Studieren in Malmö: Hej Professor, kannst du mir helfen?

Peinlich, peinlich. Ganz unabsichtlich tappt Moritz Förster beim Biereinkauf in die Kulturfalle. Ansonsten lebt der deutsche Student im schwedischen Sozialstaat aber bestens behütet: Egal ob Schreibhilfe, Krabbelstube oder Käsemesser - alles ist prima organisiert.

Inge hat lange, hellbraune Haare, die ihm in einem Zopf auf den Rücken fallen. Als ich auf den Stundenplan blickte, dachte ich zunächst, unser Dozent Inge sei eine Frau. Aber hier in Schweden ist Inge ein Männervorname. Und hier in Schweden reden Studenten ihre Dozenten mit dem Vornamen an. Seit der "Du-Reform" in den Sechziger Jahren duzen sich die Schweden untereinander: Lehrer und Schüler, Journalisten und Ministerpräsident, Christdemokrat und Sozialdemokrat.

Basierend auf der sozialdemokratischen Tradition sollte das "Du" in Kombination mit dem Vornamen auch kommunikativ mit Hierarchien und Obrigkeit abschließen. Nur das Königspaar wird weiterhin gesiezt. Vor der Monarchie haben auch die radikalsten Sozialisten kapituliert.

Da ich zurzeit allerdings ohnehin nur in englischer Sprache kommuniziere, erleichtert sich für mich die gesamte Situation durch das universelle "you". Das gleiche gilt auch für meine deutsche Kommilitonin, die Inge in seinem zwanzigminütigen Vortrag über "social exclusion" und "segregation" unterbricht: "Inge, can you explain the difference between ‘social exclusion’ and ‘segregation’?" Der Unterschied zwischen Segregation und sozialer Ausgrenzung? Inge weiß nicht weiter. Er blickt in die erwartungsvolle Studentenrunde und setzt zu einer Erklärung an, die ungefähr soviel mit der Frage zu tun hat wie Deutschland mit Elchkühen. Willkommen im Pisa-Wunderland.

Migration lernen mit Dozenten aus aller Welt

Zum Glück taugt diese Situation nicht zur Verallgemeinerung. Es gibt auch hier in Malmö exzellente Vorlesungen. Und außerdem lebt das Institut für "International Migration and Ethnic Relations" die Migration in der Praxis vor: Die Dozenten kommen aus allen Ecken der Welt. Philip zum Beispiel aus den Niederlanden, Dimus aus Griechenland.

In Schweden ist eine Frau namens Nyamko Sabuni Integrations- und Gleichstellungsministerin - übrigens keine Sozialdemokratin, denn die haben 2006 die Wahl verloren. Jetzt regieren die Konservativen, aber die heißen hier "die Moderaten". Christdemokraten gibt es auch, aber die sind eher eine politische Splittergruppe so bei sechs, sieben Prozent.

Immigranten erhalten nach fünf Jahren Aufenthalt die Möglichkeit, die schwedische Staatsbürgerschaft zu bekommen. Das alles heißt nicht, dass Schweden keine "Segregation" und "soziale Ausgrenzung" kennt, aber zumindest ist die Politik relativ tolerant und liberal.

Alkohol kaufen beim System

Die Toleranz der Schweden schlägt aber manchmal auch in Intoleranz um. Bestes Beispiel: Die Jagd nach einem möglichst unkomplizierten Vollrausch. Erstes Problem: Der Alkoholverkauf ist staatlich kontrolliert. Die Supermärkte bieten nur Bier (schwedisch: "öl") bis höchstens 3,5 Prozent an, alle Getränke mit mehr Alkoholgehalt verkauft nur die freundliche staatliche Kette "Systembolaget". Zweites Problem: Eine Flasche Bier bei "Systembolaget" gibt es erst ab einem Euro aufwärts, ein günstiger Wodka kostet um die 20 Euro. Die Läden sehen aus wie eine Drogerie oder ein Parfüm-Laden, nur dass es hier eben Alkohol gibt. Sie sind trotzdem immer gut besucht.

Bei meinem ersten Einkauf mache ich natürlich alles falsch: Wie aus Deutschland gewohnt, lege ich die Bierflaschen sorgfältig auf das Laufband und zücke meine Geldbörse. Das Resultat: skeptische Blicke von überall. Die Verkäuferin guckt mich fragend an, spricht mit mir Schwedisch. Ich antworte auf Englisch.

Sie antwortet, wie fast immer in Schweden, in perfektem Englisch: "Your passport, please." Huch. Was ist jetzt passiert? Sie schaut auf mein Geburtsdatum, meine Adresse - ich glaube, sie überprüft sogar meine Augenfarbe. Ich frage sie, ob ich demnächst eine Geburtstagskarte von ihr bekomme.

Irgendwie ist dann doch alles in Ordnung. Ich packe das Bier ein - dann erkenne ich den eigentlichen Grund für die skeptischen Blicke: Statt wie in Deutschland alle Flaschen hinzulegen, stellen die Schweden ihre Flaschen der Reihe nach, in rund acht Zentimeter Abstand, auf das Laufband. Was ich nicht bemerkt hatte: Damit sogar betrunkene oder kurzsichtige Kunden korrekt einkaufen, wurden runde, weiße Kreise auf das Förderband gemalt. Eigentlich idotensicher. Doch der Deutsche muss trotzdem passen.

Die Monarchie ist tot, lang lebe Königin Silvia

Beeindruckt und etwas traumatisiert von der schwedischen Organisationswut verlasse ich das Geschäft. Auf dem Bürgersteig fährt mich fast eine Bürgersteigreinigungsmaschine um, die den ohnehin sauberen Bürgersteig säubert.

Die Schweden organisieren sehr gerne, mindestens genauso gerne wie die Deutschen: Während unserer Einführungsveranstaltungen kriegen wir alles erklärt, zum Beispiel, wie man ein Käsemesser benutzt. Die staatliche Fürsorge tendiert hier anscheinend dazu, in extremer Art auch auf die Lebensmittelbranche auszuufern.

Ich will mich ja gar nicht beschweren. Schwedens Modell des dritten Weges hat wirklich seine guten Seiten: In der Uni-Bibliothek gibt es eine Krabbelecke, überall sind Mütter und Väter mit Kinderwagen unterwegs. Die Studenten können an der Uni kostenlos Schreibhilfe, psychologischen Rat oder priesterliche Seelsorge in Anspruch nehmen. Meines Wissens gilt das Angebot auch für sozial ausgegrenzte Dozenten.

Zurück zur Ausgangsfrage: Segregation und soziale Ausgrenzung? Unterschiede passen halt nicht so gut in die Theorie der sozialdemokratisch geprägten Gesellschaft. Elchkuh ist gleich Elchkuh. Die Monarchie ist tot, lang lebe Königin Silvia. Übrigens eine Deutsche.

Ich werde mich in ganz schwedischer Art demnächst mal an unsere Kanzlerin wenden: "Du, Angela, wie ist das eigentlich so mit Segregation und sozialer Ausgrenzung in Deutschland?" Nebenbei werde ich fragen, wie der deutsche Minister für Integration und Gleichstellung heißt.

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