"Wie läuft's in Thailand?", werde ich auch heute noch oft von Freunden aus Deutschland gefragt. Taiwan? Das kennen viele offenbar nur vom "Made in..."-Aufkleberchen auf der Rückseite ihres Laptops. Für mich ist der von China abtrünnige Inselstaat aber etwas Besonderes, etwas, dass schon mal süchtig machen kann und einen länger festhält als ursprünglich geplant.
Schon seit ich zehn bin hatte ich immer wieder Chinesischunterricht und nach dem Abi konnte ich dann meinen Zivildienst als Freiwilliges Soziales Jahr in Taiwan ableisten. So kam ich zum ersten Mal vor anderthalb Jahren und unterrichtete in einem Kinderheim und in einer Grundschule Englisch.
Schon beim Vorbereitungsseminar hatte mich ein ehemaliger FSJler vor Taiwan gewarnt. Das Land neige dazu "FSJler zu verschlucken". Viele blieben auch nach dem offiziellen Ende noch dort und hängten ein Studium an, erzählte er. "Oder sie suchen sich eine hübsche Taiwanesin, heiraten und kommen gar nicht wieder." Und so ähnlich war das dann auch bei uns. Die Hälfte unserer FSJ-Truppe blieb und auch ich entschied mich, in Taipeh zu studieren.
Wer einen Ausländer braucht, geht zum Mandarine Center
Das Mandarin Training Center der National Taiwan Normal University in Taipeh ist ein echter Schmelztiegel für Taiwan- und China-Interessierte aus aller Welt und das größte Mandarin-Sprachcenter außerhalb von Festland-China. Mehr als 1700 Ausländer aus über 70 Ländern studieren hier Chinesisch und das ist ein nicht gerade kleiner Teil der Nicht-Taiwanesen hier.
Und weil Ausländer in Taiwan nicht so häufig zu finden sind, kommen viele, die einen brauchen, an die Pforte des Mandarin Centers. Am Eingang warten immer wieder Taiwanesen und bieten den nichtasiatischen Ausländern kleine und größere Jobs an. Ich zum Beispiel wurde schon gefragt, ob ich einer Kirche beitreten will. Ein andermal sollte ich bei irgendeiner Firma oder als Sprachlehrer für Kinder anheuern, oder auch als Schauspieler für Webespots.
Ein paar Mal habe ich mich beschwatzen und etliche Castings über mich ergehen lassen. Instantnudeln, Kartoffelchips, Fernseher - es scheint so, als sollte alles hier in Taiwan mit Studenten unserer Uni vermarktet werden. Der große Durchbruch lässt noch auf sich warten, aber für ein wenig Ruhm macht man sich auch mal in einem der typisch asiatischen, meist vollkommen überdrehten Werbespots zum exotischen Hauptdarsteller.
"Chinesischlernen in Taiwan? Macht doch nicht jeder!"
Deutsche Studenten gibt es an der National Taiwan Normal University nur wenige. Am von Ausländern gut besuchten Chinesisch-Seminar stellen wir gerade zwei Prozent der Studenten. Jeder Zweite kommt dagegen aus asiatischen Ländern, wie etwa meine Kommilitonin Yingmei, die aus Korea stammt. Sie hat wie viele andere meiner asiatischen Mitstudenten einen Taiwanesen kennengelernt, sich ins Flugzeug gesetzt und kurz darauf hier in Taipeh geheiratet.
Die Westler sind dagegen meist nur wegen der Sprache hier. "Chinesischlernen in Taiwan? Macht doch nicht jeder!", das hört man öfter. Und wer mal etwas ganz anderes erleben will, für den ist Taiwan wirklich gut geeignet - denn die kulturellen Herausforderungen gehen einem hier so schnell nicht aus.
Trotz meiner Vorkenntnisse dauerte es auch bei mir eine Weile, bis ich einigermaßen klarkam, und in den ersten paar Monaten wäre ich ohne meinen Zeigefinger zum Deuten glatt verhungert. Trotzdem klappte es am Ende immer irgendwie, eine Schüssel Hühnchenreis oder Maultaschen zu organisieren.
Aber die Sprache ist ungemein tückisch. Betont man ein Wort hier nur etwas anders, führt das meist zu großen Missverständnissen und zu Anfang bekam ich beim Essen nicht ansatzweise das, was ich eigentlich bestellt hatte.
Verkäuferin auf der Flucht: "Ich will doch nur Tee!"
In einem Eisteeladen gelang es mir sogar, mit meinem unsauberen Chinesisch eine Verkäuferin zu verjagen. Sie lief nach meiner Bestellung knallrot an und rannte aus dem Laden. "Ich will doch nur einen Tee kaufen!", rief ich ihr nach, aber sie war nicht mehr zu stoppen. Was ich wirklich gesagt habe, weiß ich bis heute nicht.
In den meisten Fällen sind die Taiwanesen Ausländern gegenüber aber durchaus aufgeschlossen und hilfsbereit. Da die wenigsten hier über das englische Standardvokabular von "yes", "no" und "very cheap!" hinauskommen, kann man mit Chinesisch oder gar mit einem taiwanesischen Dialekt sehr gut punkten. Egal ob im Restaurant oder im Taxi, im Krankenhaus oder im Club - es reichen zwei Wörter auf Taiwanesisch und schon wird man gelobt und bewundert, als sei man der Held des Tages.
Kaum ein Abend in einem Club endet mit weniger als einer neuen Handynummer und mindestens drei Freundschaftsanfragen auf Facebook - solange man nicht auf das Thema China und Taiwan zu sprechen kommt und sich dabei völlig vergaloppiert. Das Nachtleben ist für viele westliche Kommilitonen ein wichtiger Faktor, warum sie gar nicht mehr aus dem kleinen Land weg wollen, das uns so freundlich aufnimmt. Im nächtlichen Taipeh passiert es ständig, dass man einen Haufen Leute kennenlernt, in die VIP-Area eines Clubs eingeladen wird, oder einfach mit wildfremden Leuten zu quatschen beginnt.
Flammendes Inferno zur Geistervertreibung
Gründe, hier bleiben zu wollen, gibt es aber noch viele mehr. Ein guter ist natürlich immer die Liebe. Aber auch das teilweise schon subtropische Wetter und die aus westlicher Sicht wirklich abgedrehten Erlebnisse, die hinter jeder zweiten Ecke der Insel warten, machen es leicht, dem kleinen Land zu verfallen.
Der Gipfel des taiwanesischen Wahnsinns ist das Yanshui-Festival im Süden der Insel. Bei dieser Massenparty stellen sich Einheimische und auch einige Touristen mit voller Absicht vor riesige Feuerwerksbatterien, um sich von ihnen teils stundenlang beschießen lassen. Tausende pilgern dazu jedes Jahr im Februar in eine kleine Stadt in der Provinz Tainan. Die meisten kommen dick eingepackt und bewehrt mit Motorradhelmen und allem möglichen Gerümpel, hinter dem man sich schützend verbergen kann - wie Kochtopfdeckeln und Holzplanken. Einmal angekommen, setzen sie sich dort freiwillig dem brandgefährlichen Beschuss aus.
Während die Sanitäter noch Verletzte verarzten und die Feuerwehr ein in Brand geratenen Einfamilienhaus löscht, wird nur wenige Meter weiter schon die nächste Batterie vorbereitet. Diese Tradition, die ursprünglich zur Geistervertreibung gedacht war, wurde über die Jahre immer mehr zu einem Magnet für Adrenalinjunkies und Schaulustige. Und obwohl meine Mitreisenden und ich uns das Ganze aus etwas Entfernung anschauen wollten, zogen auch wir mit Löchern in unserer Kleidung und leichten Verbrennungen wieder ab.
Man nimmt schließlich einiges in Kauf, um eine fremde Kultur genau kennenzulernen - und um wieder einmal einen Grund zu finden, doch noch ein wenig länger hier zu bleiben.
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