Studieren ohne Geld: Mülleimer als Einnahmequelle

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Gedränge auf dem Wohnungsmarkt, selten ein Sitzplatz im Hörsaal und dann auch noch Geldsorgen: Der ungeahnte Studentenansturm überfordert derzeit viele Studenten - und die Bafög-Ämter, die sie betreuen. Tausende Bedürftige müssen monatelang darben. Manche geraten in Existenznot.

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Marcus Dewanger

Antragsteller Beyer: "Studieren bald nur noch Reiche?"

Kürzlich hatte Sabrina Terstegge ihren bislang schlimmsten Fall. Die Mutter eines Studenten rief an und bat um Hilfe. Ihr Sohn, sagte die Frau, warte bereits seit mehreren Wochen auf die Bearbeitung seines Bafög-Antrags. Leider könne sie ihm kein Geld geben, klagte die Mutter, sie habe selbst ja kaum etwas. Der Junge wühle jetzt schon im Mülleimer und suche dort nach weggeworfenen Flaschen, um sich vom Pfand etwas zu essen zu kaufen. Ob Sabrina Terstegge da nichts tun könne?

Seit dreieinhalb Jahren arbeitet Sabrina Terstegge, 28, neben ihrem Jurastudium als Bafög-Beraterin des Asta der Universität Bielefeld. Das hat immer schon eine Menge Zeit gekostet, weil viele Studenten Mühe haben, die Anträge auszufüllen. Derzeit muss sich Sabrina aber um doppelt so viele Fälle wie sonst kümmern. Sie macht Extratermine und Sonderschichten, die "Heulbox" im Beratungscafé - eine Pappschachtel mit Taschentüchern - ist leer.

Dass Sabrina so viel um die Ohren hat, liegt an der völligen Überlastung der Bafög-Ämter. Wegen der doppelten Abiturjahrgänge und der Aussetzung der Wehrpflicht drängten in diesem Wintersemester mehr Leute als jemals zuvor an die Unis, über eine halbe Million Studienanfänger schrieben sich ein. Normalerweise bekommen Bafög-Bewerber ihren Bescheid durchschnittlich 54 Tage, nachdem sie den Antrag gestellt haben. Jetzt dauert es oft doppelt so lang.

Mitarbeiter "bis zum Anschlag ausgelastet"

Die Mitarbeiter seien "bis zum Anschlag ausgelastet", sagt Kerstin Münzer vom Studentenwerk Düsseldorf. Im Vergleich zu den Vorjahren seien zehn Prozent mehr Anträge eingegangen. In München verzeichnet das Bafög-Amt einen Zuwachs von 13 Prozent, in Hannover wird bereits in mehreren Schichten zwischen 6 und 21 Uhr sowie am Wochenende gearbeitet, um der Antragsflut Herr zu werden. Einige Notfälle konnten vorgezogen werden, die meisten anderen Antragsteller müssen ausharren - oft mit fatalen Folgen. Die Situation sei "katastrophal", sagt Johannes Blömeke vom Asta der Uni Dortmund.

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Bafög: Seit 40 Jahren theoretisch für alle da
In manchen Ämtern war die Leitung so schlau, rechtzeitig das Personal zu verstärken, um die Krise zu bewältigen. Allerdings dauert es mehrere Monate, bis neue Sachbearbeiter angelernt sind und die komplexen Anträge verstehen und korrekt bearbeiten können. Wie schwer das System Bafög zu durchschauen ist, zeigt eine Studie des Normenkontrollrats zum Bürokratieabbau. Danach brauchte ein Studierender etwa 335 Minuten, bis er seinen Erstantrag ausgefüllt hatte. Fünfeinhalb Stunden!

Wer sich selbst finanziert, hat weniger Zeit fürs Studium

Auch Anna bekam zu spüren, was derzeit in den Ämtern los ist. Ende September stellte die 32-Jährige, die ihren richtigen Namen hier nicht genannt haben will, einen Antrag - Ende Dezember war dieser noch "in Bearbeitung". Nun fehlten ihr, ihrem Mann und den drei Kindern knapp tausend Euro Bafög zum Leben. Annas Dispo war überzogen, neue Winterschuhe für die Kinder mussten warten, die letzte Miete haben sie und ihr Mann sich von einem Bekannten geliehen. "Wenn das Geld nicht kommt, muss ich aufhören zu studieren", sagt sie.

Mietspiegel der Studentenbuden
Rangfolge der Hochschulstädte nach monatlichen Ausgaben
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Rangfolge der Hochschulstädte nach der Höhe der monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten
Rang Standort Ausgaben für Miete*
1 Köln 359
2 München 358
3 Hamburg (ohne Uni Hamburg) 351
4 Düsseldorf 338
5 Frankfurt-a.M. 337
6 Mainz 327
7 Konstanz 327
8 Darmstadt 322
9 Berlin 321
10 Wuppertal 318
11 Heidelberg 314
12 Ulm 313
13 Duisburg 311
14 Bonn 309
15 Bremen 308
16 Freiburg 307
17 Stuttgart 306
18 Münster 305
19 Tübingen 304
20 Aachen 304
21 Mannheim 302
22 Braunschweig 302
23 Potsdam 301
24 Karlsruhe 300
25 Hannover 299
26 Regensburg 295
27 Marburg 294
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung

...und die Plätze 28 bis 54
Rangfolge der Hochschulstädte nach der Höhe der monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten
Rang Standort Ausgaben für Miete*
28 Oldenburg 292
29 Bochum 290
30 Kiel 290
31 Siegen 289
32 Augsburg 289
33 Trier 289
34 Saarbrücken 288
35 Passau 288
36 Bamberg 286
37 Rostock 282
38 Greifswald 281
39 Osnabrück 280
40 Gießen 279
41 Göttingen 277
42 Würzburg 277
43 Kassel 277
44 Bayreuth 275
45 Bielefeld 274
46 Kaiserslautern 268
47 Hildesheim 262
48 Jena 260
49 Magdeburg 253
50 Leipzig 251
51 Halle 249
52 Erfurt 248
53 Dresden 247
54 Chemnitz 211
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung

So wie Anna überbrücken die meisten die Zeit mit Geld von Freunden und der Familie. Oder sie jobben mehr. Beides ist problematisch. Wer sich zum größten Teil selbst finanziert, hat viel zu wenig Zeit für die straff durchorganisierten und prüfungsintensiven Bachelor- und Master-Studiengänge. So ging es Volkward Beyer. Der 23-Jährige reichte Mitte September, pünktlich zum Beginn des Schiffsmaschinenbaustudiums an der Fachhochschule Flensburg, seinen Bafög-Antrag ein. Im Januar hatte er noch keinen einzigen Euro bekommen. Um über die Runden zu kommen, suchte er sich einen Job an einer Tankstelle und hatte deswegen kaum Zeit zum Lernen. Prompt musste er zwei Klausuren verschieben.

Volkwards Mutter schaltete sich ein. Wütend schrieb Sigrid Beyer einen Brief an das Studentenwerk in Schleswig-Holstein. "Soll mein Sohn das Studium aufgeben, nur weil ihm kein Geld zur Verfügung gestellt wird?", fragte sie. "Sieht so Chancengleichheit aus? Oder ist ein Studium inzwischen nur noch etwas für die Reichen?" Ein Verdacht, der nicht ganz unbegründet ist.

Nach neuen Erkenntnissen des Hochschulinformationssystems sind Kinder aus Akademikerfamilien, die im Schnitt deutlich mehr Geld zur Verfügung haben als Arbeiterfamilien, an den Unis überrepräsentiert: Während der Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung 26 Prozent beträgt, stellt deren Nachwuchs an den Unis mit 69 Prozent die deutliche Mehrheit.

Einige Hochschulen haben mittlerweile auf die langen Wartezeiten reagiert und bieten unbürokratisch schnelle Hilfe an. So konnte Sabrina Terstegge vom Asta Bielefeld den Anrufern die freudige Nachricht überbringen, dass es für Studenten in finanzieller Schieflage ein einmaliges zinsloses Sozialdarlehen in Höhe von 600 Euro gibt. Damit war auch dem Flaschensammler erst einmal geholfen.

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