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Studieren bei der Bundeswehr: Vom Hörsaal in den Krieg

Von Dominik Stawski

Über 7000 Soldaten lernen an den Unis der Bundeswehr - für sich und fürs Vaterland. Die Studienbedingungen sind exzellent, doch die Stimmung ist gedrückt: Viele junge Offiziere müssen bald in Afghanistan ihr Leben riskieren. Und vor dem Abflug ihr Testament schreiben.

Sabastian Kothanikkel sitzt am Schreibtisch seiner Stube und arbeitet an der Diplomarbeit, als die Eilmeldung über den Fernsehschirm läuft. "Zwei deutsche Soldaten im afghanischen Kunduz durch einen Selbstmordattentäter getötet", steht da.

Das war Ende Oktober, ähnliche Nachrichten kamen aber schon im Mai und im August. Daran gewöhnen kann man sich nicht, erklärt Kothanikkel, 25. Der erste Gedanke: "Hoffentlich ist es keiner, den ich kenne." Die Diplomarbeit interessiert jetzt nicht mehr. Kothanikkel ruft Kameraden an, "sammelt Informationen", wie er sagt. Die Opfer sind ihm unbekannt.

Am Abend ändert er sein Profilfoto bei der Internet-Studentenplattform StudiVZ. Es zeigt nun ein Kreuz, darunter die Worte: "Zum Gedenken an unsere gefallenen Soldaten."

"Wenn ich nicht gehe, muss es ein anderer tun"

Für Sabastian Kothanikkel ist Afghanistan kein ferner Kriegsschauplatz, kein deutsches Politikum - es könnte künftig sein Arbeitsplatz sein. Der Hamburger Student stammt aus einer indischen Offiziersfamilie, seine Vorfahren kämpften im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland. Jetzt ist er selbst Soldat, bei der Bundeswehr. Nach Afghanistan würde er sich nicht freiwillig melden, einem entsprechenden Befehl aber folgen, selbstverständlich: "Wenn ich nicht gehe, dann muss es ein anderer tun. Und wenn dem was passiert, das würde ich mir niemals verzeihen."

Kothanikkel studiert Politik an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Wie seine Kommilitonen dort und an der Bundeswehr-Hochschule in München hat er sich nach dem Abitur für insgesamt 12 Jahre Studium und anschließenden Dienst in der Truppe verpflichtet - neuerdings sind es 13. In seinem Portemonnaie steckt ein Foto von Särgen mit deutschen Flaggen, ausgeschnitten aus einer Zeitung. "Wenn es mir hier zu gut geht, erinnert mich das Bild daran, dass ich Soldat bin", sagt Kothanikkel.

Der Soldatenstatus barg bisher vor allem Vorteile: Verglichen mit den zivilen Massenanstalten sind die Bedingungen für die 7000 Bundeswehr-Studenten geradezu paradiesisch. Ein Professor betreut durchschnittlich 28 Studierende, an anderen Universitäten sind es etwa doppelt so viele. Die meisten Jungakademiker leben auf dem Campus in gut ausgestatteten Wohnheimen. Und: Sie beziehen ein Gehalt von rund 1500 Euro netto.

Es war der damalige Verteidigungsminister und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), der die Bundeswehr-Universitäten gründen ließ. Er wollte den Offiziersberuf attraktiver machen und den Soldaten eine Ausbildung für die Zeit nach dem Dienst an der Waffe anbieten. 1973 starteten die ersten Soldaten ins Studium.

Trimester, straff organisiert wie eine Truppenparade

Auf die Studieninhalte wirkt sich diese Entstehungsgeschichte kaum aus. An militärischen Projekten wird nur im Ausnahmefall geforscht. So werden an der Fakultät für Maschinenbau in München zwar Versuche mit Waffen unternommen, in den meisten anderen Labors aber beschäftigen sich die Forscher mit zivilen Themen wie Hochwasserschutz oder Satellitennavigationssysteme.

Die beliebtesten Fächer sind die Wirtschafts- und die Ingenieurwissenschaften, in Hamburg und München werden aber auch Pädagogik, Staats- und Sozialwissenschaften, Politik, Geschichte oder Sport angeboten. Orchideenfächer wie an großen staatlichen Universitäten fehlen. Das Studienjahr ist nach angelsächsischem Vorbild in Trimester aufgeteilt - und straff organisiert wie eine Truppenparade. Wer den Bachelor-Abschluss nicht in sieben Trimestern schafft, darf keinen Master machen.

Neuerdings rückt die militärische Prägung auf den beiden Campus in Hamburg und München zum ersten Mal seit ihrer Gründung mit Macht in den Vordergrund. Eine neue Zeitrechnung gilt dort: vor Afghanistan und seit Afghanistan.

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© UniSPIEGEL 6/2008
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Offizierslaufbahn: Bereit halten für Afghanistan

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