Von Hasnain Kazim, Islamabad
An der LUMS weht, im Gegensatz zu anderen Teilen des Landes, ein liberaler Geist. Manche Studentinnen laufen verhüllt über den Campus. Andere tragen den traditionellen Shalwar Kameez, eine knielange Bluse und eine Stoffhose. Doch man sieht auch Frauen in hautengen Jeans und T-Shirt. Ähnlich ist es bei den Männern: Einige haben sich einen langen Bart wachsen lassen, andere sind glattrasiert. "Mir gefällt diese Mischung", meint Monika.
Gelegentlich sieht man sogar Paare. "Aber nie händchenhaltend oder knutschend", sagt Monika. Sogar einen mehr oder weniger heimlichen Treffpunkt für Rendezvous soll es geben, hinter dem Sportkomplex. Eine Studentin hatte sich aber kürzlich per E-Mail-Verteiler beschwert, sie könne wegen der vielen Paare, die sich überall aufhielten, gar nicht mehr mit ihren Eltern über den Campus gehen. "To love or not to love", lautete die Betreffzeile. Prompt entbrannte eine heftige Diskussion.
"Die meisten finden ihren Lebenspartner ohnehin in einer von den Eltern arrangierten Ehe", erzählt Monika. "Es gibt Fälle, in denen das gutgeht. Aber ich kann das für mich selber immer noch nicht wirklich nachvollziehen", sagt sie. Viele Gespräche habe sie darüber mit ihren Kommilitoninnen geführt. Manche, vor allem die unglücklich Verliebten, denen die Eltern Ärger machten, stimmten ihr zu. Andere erklärten, die Eltern wüssten doch am besten, wer der richtige Partner sei.
Die Vorstellungen mancher pakistanischer Männer haben Monika schockiert. "Einmal wurde ich direkt von einem Mann gefragt, ob ich Sex mit ihm haben wolle. Der dachte wirklich, westliche Frauen seien leicht zu haben und zu allem bereit." Glücklicherweise sei es bei diesem einen Vorfall geblieben.
Wenig Freiheiten im pakistanischen Paukstudium
Viel mehr ärgert sich Monika über die Mogeleien mancher Studenten. Sie habe erfahren, dass gute Beziehungen zu den studentischen Tutoren das Studium erleichtern würden. "Außerdem sind manche wahnsinnig standesbewusst, aber damit einher geht dann, dass sie ihren Müll einfach irgendwo hinschmeißen oder in der Mensa ihre Essensreste auf dem Tisch stehenlassen."
Gewöhnungsbedürftig sei für sie auch, dass sie viel weniger Freiheiten beim Studieren habe. "In Passau habe ich selbst entschieden, wann und wie viel ich lerne, ob ich ein paar Wochen vor einem Examen anfange oder erst einen Tag vorher. Hier muss man lernen, lernen, lernen. Immer steht irgendeine Präsentation, irgendein Paper, irgendein Test an. Ich bin doch Studentin, keine Schülerin mehr!" Felix nickt zustimmend. "Aber dafür ist das Lernen viel nachhaltiger", wendet er ein. Monika meint, sie könne nicht sagen, welches System besser sei. "Jedenfalls vermisse ich meine Freiheiten manchmal."
Ihr fehlt auch die Unabhängigkeit, die Möglichkeit, einfach mal in die Stadt zu fahren. Lahore ist groß, unübersichtlich, chaotisch, und die Selbstmordanschläge haben die Menschen vorsichtig gemacht. Erst kürzlich hat Monika begonnen, allein mit der Rikscha in die Stadt zu fahren. "Als Vegetarierin bin ich darauf angewiesen, auch mal rauszufahren zum Einkaufen", sagt sie. Pakistan ist, ganz im Gegensatz zu Indien, kein Paradies für Vegetarier.
"Man muss einfach mal raus", findet auch Felix. "Theoretisch könnte man sein ganzes Studium auf dem Campus verbringen, man kann hier Lebensmittel einkaufen, es gibt ein paar preiswerte Restaurants, ein Schreibwarengeschäft und einen Buchladen." Das sei, so Felix, sehr verlockend, weil man sich auf dem Campus viel sicherer fühle als außerhalb. "Aber dann bekommt man das echte Leben nicht mit."
Eingemauert auf dem Rundum-sorglos-Campus
Davon wollen die beiden künftig noch viel mehr erleben. "Die Menschen sind unglaublich gastfreundlich, wir haben zig Einladungen von so vielen Leuten im ganzen Land", sagt Monika. "Bisher hatten wir keine Zeit zu reisen, aber das werden wir nachholen - spätestens im Anschluss an unsere Studienzeit hier."
Felix erzählt von seinem Weihnachten in Bahawalpur, einer Stadt im Süden der Provinz Punjab. "Ich war bei der Familie eines muslimischen Studienfreundes. Die haben das erste Mal in ihrem Leben Weihnachten gefeiert." Er sei sehr gerührt gewesen, die Mutter und die Schwester hätten Weihnachtssterne gebastelt. "Und sie haben einen Baum besorgt und geschmückt. Ich habe keine Ahnung, wo sie in Bahawalpur die Weihnachtskugeln aufgetrieben haben." Der Vater habe dann eine Bibel auf Urdu aus dem Schrank geholt, um die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium vorzulesen. "Die Bibel steht jetzt in meinem Bücherschrank."
Als er erfuhr, dass die Lahore Grammar School einen Lehrer für Geschichte sucht, bewarb er sich spontan. Jetzt unterrichtet Felix dreimal die Woche je zwei Stunden in der neunten Klasse - ausschließlich Mädchen. "Da erfährt man sehr viel über die Gedankenwelt der pakistanischen Jugendlichen", sagt er. Sie alle wollen mal studieren, haben große Pläne. Sie nennen ihren Lehrer "Sir Felix", seltener "Mister Hofmann". Es sei "sehr lustig und interessant, einen Weißen als Lehrer zu haben", sagt ein Mädchen und kichert.
Umgerechnet knapp 150 Euro verdient Felix durch den Job. "Genug, um Lebensmittel einzukaufen", sagt er. Pakistanische Studenten würden nicht mit Arbeit ihr Studium finanzieren - das gilt als unangemessen und nicht standesgemäß. "Schon gar nicht würden sie kellnern oder am Fließband stehen, so wie manche deutsche Studenten", sagt Felix. "Mein Lehrerjob ist schon ein bisschen besser angesehen", das gehe gerade noch so. "Aber in dieser Sache kann ich clever die Ausländerkarte ziehen."
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