Wenn sie von ihrer neuen Heimat Dresden erzählt, von der Altstadt mit Kopfsteinpflaster, von den Wohnungen mit Holzdielen und Stuck, von der Neustadt mit Szene-Cafés, dann denkt mancher trotzdem nur an Hochhaussiedlungen. Denn Jacobe Rapp, 19, zieht bald zum Studieren nach Dresden, 560 Kilometer entfernt von ihrer baden-württembergischen Heimat. Damit ist sie eine Exotin: Westdeutsche studieren lieber im Ausland als im Osten, das zeigt eine Umfrage der "Hochschulinitiative Neue Bundesländer".
Als Jacobe Rapp nach einem Studienort suchte, teilte sie Deutschland nicht in Ost und West, nicht in alte und neue Bundesländer, sondern stellte drei Bedingungen auf: Erstens sollte der Ort weit von ihrer Heimat entfernt sein, so weit, dass sie möglichst wenig bekannte Gesichter sehen würde. Zweitens sollte der Ort größer sein als ihr Heimatdorf Bad Urach, 12.300 Einwohner, ein Freibad, kein Club. Drittens sollte der Ort für sie bezahlbar sein. Hamburg und München fielen damit durch.
Dresden passte. Die Altstadt sei "abartig schön", schwärmt Rapp, die Mieten bezahlbar, und die Uni-Seminare nicht überfüllt. Als sie ihren Bekannten von der Wahl erzählte, hörte sie nicht nur: "Da wohnst du doch im Plattenbau." Sondern auch: "Das könnte ich mir nicht vorstellen. So weit weg von zu Hause."
Ostklischees: Grau, hässlich, langweilig, arbeitslos
Hochschulen in Ostdeutschland brauchen Studenten wie Jacobe Rapp, Studenten, die bereit sind, ihr altes Bundesland gen Osten zu verlassen. Denn während westdeutsche Bundesländer mit doppelten Abiturjahrgängen zu kämpfen haben, machen in den neuen Bundesländern seit Jahren weniger Schüler ihr Abitur. In Sachsen beispielsweise waren es 2008 noch gut 20.000, bis 2013 wird sich diese Zahl voraussichtlich fast halbieren. Ohne Nachwuchs aus dem Westen müssten die Hochschulen stark schrumpfen oder gar schließen.
Seit einigen Jahren kämpft die Initiative dafür, dass Studienanfängern andere Begriffe einfallen, etwa: aufstrebend, saniert, günstig. Getragen wird die Werbekampagne von den Wissenschaftsministerien der neuen Länder, finanziert vom Bundesbildungsministerium und befeuert von der Werbeagentur Scholz & Friends. Insgesamt beträgt das Budget 16 Millionen Euro, für die Jahre 2008 bis 2012.
Zunächst setzten die Kreativen mit der Aktion "Studieren in Fernost" eher auf Krawall und Jux: So reisten die Asiaten Gang und Dong für einen Imagefilm in Vampirkostümen zum Rektor der Uni Leipzig. "Saublöd", fand der das allerdings. Daneben gab es die "Abenteuerreise Fernost", drei Tage Osten, für 99 Euro, all inclusive. Und die Uni Leipzig bot den Sprachkurs "Sächsisch für Anfänger" an.
Weniger Ossis im Westen als Wessis im Osten
Den Klamauk hat die Initiative zurückgefahren und setzt nun vor allem auf Zahlen. Für ihre vierte bundesweite Umfrage fragte sie 385 repräsentativ ausgewählte Westdeutsche und 123 Ostdeutsche zwischen 16- bis 24 Jahren online Folgendes: Wo wirst/würdest du gern studieren? Was erwartest du von Hochschulen in Ost- und Westdeutschland? Nach welchen Kriterien entscheidest du dich für einen Studienort?
Das Ergebnis: 16 Prozent der Westdeutschen möchten im Ausland studieren, elf Prozent in Ostdeutschland. Die Initiative nennt die Zahl einen Erfolg, schließlich sagten bei der ersten Umfrage vor drei Jahren nur fünf Prozent der Befragten, sie würden gern im Osten studieren. Das klingt zuerst nach erschreckend wenigen Interessenten und "Mauer in den Köpfen", so schrieb es zumindest taz.de.
Allerdings sagte auch etwa jeder dritte befragte Westdeutsche, er wolle für sein Studium nicht weit von zu Hause wegziehen. Auch wenn die Initiative also Vorzüge preist und gegen Klischees ankämpft - wer nun mal zu Hause bleiben will, kommt nicht rüber. Mit einer Mauer hat das nicht viel zu tun.
Außerdem sprechen die Zahlen durchaus für den Osten. Schon jetzt studieren an vielen ostdeutschen Hochschulen eine Menge Niedersachsen, Bayern und Schwaben: 2010 sind in allen neuen Bundesländern - außer in Brandenburg - mehr Studenten zu- als abgewandert.
Eine Umfrage bei ostdeutschen Hochschulen ergab:
An der TU Cottbus und der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig hingegen stammt etwa jeder zehnte Student aus dem Westen. Das klingt nach wenig - aber es ist immer noch viel, im Vergleich zur Ostdeutschenquote an bekannten und beliebten West-Unis: Mainz, Freiburg und die LMU München weisen jeweils weniger als fünf Prozent Studenten aus einem östlichen Bundesland aus. Das liegt natürlich auch daran, dass insgesamt mehr Westdeutsche in der Bundesrepublik leben als Ostdeutsche - trotzdem bleibt die Quote gering.
Es ist damit zu rechnen, dass sich der Drang gen Osten eher noch verstärkt als abschwächt. Denn angesichts überfüllter Massen-Unis im Westen dürfte die Zahl derer steigen, die anderswo keinen Studienplatz bekommen. Außerdem dürfte sich - auch dank der "Hochschulinitiative Neue Bundesländer" - zunehmend herumgesprochen haben, dass ein Studium in Ostdeutschland nicht die schlechteste Wahl ist. So darf sich beispielsweise die TU Dresden seit neuestem offiziell Elite-Uni nennen. Hinzu kommt: Eine andere Umfrage der Initiative ergab Anfang des Jahres, 87 Prozent der ostdeutschen und nur 82 Prozent der befragten westdeutschen Absolventen würden ihre Hochschule noch einmal wählen.
Wenn die Studienanfängerin Jacobe Rapp also Pech hat, dürfte eine ihrer drei Bedingungen bald nicht mehr erfüllt sein: Gut möglich, dass sie in Zukunft mehr bekannte Gesichter aus der Heimat sehen wird.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, an der Weimarer Bauhaus-Universität kämen fast 50 Prozent der Studenten aus den alten Bundesländern. Diese Information der Hochschule war nicht korrekt. Der Wert liegt bei 36 Prozent, wir haben den Fehler korrigiert und bitten, diesen zu entschuldigen.
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