Studienplatzvergabe: Alles bleibt chaotisch

Studienplätze sind begehrter denn je, trotzdem bleiben wegen der mangelhaften Zulassungsverfahren der Unis jährlich Tausende frei. Ein bundesweites Vergabesystem rückt nun erneut in weite Ferne. Auch die doppelten Abi-Jahrgänge 2012 schlittern damit absehbar ins Bewerber-Chaos.

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Abiturienten: Nach der Prüfung ist vor der Studienplatzsuche - und die bliebt schwierig

Sei Jahren wiederholt sich zum Semesterstart das gleiche Chaos: Tausende Studienplätze werden zu spät oder gar nicht besetzt. Eine zentrale Bewerbungsplattform im Internet sollte das schon längst beendet haben. Doch jetzt ist klar: Auch im kommenden Jahr wird sie wegen technischer Probleme nicht flächendeckend starten. Das vollständige Erreichen der "angestrebten Effekte kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt für das Wintersemester 2012/13 nicht gewährleistet werden", teilte die verantwortliche Stiftung hochschulstart.de mit.

Hochschulstart.de ist die Nachfolgerin der Dortmunder Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS). Seitdem sie weitgehend entmachtet wurde, verteilen die meisten Hochschulen die Studienplätze selbst - nach eigenen Kriterien: Die eine Uni gewichtet die Mathe-Note doppelt, die nächste will ein Motivationsschreiben, die Dritte einen Lebenslauf in englischer Sprache. Um ihre Chancen zu erhöhen, bewerben sich viele angehende Studenten an mehreren Unis - und bekommen auch mehrere Zusagen, sagen aber oft Studienplätze nicht wieder ab. Dadurch blieben zuletzt trotz Bewerbermassen fast 17.000 Studienplätze in den begehrten Numerus-Clausus-Fächern frei.

Um das zu verhindern, wurde das Online-Portal entwickelt, an dem sich auch der Bund mit 15 Millionen Euro beteiligt. Nimmt der Bewerber einen Studienplatz an, wird er für andere Hochschulen gesperrt. Für freie Plätze gibt es eine Warteliste. Seinen Rang kann der Bewerber im Internet einsehen. So der Plan.

Grüne: Schavan nur "Zaungast"

Den Start hat hochschulstart.de nun schon mehrfach verschoben, zuletzt im vergangenen Frühjahr. Die Anbindung der neuen bundesweiten Zulassungssoftware an die Systeme der Unis will nicht richtig funktionieren. Und für die sollte die Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) sorgen. - ein Hochschuldienstleister für Software-Lösungen aber auch für wissenschaftliche Studien, an dem der Bund mit einem Drittel beteiligt ist.

Der Stiftungsrat mit Vertretern von Bund, Ländern und Hochschulen hat sich am Donnerstag zu einer ganztägigen Krisensitzung getroffen und entschieden: Zum Wintersemester 2012/13 soll nur ein Pilotbetrieb starten. Nach und nach sollen mehr Hochschulen am System teilnehmen - "um mittelfristig eine flächendeckende Teilnahme zu realisieren", wie hochschulstart.de in seiner Pressemitteilung schreibt. Erfolgreich ist das System aber nur dann, wenn möglichst alle Hochschulen teilnehmen.

Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, spricht von organisierter Verantwortungslosigkeit: "Dilettantisches Projektmanagement und politisches Versagen des Bundesbildungsministeriums haben zur Verschleppung und Verschärfung der Zulassungsprobleme geführt." Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) dürfe nicht länger als Zaungast zuschauen. Auch die Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag, Ulla Burchardt (SPD), kritisiert in der "Süddeutschen Zeitung" die erneute Verzögerung: Sie spricht von einer "traurigen Fortsetzung des Zulassungschaos", unter dem die Studienbewerber leiden müssen.

In diesem Semester haben sich deutlich über 500.000 Erstsemester ins Studium gequetscht - so viele wie nie zuvor. Vor allem die doppelten Abi-Jahrgänge in Bayern und Niedersachsen sowie die Aussetzung der Wehrpflicht sind dafür verantwortlich. Doch auch in den kommenden Jahren bleiben die Bewerberzahlen vermutlich hoch, wenn 2012 in Baden-Württemberg, Berlin und Brandenburg, 2013 dann in Nordrhein-Westfalen doppelte Abiturjahrgänge an die Unis drängen.

fln/dpa

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Bildungs-Chaos wo man hinschaut
neinsoetwas 17.12.2011
Die großen Absolventenzahlen kennt man doch seit Jahren. Aber jeder kleine Landespolitiker möchte da noch ein wenig Bedeutsamkeit untermischen (und wenn er auch zu einer mikroskopisch kleinen Splitterpartei gehört). Griechenland ist überall!
2. Die Folgen des Reformwahns
skepti 17.12.2011
Ein gutes Beispiel, wie pseudoliberale "Entbürokratisierung" zu Chaos führt. Die ZVS hatte ihre Aufgabe immer zuverlässig erfüllt. Bürokratisch, transparent, zuverlässig und für alle Bewerber gleich. Dann fing der Reformverschwurbelungswahn an und man meinte, man müsse die Studienplatzvergabe in Zukunft individueller, moderner, mit mehr Softskills und natürlich irgendwie Software umsetzen. Universitäten müssen "unabhängiger" werden und "wie Unternehmen handeln". Dummerweise sind Universitäten keine Unternehmen und Studeten keine Kunden. Man hätte wissen müssen, dass Studenten Angst haben, am Ende ohne Studienplatz dazustehen und sich an sehr vielen Unis bewerben und zugesagte Plätze spät oder gar nicht wieder ablehnen, sondern einfach nicht auftauchen. Das neue System wird nie so gut wie die ZVS funktionieren. Das Beste wäre, man gesteht sich ein, dass die Reform gescheitert ist und kehrt zur ZVS zurück.
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