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Studieren auf Spitzbergen: Heiß aufs Eis

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Christoph Seidler

Longyearbyen auf Spitzbergen: "Wir bilden die Experten von morgen aus"

Die Arktis als akademisches Abenteuer: Auf Spitzbergen lockt die nördlichste Uni der Welt zum eisigen Exoten-Studium. Norwegen braucht die Hochschule im Wettringen um Öl am Nordpol. Die Studenten bekommen Schneeschlafsäcke, Eiswasser-Schutzanzüge - und Gewehre gegen Eisbären.

Die Mountainbikes vor dem rotbraunen Universitätsgebäude sind nicht mit Schlössern gesichert. Was sollte ein Fahrraddieb damit auch anfangen - auf einer Insel, die zwar größer ist als Belgien, auf der es aber gerade mal 50 Kilometer befestigte Straße gibt? Und auf der jeder jeden irgendwie kennt?

Nicht nur die ungesicherten Fahrräder vor der Tür machen das University Centre in Svalbard ( UNIS) besonders. Vor allem die Lage der Hochschule ist einzigartig: Sie steht im kalten Longeyearbyen, dem Hauptort von Spitzbergen mit rund 1800 Einwohnern. Er liegt auf gut 78 Grad nördlicher Breite, gerade einmal 1100 Kilometer sind es von der Hauptinsel des arktischen Svalbard-Archipels bis zum Nordpol.

Wer hier studiert, muss heiß aufs Eis sein. Auch einige Deutsche haben sich in den hohen Norden gewagt, zum Beispiel die Geophysik-Studenten Tore Hattermann, 23, und Johannes Röhrs, 22. Für Röhrs hat das Abenteuer Arktis gerade begonnen, für Hattermann geht es gerade zu Ende.

Rund 90 Studenten hat das UNIS. Sie alle profitieren von der traumhaften Forschungssituation: Wer auf Spitzbergen Arktische Biologie, Geologie, Geophysik oder Technik studiert, hat seine Laboratorien und Versuchsfelder direkt vor der Haustür, in einer fast außerirdisch anmutenden Landschaft aus Felsen, Fjorden und Gletschern.

Die Expeditionsausrüstung dafür gibt es im Keller der Uni. In einem Hochregallager findet sich dort alles Nötige, vom Arktis-Schlafsack bis zum Schutzanzug, mit dem es sich angeblich bis zu 48 Stunden im eiskalten Wasser des Polarmeers aushalten lässt - auch wenn niemand das gern ausprobieren möchte.

Jeder zweite Student kommt aus dem Ausland

Den exotischen Studienplatz auf Spitzbergen zu bekommen, sei recht einfach gewesen, berichten Hattermann und Röhrs. Die einzige Schwierigkeit: überhaupt von der Existenz der Uni im hohen Norden zu erfahren. "Dass ich hierhergekommen bin, war reiner Zufall", sagt Röhrs. Nur durch Mundpropaganda habe er von der Studienmöglichkeit auf Spitzbergen erfahren. Hattermann ging es ähnlich: Ein Bekannter berichtete ihm von der Möglichkeit, in die Arktis zu gehen - "und zwei Wochen später war ich immatrikuliert".

Ausländer sind hier gern gesehen. "Jeder zweite Student hier stammt nicht aus Norwegen", rechnet Rektor Gunnar Sand stolz vor. Hinter den Panoramafenstern des UNIS-Besprechungsraums kräuselt sich das Wasser des Adventfjords. Gegenüber recken sich die baumlosen, rotbraunen Tafelberge des Hiorthfjellet auf in die zerfetzten Wolken - scheinbar zum Greifen nahe.

Der Unterhalt der Hochschule, sagt Sand, sei für die norwegische Regierung in Oslo eine "sehr teure Operation": Alle Versorgungsgüter müssen vom fernen Festland hergeschafft, die Hochschullehrer eingeflogen werden. Sein Haus, so der Rektor, habe "die wohl am höchsten subventionierten Studenten der Welt". Allein der Bau des entfernt an ein Ufo erinnernden Universitätsgebäudes war ein Mammut-Unterfangen. Es steht auf knapp 400 Stahlstützen, die bis zu zwölf Meter in den Grund gerammt wurden - sonst würde der Permafrostboden durch die Wärme des Hauses auftauen und die Uni langsam versinken.

Norwegen gönnt sich den Luxus der Arktis-Uni vor allem, um seinen Führungsanspruch auf Svalbard zu untermauern. Die Inselgruppe steht nach einem Vertrag aus den zwanziger Jahren zwar unter norwegischer Verwaltung, doch auch rund 40 andere Nationen dürfen hier zum Beispiel Rohstoffe abbauen. Wenn aber eines Tages das Rennen um mögliche arktische Ölvorkommen eröffnet wird, will Norwegen ganz vorn mit dabei sein.

"Wir bilden die Experten von morgen aus", sagt Rektor Sand. Damit Norwegen dabei nicht nur in die Ausbildung fremder Köpfe investiert, gibt es inzwischen eine Quote: Danach darf der UNIS-Ausländeranteil nicht über 50 Prozent steigen. In der EU wäre so eine Begrenzung nicht zulässig, hier in Norwegen ist das aber kein Problem.

Messflüge und Schifffahrten

Hattermann und Röhrs sind begeistert von den Studienbedingungen in Longyearbyen. Sie berichten von guter Betreuung und kurzen Wegen in dem modernen, mit hellem Holz ausgekleideten Unigebäude. Doch das Beste, da sind beide einig, sind die Exkursionen in die arktische Unendlichkeit direkt vor der Haustür. Hattermanns Augen glänzen, wenn er von Forschungsreisen mit dem Schiff berichtet, von Messflügen mit dem Flugzeug und vom Start selbstgebauter Meteorologie-Raketen.

Außerhalb der Ortsgrenzen von Longyearbyen müssen die Studenten vorsichtig sein. Gefährlich sind vor allem die Eisbären, von denen auf Spitzbergen mehrere Tausend leben. Weil die Tiere mitunter auch Menschen angreifen, müssen die Nachwuchsforscher immer Waffen zur Selbstverteidigung mitführen. Damit es im Unigebäude keine Probleme gibt, werden die Gewehre während der Kurse im Keller eingeschlossen.

Die Eisbären sind nicht die einzige Widrigkeit auf Spitzbergen. Da wären zum Beispiel noch die hohen Lebensmittelpreise. Hattermann und Röhrs bekämpfen sie unter anderem damit, dass sie in der wenige Meter von der Uni entfernten "Svalbardbutikken", dem einzigen Supermarkt der Insel, oft Lebensmittel mit abgelaufenem Verfallsdatum kaufen. So lässt sich die eine oder andere Krone sparen.

Die wohl größte Herausforderung ist die Polarnacht, die in diesen Tagen bedrohlich schnell nahe kommt. Pünktlich am 28. Oktober beginnt dann die Zeit der vier Monate langen totalen Dunkelheit. "Man kann dann Tag und Nacht tatsächlich nicht unterscheiden", sagt Hattermann.

In der Gemeinschaft ist die bedrückende Dunkelheit aber weniger bedrohlich, als es zunächst scheint: Tore Hattermann berichtet, dass das soziale Herz der Insulaner in der Polarnacht erst so richtig zu schlagen beginnt. Man sei viel drinnen, koche mit Freunden und unterhalte sich mit Spielen. "Ich dachte, die dunkle Zeit ist einsam", sagt Hattermann. "Aber genau das Gegenteil ist der Fall."

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