Von Lena Greiner
Kürzlich hatte Sabrina Terstegge ihren bislang schlimmsten Fall. Die Mutter eines Studenten rief an und bat um Hilfe. Ihr Sohn, sagte die Frau, warte bereits seit mehreren Wochen auf die Bearbeitung seines Bafög-Antrags. Leider könne sie ihm kein Geld geben, klagte die Mutter, sie habe selbst ja kaum etwas. Der Junge wühle jetzt schon im Mülleimer und suche dort nach weggeworfenen Flaschen, um sich vom Pfand etwas zu essen zu kaufen. Ob Sabrina Terstegge da nichts tun könne?
Seit dreieinhalb Jahren arbeitet Sabrina Terstegge, 28, neben ihrem Jurastudium als Bafög-Beraterin des Asta der Universität Bielefeld. Das hat immer schon eine Menge Zeit gekostet, weil viele Studenten Mühe haben, die Anträge auszufüllen. Derzeit muss sich Sabrina aber um doppelt so viele Fälle wie sonst kümmern. Sie macht Extratermine und Sonderschichten, die "Heulbox" im Beratungscafé - eine Pappschachtel mit Taschentüchern - ist leer.
Dass Sabrina so viel um die Ohren hat, liegt an der völligen Überlastung der Bafög-Ämter. Wegen der doppelten Abiturjahrgänge und der Aussetzung der Wehrpflicht drängten in diesem Wintersemester mehr Leute als jemals zuvor an die Unis, über eine halbe Million Studienanfänger schrieben sich ein. Normalerweise bekommen Bafög-Bewerber ihren Bescheid durchschnittlich 54 Tage, nachdem sie den Antrag gestellt haben. Jetzt dauert es oft doppelt so lang.
Mitarbeiter "bis zum Anschlag ausgelastet"
Die Mitarbeiter seien "bis zum Anschlag ausgelastet", sagt Kerstin Münzer vom Studentenwerk Düsseldorf. Im Vergleich zu den Vorjahren seien zehn Prozent mehr Anträge eingegangen. In München verzeichnet das Bafög-Amt einen Zuwachs von 13 Prozent, in Hannover wird bereits in mehreren Schichten zwischen 6 und 21 Uhr sowie am Wochenende gearbeitet, um der Antragsflut Herr zu werden. Einige Notfälle konnten vorgezogen werden, die meisten anderen Antragsteller müssen ausharren - oft mit fatalen Folgen. Die Situation sei "katastrophal", sagt Johannes Blömeke vom Asta der Uni Dortmund.
Wer sich selbst finanziert, hat weniger Zeit fürs Studium
Auch Anna bekam zu spüren, was derzeit in den Ämtern los ist. Ende September stellte die 32-Jährige, die ihren richtigen Namen hier nicht genannt haben will, einen Antrag - Ende Dezember war dieser noch "in Bearbeitung". Nun fehlten ihr, ihrem Mann und den drei Kindern knapp tausend Euro Bafög zum Leben. Annas Dispo war überzogen, neue Winterschuhe für die Kinder mussten warten, die letzte Miete haben sie und ihr Mann sich von einem Bekannten geliehen. "Wenn das Geld nicht kommt, muss ich aufhören zu studieren", sagt sie.
Volkwards Mutter schaltete sich ein. Wütend schrieb Sigrid Beyer einen Brief an das Studentenwerk in Schleswig-Holstein. "Soll mein Sohn das Studium aufgeben, nur weil ihm kein Geld zur Verfügung gestellt wird?", fragte sie. "Sieht so Chancengleichheit aus? Oder ist ein Studium inzwischen nur noch etwas für die Reichen?" Ein Verdacht, der nicht ganz unbegründet ist.
Nach neuen Erkenntnissen des Hochschulinformationssystems sind Kinder aus Akademikerfamilien, die im Schnitt deutlich mehr Geld zur Verfügung haben als Arbeiterfamilien, an den Unis überrepräsentiert: Während der Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung 26 Prozent beträgt, stellt deren Nachwuchs an den Unis mit 69 Prozent die deutliche Mehrheit.
Einige Hochschulen haben mittlerweile auf die langen Wartezeiten reagiert und bieten unbürokratisch schnelle Hilfe an. So konnte Sabrina Terstegge vom Asta Bielefeld den Anrufern die freudige Nachricht überbringen, dass es für Studenten in finanzieller Schieflage ein einmaliges zinsloses Sozialdarlehen in Höhe von 600 Euro gibt. Damit war auch dem Flaschensammler erst einmal geholfen.
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