Um mich herum tobt der Verkehr, während ich auf einen Vermieter warte. Autos hupen, frisierte Mopeds fahren auf dem Bürgersteig. Es ist Abend, ich habe mich auf eine Wohnungsanzeige im Internet gemeldet. "Hey Ausländer, willst du eine Wohnung?", ruft mir plötzlich ein Mann auf dem Moped zu. Er trägt eine Goldkette, eine dicke Armbanduhr und ein weißes Unterhemd. Es ist mein potentieller Vermieter.
Ich habe ein ungutes Gefühl und schaue zu meiner Freundin Baoyuan. Gemeinsam wollen wir für ein Auslandsjahr in Nanjing, in der Nähe von Shanghai, studieren. Normalerweise studiere ich Philosophie und Geschichte in Münster, aber für das nächste Jahr werde ich China erkunden.
Noch bevor es richtig los geht, sind wir mitten in unserem ersten Abenteuer. "Los kommt", sagt der Vermieter, spuckt auf den Boden und tuckert mit seinem Moped in Schrittgeschwindigkeit vor.
Wir folgen ihm und allmählich werden aus den vielbefahrenen Straßen schmale Gassen. Wir betreten dunkle Hinterhöfe, Gerüche von unbekannten Gewürzen steigen mir in die Nase. Der Vermieter führt uns in einen Hauseingang ohne Licht.
"Ihr Ausländer habt hoffentlich nicht zu hohe Ansprüche!"
Sieben Etagen geht es hinauf, es riecht modrig. Mit einem Handy beleuchtet er die Betonstufen. "Ihr Ausländer habt hoffentlich nicht zu hohe Ansprüche!", sagt er ohne sich umzuschauen. Er schließt ein Eisengitter auf und öffnet die Tür zu einer kleinen Wohnung. Nur Betonboden, ein kleines Fenster und ein alter Fernseher. Umgerechnet etwa 200 Euro möchte er dafür pro Monat.
In einer Tonlage, die dem Vermieter nichts vom Inhalt verrät, sage ich zu Baoyuan: "Hier werden wir sicher nicht wohnen!" Sie nickt. Wir gehen rückwärts aus der Wohnung, lächeln dem Vermieter freundlich zu und flüchten mehr oder weniger kontrolliert die Stufen hinunter. Aber so schnell geben wir nicht auf.
Wir wollen es mit einem Makler versuchen. "Ich liebe mein Zuhause" heißt das Büro und überzeugt mich bereits mit dem Namen. Ein junger, adretter Mitarbeiter führt uns in ein luxuriöses Hochhaus: 43 Etagen, verglaste Fassade. "Das ist doch was", sage ich vergnügt zu Baoyuan ohne zu ahnen, dass es noch einige Haken gibt.
Mehr Spielwiese einer Playboy-Villa, als ein Studentenzimmer
Der Makler führt uns zu einer Wohnung in der 23. Etage. "Es ist nicht für jeden Geschmack etwas, aber viele Kunden fühlen sich hier sehr wohl", sagt er und schließt die Tür auf. Ich traue meinen Augen nicht: Der gesamte Raum ist ausgefüllt durch ein gigantisches, rundes Bett aus rotem Kunstleder. Es ist dekoriert mit einem goldenen Kissen und fliederfarbene Rosen zieren Gardinen und Wände.
Das Ganze erinnert mehr an die Spielwiese einer Playboy-Villa, als an ein Studentenzimmer. "Wenn ihr die Wohnung für ein Jahr mieten wollt, können wir noch einen kleinen Tisch hineinstellen", sagt der Makler.
"Besser als die letzte Wohnung", sage ich. "Aber das Lernen geht dabei wohl eher unter." Baoyuan erklärt dem Makler eindringlich, dass wir nach etwas anderem suchen. Er entschuldigt sich und will uns unbedingt eine andere Wohnung in der 42. Etage zeigen. Wir machen uns auf das Schlimmste gefasst.
Zu unserer Überraschung erwartet uns ein großes, helles Appartement mit Panoramafenster. Von hier aus hat man einen hervorragenden Blick über Nanjing. Es ist sauber und angenehm. Ein wenig irritierend ist, dass in der Mitte des Raumes der Koffer einer anderen Person liegt.
Die Wäsche ist auf dem Bett verstreut, Uhr und Geldbeutel liegen auch dort. "Ob die Person wohl freiwillig gegangen ist?", fragt mich Baoyuan, und ich zucke mit den Achseln. Wirklich eigenartig aber wird es, als der Vermieter kommt.
Bar und keine Papiere für die Wohnung
Braun gebrannt, sommerlich gekleidet, aber sehr kurz angebunden: so lernen wir den Vermieter kennen. Wir fragen ihn, ob die Waschmaschine funktioniert, wie es mit dem Trockner aussieht. Er antwortet abwesend, springt dabei von einem Bein aufs andere. Er wirkt, als hätte er nicht viel Zeit und wenig Ahnung von der Wohnung.
"Ja, ihr könnt die Wohnung mieten", sagt er, "aber ich will die gesamte Jahresmiete heute in bar und ich habe keine Papiere für die Wohnung." Ich winke sofort ab. Auch dem Makler kommt das Ganze komisch vor. Er entschuldigt sich erneut, und wir vertagen die Wohnungssuche.
Am Abend ruft uns der Makler erneut an und verspricht uns, diesmal eine passende Wohnung gefunden zu haben. Und in der Tat: Die Wohnung ist neu, geräumig, und die Vermieterin ist eine Lehrerin an der Nanjing Universität. Baoyuan und ich sagen sofort zu.
Einziges Problem: In China bezahlt man häufig in bar, und wir sollen die ersten sechs Monatsmieten sofort bezahlen. Bei unserer Wohnung beträgt das ungefähr 16.000 Renminbi, umgerechnet etwa 2000 Euro.
Weder Baoyuan noch ich können so viel Geld auf einmal abheben. Zum Glück hat sie aber einen Onkel in Nanjing. Sie ruft ihn an und erklärt ihm kurz die Situation. Kaum eine Stunde später fährt eine Limousine mit getönten Scheiben vor.
Wir steigen ein, er gibt uns wie selbstverständlich einen prall gefüllten Umschlag mit Geld. "Chinesen ist für die Familie fast kein Aufwand zu groß", sagt Baoyuan zu mir. Wir fangen an, die Scheine zu zählen, und ich fühle mich wie im Film. Nur dass es nicht um Waffen, Drogen und Sex geht, sondern um eine Wohnung für zwei Studenten für ihr Auslandsjahr.
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