochen nach Beginn des Wintersemesters "mindestens 18.000 Studienplätze" in den örtlich zulassungsbeschränkten Studienfächern unbesetzt.

Bis zu acht Nachnominierungen

In dem Bericht, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es weiter, an einzelnen Universitäten waren bis zu acht Nachrückverfahren erforderlich, die sich zum Teil weit in das laufende Semester hineinzogen. Dadurch werde bei den meist noch sehr jungen Studienanfängern "ein erfolgreicher Start ins Studium erheblich beeinträchtigt".

Das gegenwärtige System einschließlich der Nachvermittlung über eine Studienplatzbörse nennen die Autoren des Berichts "unbefriedigend". Ziel müsse es sein, die Studienplätze bereits vier Wochen vor Vorlesungsbeginn zu vergeben, um genügend Zeit für die Wohnungssuche wie Umzugs- und Studienvorbereitung einzuräumen.

Tatsächlich stehen Abiturienten in Deutschland vor einem Dilemma: Fragt sich der Bewerber, ob er Wirtschaftswissenschaften in München, Berlin, Frankfurt oder Mannheim studieren soll oder doch lieber Psychologie in Münster oder Heidelberg, dann probiert er besser erst einmal alles. Der flexible Abiturient sorgt aber damit im unüberschaubaren Vergabesystem für einen großen Haufen Probleme. Der Ministerbericht an Bundesbildungsministerin Schavan führt an, im vergangenen Herbst hätten sich viele Bewerber "parallel an mehr als zehn Hochschulen beworben".

Trotz Bewerberandrang viele freie Plätze

Den Studieninteressenten kann man das kaum krumm nehmen, sie können ihre eigenen Chancen kaum einschätzen. Darum ist die Massenbewerbung an diversen Hochschulen und für mehrere Fächer für viele Abiturienten normal geworden - man möchte zum Semesterstart im Oktober ja nicht ohne Studienplatz da stehen.

Klagen über das alljährliche Einschreibchaos an den Hochschulen gibt es nun schon seit Jahren. Und eine Lösung steht immer noch aus. Heute vergibt die Dortmunder ZVS nur noch die Studienplätze in Medizin und Pharmazie bundesweit, für die anderen akademischen Disziplinen sind weitgehend die Hochschulen selbst zuständig. Sie müssten sich intensiv untereinander abstimmen. Doch das gelingt kaum - Mehrfachbewerbungen und Doppeleinschreibungen führen zur Blockade freier Studienplätze.

Seit Jahren schaukeln sich die Zahlen der Mehrfachbewerbungen, der überbuchten und trotzdem frei bleibenden Studienplätze gegenseitig hoch. Universitäten in Nordrhein-Westfalen etwa zählten zum aktuellen Wintersemester im Durchschnitt pro zulassungsbeschränktem Studienplatz das Neunfache an Bewerbern. Trotzdem waren zum Semesterstart in manchen Fächern "bis zu 35 Prozent der Studienplätze unbesetzt", heißt es in dem internen Papier. Anfang November, also einen guten Monat nach Semesterbeginn, waren noch immer zwischen 8 und 18 Prozent der Studienplätze frei.

Die Resterampe wird genutzt - und nützt wenig

Abhilfe soll künftig ein computergesteuertes "dialogorientiertes Serviceverfahren" schaffen, auf das sich Bund, Länder und Hochschulrektoren im März 2009 verständigt hatten. Es kann aber frühestens im Herbst 2011 seine Arbeit aufnehmen - und ob es dann wirklich funktioniert, muss sich noch zeigen.

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre lassen eher das Schlimmste befürchten. Da gibt es zum Beispiel die gemeinsam von Hochschulrektorenkonferenz und ZVS zum Wintersemester 2009/2010 angebotene Übergangslösung einer Studienplatzbörse zur Nachvermittlung freier Plätze. Sie habe bei Studieninteressenten wie auch bei den Hochschulen ein "positives Echo" ausgelöst, heißt es in dem Kultusminister-Papier.

Allerdings hat die Resterampe für freigebliebene Plätze einen gravierenden Nachteil: Sie gleicht nicht ab, wer nun einen Platz bekommen hat und wer nicht. Damit ist sie nur eine bessere Pinnwand, an der Studenten auf der Suche nach freien Plätzen mal vorbeischauen können. Nett gemeint, aber dieser Service kann das Problem sicher nicht lösen.

Die Minister halten das Portal trotzdem für erfolgreich - weil es seit dem Start im September 2009 rund 400.000 Online-Zugriffe gegeben habe. "Das eigentliche Problem" der nicht abgeglichenen Mehrfachbewerbungen und langwierigen Nachrückverfahren habe die Studienplatzbörse "jedoch nicht beheben" können. An der Börse haben sich 163 der 187 staatlichen Hochschulen beteiligt, die Studienplätze mit örtlichen Zulassungsbeschränkungen anbieten.

"Ineffiziente Tombola"

Die Bildungsgewerkschaft GEW bezeichnete die Hochschulen als "überfordert" bei der Vergabe von Studienplätzen. "Das Zulassungschaos, das bereits ins fünfte Jahr geht, wird auf dem Rücken der jungen Menschen und ihrer Zukunftschancen ausgetragen", sagte der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne am Mittwoch, "es schreckt von der Aufnahme eines Studiums ab". Dabei brauche Deutschland mehr Akademiker. Thöne forderte ein Bundesgesetz, das die Hochschulzulassung regeln müsse. Dafür habe der Bund auch nach der Föderalismusreform die Kompetenz.

Der Grünen-Politiker Kai Gehring sprach von einer "ineffizienten Tombola". Bundesbildungsministerin Schavan dürfe den Missstand kein Semester länger tolerieren und müsse gemeinsam mit den Ländern und Hochschulen "ihre Lehre aus dem Desaster ziehen". "Es ist skandalös, dass mit den Mitteln von Bund und Ländern zuerst teure Studienplätze geschaffen werden, die dann achselzuckend unbesetzt bleiben", so Gehring.

Mit Material von dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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1. -
meinefresse 03.02.2010
Was spircht dagegen, der (bewährten) ZVS wieder ihre ursprünglichen Kompetenzen zu geben? Die Föderalismusreform?
2. Interessiert keine Sau....
hlschorsch 03.02.2010
Diese Entwicklung war von Anfang an absehbar und zeigt deutlich, dass Lehre und Ausbildung wirklich keine politische Sau ernsthaft interessiert. Sonst hätte man die ganzen Bildungs-Provinzfürsten mal entmachtet, die Ausbildung der nächsten Generation zur Bundesaufgabe gemacht und nicht als Joker für die Föderalismusreform benutzt. Dazu kommt noch, dass - gefödert durch die Exzellenzinitiative - auch an den Unis die Lehre keinen interessiert. So strebt die Finanzierung und damit das Niveau unaufhaltsam auseinander und führt dazu, dass an manchen Unis die Ausbildung nur noch mit Drittmitteln aufrechterhalten werden kann. Es ist lachhhaft, dass wir als Industrieland nicht mal gemeinsame Standards in den Schulen hinkriegen.
3. -
LenaKob 03.02.2010
Nein. Ich glaube mal gelesen zu haben, dass einfach keiner die ZVS bezahlen mag. Sollt sie die Aufgabe der Verteilung wieder übernehmen, müßte irgendwer das bezahlen. Und weils keiner machen mag, doktorn sie einfach weiter herum und beschließen ineffektive (günstigere) Tauschplatzbörsen - auf den Rücken der Abiturienten.
4. Studienplätze
Fishbed 03.02.2010
Wo soll denn bitte der Unterschied sein, ob sich ein Abiturient nach Ende seiner Schulzeit bei 10 Unis bewirbt oder ein Realschüler bei 10 Firmen? Das Problem ist eher, dass man sich an Hochschulen nicht bewerben kann, bevor man den entsprechenden Abschluss hat(auch wenn er vorr. erreicht wird) und die Unis nicht gerade schnell arbeiten. Man bewirbts sich ja auch schon auf seine erste Stelle bevor man seinen Uni Abschluss hat, oder? Kleines Beispiel: Bewerbung an der HTWG Konstanz. 15.07. ist anmeldeschluss, am 30.07. hatte ich meine Zulassung und 2 Wochen Zeit zu-oder abzusagen. Am Ende war der Studiengang mit wenigen nachrückern voll. Meinem Bruder ging es 2 Jahre später ähnlich. Es kann also funktionieren. Problematisch wirds natürlich, wenn manche Hochschulen vor Ende August nichts verschicken. Im Prinzip sollte es in meinen Augen so laufen: Man verschickt die Zusagen und sobald der erste Student absagt rückt automatisch der nächste auf der Liste nach. Am besten die Zusagen auch noch online machen lassen, dann braucht ein Computer nur noch den nächsten Brief drucken. Und wenn man nach einer funktionierenden ZVS sucht lohnt sich der Blick nach England. Die Bewerbung erfolgt 1 Jahr vor Ende der Schulzeit und man bewirbt sich trotzdem auf Plätze an bestimmten Hochschulen. Man landet also nicht ungefragt am Arsch der Welt. Alle wichtigen Deadlines müssen online eingehalten werden, was v.A. Ausländischen Studenten die Teilnahme erleichtert. Und UCAS hat trotzdem den Überblick und kann Studenten, die keinen platz an ihren Wunschhochschulen bekommen haben immer noch andere Unis vorschlagen.
5. Deadlines für alle
Nellas 03.02.2010
Ich denke, ein Problem, das die vielen Nachrückverfahren verursacht, ist, dass jede Uni einfach ihr eigenes Süppchen kochen darf, was die zeitliche Gestaltung der Studienplatzvergabe angeht - ich habs an der eigenen Bewerbung zu spüren bekommen, war schon an einer Hochschule eingeschrieben, bevor ich von anderen überhaupt irgendetwas gehört habe, die letzten Absagan kamen erst Mitte September; Was dazu führt, dass man sich erst bei A einschreibt, dann bei B im Nachrückverfahren noch einen Platz bekommt, sich wieder exmatirkuliert, wieder immatrikuliert... Ist auch für die Bewerber nicht schön, da so in der Luft zu hängen und keine Ahnung zu haben, wies im Leben weitergeht - wenn man nichts NC-freies studieren möchte oder zumindest als Ausweichmöglichkeit hat... Mein Vorschlag: Wie für die Studenten, die sich ja fristgerecht bewerben müssen, sollte man auch für die Unis feste Fristen einführen. Bis Anfang August die ersten Zusagen, Immatrikulation bis max. Mitte August, dann das erste Nachrückverfahren laufen lassen. Klar, eine Lösung, die alle Probleme beseitigt ist auch das nicht, aber es würde die Sache doch vereinfachen, weil diejenigen, die mehrere Zusagen erhalten, alle auf einmal haben und somit zumindest weitestgehend vermieden werden kann, dass sich schon immatrikulierte Studenten wieder exmatrikulieren, um an einer anderen Uni, die später zugesagt hat, zu studieren... Außerdem würde es die Nachrückverfahren schneller bzw. zeitnäher an der Bewerbung durchführen zu können, so dass im Idealfall Zusagen nicht erst kurz vor oder sogar schon nach Vorlesungsbeginn verschickt werden.. Gut, eine prinzipielle Lösung für das Problem ist der Vorschlag nicht - wurde das eigentlich trotzdem mal von der Politik diskutiert und ich habs nicht mitbekommen? Ich meine, die Idee liegt ja eigentlich auf der Hand - aber immerhin eine Maßnahme, die die ganze Sache für die Studenten ein wenig erleichtert... In der Hoffnung darauf, dass sich die nächsten Jahrgänge etwas besser durch den Bewerbungsdschungel finden werden als meine "Studentengeneration", Nellas
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