Studieren in Kanada: "Du kannst nicht gehen, du hast hier Freunde"

Montreal, meine Perle: Im Sommer feiern die Frankokanadier exzessive Festivals, im eisigen Winter verkriechen sie sich unter die Erde. Wer hier um ein paar Blocks spaziert, macht eine Weltreise, sagt Philosophiestudentin Nora Heinzelmann. Richtig schlimm war nur das schräge Französisch an der Uni.

Montreal erscheint mir wie eine Insel, über der die Sonne im Süden aufgeht und auf der es nur zwei Jahreszeiten gibt. Es gibt hier Fremdenführer, die mit einer Weltreise durch die einzelnen Stadtviertel werben, so viele Kulturen leben in der Metropole zusammen.

Im Winter verkriechen sich die Bewohner in die weltweit bekannteste Untergrundstadt, ein weit verzweigtes Netz von Tunnels, das Kinos, Theater, Hotels und Einkaufszentren verbindet. Die einen fahren auf Lauglaufski durch die tiefverschneiten Straßen, andere ziehen den Nachwuchs mit einem Schlitten über den gefrorenen Boden. Der Winter dauert sechs Monate und ist bitterkalt, bis zu minus 30 Grad kann es werden. Im kurzen, heißen Sommer feiern die Großstädter dann umso überschäumender ein Festival nach dem anderen.

Hier sind alle irgendwie Migranten

Alines Familie stammt aus Ägypten, Florine aus Frankreich, Ryan und Sarah kommen aus dem englischsprachigen Kanada: Fast alle meine Bekannten sind Migranten. Ausländer zu sein ist nichts Ungewöhnliches, und darum fällt es auch nicht schwer, heimisch zu werden.

Viele Metropolen Nordamerikas sind als multikulturelle Schmelztiegel bekannt, wo sich alle Nationalitäten zu einer anglophonen Einheitskultur vermischen. Nicht so in Montreal, hier haben sich die Einwanderer ihre Kulturen, Sprachen und Religionen bewahrt.

Ich wohne im Viertel Outremont. Hier leben nicht nur seit langem die meisten Französischsprachigen Montreals, es ist auch das Viertel einer der größten Gemeinschaften chassidischer Juden. Das Leben der beiden Gruppen ist mehr Neben- als Miteinander. Die Juden haben ihre eigenen Schulen, Gotteshäuser und Geschäfte für koschere Lebensmittel, sie tragen besondere Kopfbedeckungen und Kleider. Sie sprechen Englisch und Jiddisch, oft haben sie viele Kinder.

Meine Vermieterin Florine beäugt die siebenköpfige chassidische Familie, die in der Wohnung unter uns lebt, misstrauisch. "Fünf Mädchen", sagt sie kopfschüttelnd, "und dabei wird es sicher nicht bleiben." Manchmal stehen die Kinder am Fenster im Erdgeschoss, wenn ich nach Hause komme. Sie klopfen an die Scheibe und lachen, wenn ich Faxen mache.

Weil das Jiddische eng mit dem Deutschen verwandt ist, schnappe ich ab und zu ein paar Bruchstücke auf. Besonders das langgezogene "Maamii!" ist unverkennbar.

"Sprichst du überhaupt Französisch?"

Einmal finde ich die kleine Sarah heulend im Treppenhaus. Als sie von der Schule nach Hause kam, machte ihr niemand die Tür auf. Als ich Stift und Papier bringe, blüht Sarah auf und bemalt gleich die halbe Tischdecke. Sie will gar nicht mehr weg, als ihre Mutter endlich nach Hause kommt; sie musste überraschend zum Arzt.

Bei aller Diversität bemühen sich Künstler und Politiker der frankokanadischen Provinz Québec um eine eigene, eine québecische Kultur, die sich hauptsächlich über die Sprache definiert. Als ich das hiesige Französisch zum ersten Mal hörte, verstand ich kein Wort. Ich geriet an eine Beamtin der Uni-Verwaltung der Université du Québec à Montréal, die ein so breites Québecois babbelte, dass wir auf nonverbale Kommunikation umschalten mussten. Am Ende fragte sie entgeistert: "Wie willst du bloß studieren? Sprichst du überhaupt Französisch?"

Diese Dame gehört zu einer Gruppe Kanadier, die nicht aufhören, tapfer Widerstand zu leisten gegen die anglophone Übermacht in Nordamerika, und zwar mit Kampagnen und Paragraphen. Québec ist die einzige kanadische Provinz, in der Französisch alleinige Amtssprache ist. Nur hier habe ich erlebt, dass jemand voll Stolz erklärte, kein Englisch zu beherrschen und das auch nicht zu bedauern.

Bei Anglizismen droht Geldstrafe

Es gibt sogar eine sogenannte "Sprachpolizei", die etwa dafür sorgt, dass alle Beschilderungen mindestens bilingual sein mussten. Mary erzählt, dass sie bei ihrer Arbeit nicht dabei erwischen lassen darf, ihre Kunden auf Englisch anzusprechen. Selbst die Begrüßung "Allo!" ist verboten, weil ein Anglizismus. Zweimal falsch gegrüßt, droht eine Geldstrafe, sagt Mary.

Ryan aus der kanadischen Provinz Manitoba sieht die strengen Regeln skeptisch. Seine Kinder wachsen zweisprachig auf. Als Frankokanadier aber dürfen Ryans Kinder nur auf eine französischsprachige Schule gehen. "Wer kein Englisch beherrscht, ist benachteiligt", sagt Ryan.

Früher war auch noch die Religion ein wichtiges Streitthema und der katholische Glaube quasi Staatsreligion. Aber seit der sogenannten "Stillen Revolution" in den sechziger Jahren, als erstmals eine liberale Partei an die Macht kam, schert sich in Québec kaum noch jemand um den Katholizismus. "Die Mehrheit der Montrealer ist faktisch atheistisch. Willst du eine Kirche haben? Kauf sie dir", spottet ein kanadischer Mitstudent.

In Montreal gibt es unzählige ehemalige Gotteshäuser, die zu öffentlichen Gebäuden umfunktioniert wurden. Auch meine Uni hat sich eine ehemalige Basilika einverleibt. Wo früher gebetet und gebeichtet wurde, schwenken heute streikende Professoren ihre Plakate und Handzettel.

"Besteht eine Chance, dass du für immer bleibst?"

Sie fordern eine Erneuerung des Tarifvertrages, der 2007 abgelaufen ist. Aber die Hochschule hat kein Geld und drückt sich um Verhandlungen. Kurse fallen wochenlang aus, aber die Studenten nehmen das gelassen, obwohl sie hohe Gebühren zahlen. Die berechnen sich pro Kurs - so kommen rund 1000 kanadische Dollar (etwa 650 Euro) für ein Trimester zusammen, die ich mir aber dank eines Stipendiums sparen konnte.

Ein anderes Mal wimmelte es in dem Kirchengemauer, das zu unserem Campus gehört, von Polizisten. Eine aufgeregte Frauenstimme bat uns über Lautsprecher, die Universität zu verlassen - am Tag der Abschlussklausur. Ich schlug mich trotzdem zum Hörsaal durch, wo ich belustigte Kommilitonen vorfand.

Eine Bombendrohung war der Grund für die Aufregung. Einer witzelte: "Ja, ich gebe es zu, ich hatte einfach zu viel Angst vor der Klausur." Kurz darauf erschien die Dozentin und schickt uns nach Hause.

Auch ohne Bombendrohungen und Streiks ist der Alltag in Montreal aufregend. Und gerade die kulturelle Vielfalt und die Offenheit mache den besonderen Reiz der Millionenstadt aus.

Von diesem Miteinander sollten wir uns im Einwanderungsland Deutschland etwas abschauen. Es täte uns und unsere Gästen gut, wenn wir ihnen so herzlich begegnen würden, wie ich es in Montreal erlebt habe. Als wir über meine Heimreise sprachen, sagte meine Freundin Aline: "Nora, besteht die Chance, dass du für immer in Montreal bleibst?" Und dann: "Du kannst nicht einfach gehen. Du hast Freunde hier!"

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