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Genervte Studenten-Berater: Wenn Helikopter-Eltern an der Uni landen

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Mutter hilft Sohn (Symbolbild): "Überinvolviert, überbehütend und einschränkend" Zur Großansicht
Corbis

Mutter hilft Sohn (Symbolbild): "Überinvolviert, überbehütend und einschränkend"

Selbst wenn ihre Kinder schon studieren, können manche Mütter und Väter nicht loslassen. Damit tyrannisieren sie nicht nur ihren Nachwuchs: Uni-Berater erzählen von merkwürdigen Gesprächen mit Helikopter-Eltern.

Es fehlt nicht viel und sie würden auch noch in der Sprechstunde des Professors auftauchen: Eltern, die es nicht lassen können, sich ins Leben ihrer Kinder einzumischen. Auch wenn die schon längst erwachsen sind und studieren.

Sogenannte Helikopter-Eltern sind so fürsorglich, dass es nervt. Sie wissen am allerbesten, was der Sohn studieren soll, manchmal füllen sie seine Bewerbung gleich selbst aus. Sie rufen nicht nur bei ihren Kindern ständig an, sondern auch bei den Hochschulen: "Meine Tochter hat einen Studienplatz in Köln bekommen. Meinen Sie, das geht gut? Köln ist doch so groß..."

Das Zitat ist nicht erfunden. Die Kölner Studienberatung hat es aufgehoben, es stammt von einer besorgten Mutter, die sich telefonisch an die Beratungsstelle wandte. Die Universitäten in Bielefeld und Marburg haben ebenfalls absurde Anfragen von Helikopter-Eltern für SPIEGEL ONLINE gesammelt:

Eine Mutter ruft an.

"Meine Tochter hat einen Studienplatz in Köln bekommen. Wir machen uns so große Sorgen. Meinen Sie, das geht gut? Köln ist doch so groß! Wissen Sie, wir kommen von außerhalb. Wo müssten wir denn eine Wohnung finden, damit sie keine U-Bahn fahren muss. U-Bahn fahren ist doch in Großstädten so gefährlich..."

Mutter und Tochter betreten das Büro.

Der Studienberater fragt die Tochter, was er für sie tun kann. Die Mutter antwortet: "Wir wollen studieren." Darauf seine Antwort: "Das ist aber schön, dass Sie sich beide für ein Studium an der Uni interessieren. Möchten Sie sich beide zu denselben Studiengängen informieren oder interessieren Sie sich für unterschiedliche Studiengänge?" Die Mutter schmunzelt, offenbar hat sie ihr eigenes Verhalten durchschaut. Sie antwortet: "Nein, ich möchte nicht studieren. Meine Tochter will sich informieren" - und gibt das Gespräch an die Tochter ab.

Ein Vater ruft an.

Er hat Tausende Fragen zum Bewerbungsverfahren, da seine Tochter sich einschreiben möchte. Nachdem der Berater ihm haarklein jedes Detail erläutert hat, sagt er: "Das war ja alles gar nicht so schwer, gelle Leona (Name geändert)!" Es stellt sich heraus, dass seine Tochter die ganze Zeit neben ihm saß.

Mutter und Tochter betreten das Büro.

Der Studienberater fragt die Tochter, womit er ihr weiterhelfen könne. Darauf antwortet die Mutter, dass die Tochter studieren und sich über Studiengänge informieren wolle. Der Berater spricht erneut die Tochter an und fragt sie, was sie denn studieren möchte. Darauf antwortet die Mutter: "Entweder Jura oder Lehramt." Von der Tochter kommt noch ein Zaghaftes: "Oder was mit Kunst" - was die Mutter mit einem strafenden Blick tadelt.

Mutter mit Sohn in der Beratung.

Bevor der Berater fragen kann, wie er weiterhelfen könne, erklärt die Mutter, dass sich ihr Sohn über das Studium informieren wolle. Sie sagt, er sei ja alt genug, um selbst zu sprechen und fordert ihn auf, seine Fragen zu stellen. Der Sohn schafft es fast, seine erste Frage zu formulieren - da platzt es aus der Mutter heraus: "Du wolltest doch eigentlich etwas anderes fragen!"

Eine Dame ruft an.

Sie hat eine rasselnde Kettenraucherstimme und erweckt den Anschein, als sei sie schon etwas betagter. Sie gibt "ihre" Matrikelnummer durch, um "ihren" Rückmeldestatus zu erfragen. Im System ist das Geburtsdatum 1996 vermerkt. Eine Auskunft wurde nicht erteilt.

Ein Vater ruft an.

Er fülle gerade die Online-Bewerbung für BWL für seine Tochter aus. Er fragt: "Hier kommt jetzt ein Punkt, an dem man den Abschluss auswählen soll. Was würden Sie da empfehlen? Bachelor ist ja etwas verschrien, da würde ich eher zu Master tendieren. Oder meinen Sie, Staatsexamen ist noch besser?"

Eine Mutter ruft an.

Sie wolle nur mitteilen, dass die Jana (Name geändert) heute krank sei und daher nicht zur Uni kommen könne.

Es ruft ein Erstsemesterstudent an.

Er fragt ängstlich, ob es möglich wäre, dass seine Mutter ihn zu seinen ersten Vorlesungen begleitet.

Eine Mutter ruft an.

Sie erfragt den Bewerbungsstatus ihres Sohns. Man erklärt ihr geduldig das Prozedere, immer und immer wieder, und verweist darauf, dass aus Datenschutzgründen personenbezogene Auskünfte nur an ihren Sohn selbst gegeben werden dürfen. Aufgrund der von ihr geschilderten Sachlage bestehe aber absolut kein Grund zur Beunruhigung. Kurz darauf hört man, wie die Dame eine Treppe hinaufsteigt und an eine Tür klopft. Die öffnet sich und laute Musik ertönt. Die Mutter übergibt das Telefon ihrem Sohn und sagt, er solle mit der Uni sprechen. Daraufhin der Sohn zur Mutter: "Mama! Ich habe alles schon geklärt, es gibt nichts, was man noch besprechen müsste. Warum hast du überhaupt da angerufen, ich habe doch gesagt, es ist alles gut! Maaaann!"

Eine Mutter ruft an.

Sie erkundigt sich nach der Reichweite des Semestertickets. Nachdem man ihr mitgeteilt hat, dass man damit alle öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Hessen und sogar über die Landesgrenzen hinaus nutzen darf, sagt sie enttäuscht: "Und mein Sohn hat gesagt, dass er mit dem Ticket nicht bis nach Hause fahren und uns daher nur so selten besuchen könne."

Ein Großvater ruft an.

Er bittet die Beraterin, auf seine in der Nähe der Hochschule wohnende Enkelin einzuwirken, sich beraten zu lassen, damit aus ihr etwas Gescheites werde. Sein Einfluss auf die Enkelin sei sehr begrenzt, er wohne in einem anderen Bundesland. Deswegen bittet er die Beraterin, die Enkelin von der Notwendigkeit einer Beratung zu überzeugen. Die Beraterin lehnt ab. Der Großvater freut sich dennoch, mal mit jemandem darüber gesprochen zu haben.

Eine Mutter ruft an.

Ihr 14-jähriger Sohn habe gerade ein Schülerpraktikum in der Apotheke absolviert. Nun wolle sie sich nach den Bewerbungsmodalitäten im Jahr 2020 für Pharmazie erkundigen.

Eine Mutter schreibt eine E-Mail an die Studienberatung.

Sie fragt, ob ihr (volljähriger) Sohn überhaupt für das anstehende Semester an der Uni eingeschrieben sei, ob er denn seine Nachprüfung in Mathe bestanden habe, ob er überhaupt schon ECTS-Punkte gesammelt habe, ob die Studienberatung denke, dass er mit seinen Resultaten das Studium überhaupt schaffe... Ihr Sohn selbst habe den Durchblick verloren und wisse nicht, bei wem er was erfragen müsse. Daher frage sie als Mutter nun selbst nach, da sie sich natürlich Sorgen mache.

Die Zitate sind unfreiwillig komisch, aber dahinter steckt eine Herausforderung, vor der die Unis schon länger stehen: Vor allem wegen der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre schreiben sich immer mehr Studenten ein, die noch nicht volljährig sind.

Im Wintersemester 2014/15 studierten an deutschen Hochschulen 3486 minderjährige Studenten. Fünf Jahre zuvor waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamts nur 761. Minderjährige Studenten dürfen sich ohne Einwilligung von Mutter und Vater meist nicht immatrikulieren und keinen Bibliotheksausweis beantragen.

Doch es sind nicht nur die Eltern von Campusküken, die es mit dem Engagement gelegentlich übertreiben. "Jüngere Studierende sind zwar eher betroffen", sagt Daniel Wilhelm von der Universität Bielefeld. Aber es gebe auch 30-Jährige, deren Eltern "überinvolviert, überbehütend und einschränkend" seien.

Neben diesen drei Eigenschaften hätten Helikopter-Eltern auch die Angewohnheit der "externalen Schuldzuweisung", wie Wilhelm das nennt: "Sie machen stets andere, zum Beispiel die Hochschulen, verantwortlich, wenn bei ihren Kindern etwas schiefläuft."

"Hört mal, gewisse Dinge würde ich gern allein machen"

Der 38-Jährige berät seit zwölf Jahren Studenten in der Bielefelder Studienberatung. Zudem hat er bundesweit mehr als 2000 Studenten zu ihrem Elternhaus befragt. 50 Studenten hätten von Problemen mit Helikopter-Eltern berichtet. "Männliche Studierende erzählen davon doppelt so oft wie weibliche", sagt Wilhelm.

Der Psychologe rät gestressten Studenten, ihre Eltern auf das Thema anzusprechen. Vielleicht mit Worten wie diesen: "Hört mal, gewisse Dinge würde ich gern allein machen. Ihr wollt doch auch, dass ich selbstständig werde." Es könne auch helfen, sich dafür Unterstützung zum Beispiel von einem Onkel oder der Patentante zu holen.

"Manchmal reicht es auch schon, von zu Hause auszuziehen", sagt Wilhelm. Am besten in eine andere Stadt. Und es könne nicht schaden, sich in die Eltern hineinzuversetzen. Denn die meisten meinen es doch gut - auch wenn's nervt.

  • Corbis
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 161 Beiträge
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1. kann das nur unterschreiben
andreasclevert 27.10.2015
Mrin Broterwerb ist auch in diesem akademischen Bereich angesiedelt. Vielfach beginnen Anfragen so:"Also, ich rufe im Auftrag meiner Tochter an..." Ganz verblüfft war ich mal hier http://wp.me/p4WCtx-7w. Gewinnbringend dabei war der für Helikoptereltern viel bessere Begriff der curling parents. Endlich kann ich dieser Sportart was abgewinnen.
2. Den Großvater....
elhakimi90 27.10.2015
würde ich jetzt nicht in die Kategorie "Helikoptereltern" stecken. Das war wahrscheinlich nur ein besorgter, alter Mann der das Bedürfniss hatte seine Sorgen loszuwerden. Der Rest ist natürlich ober Peinlich. Das passt auf keine Kuhhaut.
3.
abby_thur 27.10.2015
""Manchmal reicht es auch schon, von zu Hause auszuziehen", sagt Wilhelm. Am besten in eine andere Stadt. Und es könne nicht schaden, sich in die Eltern hineinzuversetzen. Denn die meisten meinen es doch gut - auch wenn's nervt" Schönes Ende für den Artikel. Nicht alles ist schlecht gemeint. Auch das mit der Mutti nicht, die nicht weiß, ob Köln gut für ihre (vermutlich 18 Jahre junge) Tochter ist. Denn Köln ist nicht mal gut für Erwachsene.
4.
johannesraabe 27.10.2015
Ich bin selber in dem Alter, wo es auf das Studieren zu geht. Ich habe von vorn herein geagt, dass ich meine Eltern nicht mal in der Nähe einer Messe / Uni usw. sehen will. Das hat bis jetzt ganz gut geklappt. Wenn ich aber sehe wie Eltern 30 Minuten auf diesen Messen auf Berater einreden, mach ich mir sorgen wie selbstständig meine Generation werden wird. Es muss doch einem 18 jährigen zu getraut werden, sich selbst zu informieren. Wie soll er das Studium schaffen, wenn er nicht mal das schafft?
5.
GPTip.com 27.10.2015
Wieder einmal ein sehr schlauer Rat von Psychologen. Anstatt auf Selbständigkeit hinzuwirken, soll eine Tante oder ein Onkel um Hilfe gebeten werden. Das ist keine Verbesserung! Am Ende steht dann die ganze Sippe in der Uni. Zitat: Der Psychologe rät .... Es könne auch helfen, sich dafür Unterstützung zum Beispiel von einem Onkel oder der Patentante zu holen.
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