Es ist nicht absehbar, wann das Warten und das Chaos ein Ende haben. Seit Jahren ist eine Internet-Plattform geplant, mit der die Vergabe von Studienplätzen bundesweit geregelt werden soll, doch ihr Start wird immer wieder verschoben.
Jetzt ist die Verzweiflung darüber so groß, dass die Bundesregierung erwägt, den zentralen Anbieter für Hochschul-Software in Deutschland neu zu strukturieren: Das gemeinnützige Unternehmen Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) könnte nach Informationen von SPIEGEL ONLINE seine IT-Sparte verlieren - sie soll möglicherweise privatisiert werden.
Seit Wochen werfen Politiker aus den unterschiedlichen politischen Lagern der HIS vor, versagt zu haben. Zuletzt hatte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Firma scharf angegriffen: "Die Erfahrungen der vergangenen Monate werfen die Frage auf, welchen Wert die Arbeit der HIS eigentlich noch hat." Die Einrichtung habe sich bei dem Projekt "kein gutes Zeugnis ausgestellt".
Sie kritisiert damit eine Firma, die seit über 30 Jahren zu einem Drittel dem Bund und zu zwei Dritteln den Ländern gehört. Für seine staatlichen Auftraggeber erstellt die HIS Verwaltungs-Software und liefert Studien zur Hochschulforschung.
Startschwierigkeiten, von Anfang an
Bei dem Streit geht es um das sogenannte "dialogorientierte Serviceverfahren", mit dem die seit Jahren chaotische Vergabe von Studienplätzen verbessert werden sollte. Denn seit der Entmachtung der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) vergeben die meisten Hochschulen ihre Studienplätze selbst - nach eigenen Kriterien und mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Die Folge: Trotz Bewerbermassen blieben im vergangenen Jahr fast 17.000 Studienplätze in besonders begehrten Fächern frei.
Das neue System sollte das Vergabe-Chaos beenden. Von Anfang an gab es allerdings Probleme bei dem Verfahren. Zuletzt sollten die Hannoveraner IT-Experten der HIS die neu entwickelte Software an die Systeme der Hochschulen anbinden - und scheiterten. Neuer Termin für einen Pilotbetrieb ist nun das kommenden Wintersemester 2012/2013.
Im Dezember erhöhten darum einzelne Landesminister den Druck auf die HIS, etwa Christoph Matschie (SPD) aus Thüringen: "Warum soll der Freistaat Thüringen das Unternehmen weiter finanzieren?", fragte er in der "Welt". Er sehe mehr Gründe für einen Neuanfang ohne die HIS als ein Herumdoktern an zahllosen Missständen.
Die HIS spielte den Ball zurück, ihr Geschäftsführer Bernhard Hartung schimpfte im "Hamburger Abendblatt", die Politik habe Verbesserungen versprochen, ohne zu prüfen, ob die neue Software mit den Programmen an den Hochschulen kompatibel sei. Das Problem laut Hartung: Eine einzige Hochschul-Software gibt es lange nicht mehr, die Programme wurden immer wieder verändert und auf Sonderwünsche der Hochschulen angepasst. Deswegen dauere die Anbindung der neuen Software länger als geplant.
Schavan-Sprecher bestätigt: Privatisierung ist ein "geeigneter Weg"
Jetzt, nachdem HIS von allen Seiten attackiert wurde, sieht es so aus, als ob Bund und Länder die Privatisierung der HIS-IT-Sparte ernsthaft in Betracht ziehen. Der Website studis-online.de ist ein Brief zugespielt worden, der darauf hindeutet. Das Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, stammt von Schavans Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen und richtet sich an die Amtschefs der Wissenschaftsminister der Länder. Darin mahnt das BMBF "Handlungsbedarf" in Sachen HIS an: "Als Gesellschafter der HIS hält der Bund eine Privatisierung der HIS-IT für einen geeigneten Weg." Der HIS-Aufsichtsrat habe entschieden, dass eine Unternehmensberatung Konzepte entwirft, wie das gehen könnte.
Schavans Ministerium bestätigt, dass sich der Bund auf der Gesellschafterversammlung Mitte Januar dafür einsetzen werde, das derzeitige "Geschäftsmodell des Unternehmensbereichs Hochschul-IT sowie alternative Gestaltungsansätze durch Externe prüfen und bewerten zu lassen". Die Gesellschafter, zu denen neben dem Bund die 16 Bundesländer zählen, sollen eine solchen Untersuchung beauftragen. Es sei "verfrüht, über Zeitpläne und weitere Details einer möglichen Privatisierung zu spekulieren", so Schavans Sprecher.
Zu einer möglichen Privatisierung der IT-Sparte will sich die HIS nicht äußern, teilte deren Sprecherin Tanja Meister mit. Zu den Problemen beim Start der neuen Software verweist sie darauf, dass die "HIS für die Anpassung der bestehenden Softwarelandschaft an den Hochschulen keine zusätzlichen institutionellen Mittel erhalten" habe. Anders gesagt: Die HIS habe von der Politik nicht ausreichend Geld bekommen, um die durchaus komplexe Anbindung der Software hinzubekommen. Den Bund kostete das gesamte Projekt bislang 15 Millionen Euro. Die Software, die nun nicht angebunden werden kann, stellte die Telekom-Tochter T-Systems her.
otr/dapd
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