Studieren unter Galliern: Schlammcatchen für Erstsemester

Man muss nicht polyglott sein, um an der Elite-Uni Sciences Po in Nancy zu studieren. Aber es hilft. Auf die Studenten warten durchpaukte Nächte, beinharte Rugby-Spiele, Seminare in drei Sprachen. Exot ist hier, wer nur eine Muttersprache hat - wie Erstsemester Sebastian Jannasch.

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Studieren in Nancy: Zweisprachig unter Vielsprachlern
Es gibt Momente im Leben, da finde ich mich richtig langweilig. Vergangene Woche zum Beispiel stand ich mit drei Freunden auf dem Campus meiner Uni: Samantha, Joseph und Sarah. Samantha, 18, hat einen amerikanischen Pass, ihre Eltern stammen von den Philippinen, die vergangenen Jahre verbrachte sie an einem französischen Gymnasium in Wien und spricht fünf Sprachen. Joseph, 18, ist zur Hälfte Deutscher und zur anderen Franzose. Seine A-Levels hat er im englischen Elite-Internat Eton gemacht. Und Sarah, 18, ist eine französisch-österreichische Studentin mit indischen Wurzeln.

Mit allen dreien studiere ich jetzt an der Sciences Po Paris auf dem Campus von Nancy. Hier bekommt der Begriff Muttersprache seine wortgetreue Bedeutung wieder - denn in den seltensten Fällen stimmen hier Mutter- und Vatersprache überein. Als deutscher Mutter- und Vatersprachler mit Grundkurs Französisch komme ich mir da manchmal vor wie ein Analphabet.

Am ärgsten fällt mir mein Defizit auf, wenn ich neue Leute kennenlerne. Nachdem die Personalien aufgenommen sind (Name, Alter, Herkunft), lässt eine Frage nicht lange auf sich warten: "Und wo warst du schon so, wie viele Sprachen sprichst du?"

Biografien wie Reisekataloge

Die internationale Ausrichtung der Uni führt dazu, dass sich die Biografien mancher Kommilitonen eher wie Reisekataloge lesen. Als Deutscher mit einem normalen deutschen Abitur fällt man hier auf. Viele haben deutsch-französische oder internationale Abschlüsse in der Tasche.

Die Studenten werden gut umsorgt. Gleich zu Anfang sollten möglichst schnell Fremdeleien zwischen Deutschen, Franzosen und allen anderen abgebaut werden. Zwei Einführungswochen hatte die Uni dafür reserviert, die gut 100 Erstsemester aus knapp 30 Ländern zu einer Gemeinschaft zu formen.

In dem Ferienhaus in den Vogesen bestand das Programm zu großen Teilen aus Schlammschlachten und Trinkwettbewerben. Für mich als ehemaligen Zivi war es die Chance, doch noch etwas Wehrdienst nachzuholen. Während sich eine Mannschaft kriechend und krauchend durch den Wald kämpfte, setzte die zweite Gruppe mit Hilfe von Eiern, Schlamm und Wasser alles daran, das zu erschweren. Anschließend wurde getauscht. Und tatsächlich, das Krabbeln durch den Matsch war in mehrfacher Hinsicht zusammenschweißend: Wir klebten nicht nur physisch aneinander, es bildeten sich auch die ersten internationalen Pärchen.

Die Sciences Po gilt als französische Kaderschmiede. Nur jeder fünfte Bewerber schaffe es auf die Uni, sagt der Co-Direktor. Die Präsidenten Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy saßen ebenso im Vorlesungssaal wie Modeschöpfer Christian Dior. Den deutsch-französischen Campus hat die Uni vor bald zehn Jahren hier in Nancy in Lothringen gegründet. Unterrichtet wird auf Deutsch, Englisch und Französisch, Sprachkurse werden in Spanisch, Arabisch und Russisch angeboten. Die Studiengebühren hängen vom Einkommen der Eltern ab und betragen bis zu 8500 Euro pro Jahr.

Feiern, lernen oder beides?

Nach dem Begrüßungsprogramm ging die Uni dann sofort auf Hochtouren los - mit einer Mischung aus Politikwissenschaft, Recht, Wirtschaft und Geschichte. Zwei Jahre bleiben wir Studenten in Nancy, im dritten Jahr verstreuen wir uns dann rund um die Welt für ein Auslandsjahr (für mich Ausland vom Ausland), bevor wir uns dann für den Master wieder in Paris treffen.

Anstelle eines faulen Studentenlebens gibt es hier eher eine Extraportion Arbeit: Nicht unüblich ist eine Woche mit zwei Referaten, einem Philosophie-Aufsatz auf Englisch, einer VWL-Zwischenprüfung und unzähligen Seiten zur deutschen Geschichte - und dazwischen noch die normalen Vorlesungen und Seminare.

Deshalb sprechen die Studenten viel darüber, wie man es am besten schafft, das Schlafbedürfnis zu reduzieren - oder in welcher Vorlesung man es sich leisten kann, mal die Augen zu schließen. Oft schwemmt auch noch das E-Mail-Postfach kurzfristig Überraschungen an: aus vielen Seiten mit winzigen Buchstaben, alles Pflichtlektüre. Wie man damit umgehen soll, wenn der Dozent 120 Seiten per Mail schickt, die bis zum nächsten Tag gelesen sein müssen? Antwort: Gar nicht erst versuchen, es funktioniert eh nicht!

Teutone von Galliern vermöbelt

Das Kontrastprogramm zum Lernalltag an meiner Uni ist Rugby, ein absolutes Muss. Der Sport durchbricht den Lern-Tagesrhythmus, manchmal sogar im wörtlichen Sinn. Denn kaum ein Training endet ohne gebrochene Zehen, verstauchte Knöchel oder überdehnte Bänder.

Auch ich hab mich im Rugby versucht und kam mir dabei vor wie ein römischer Legionär bei "Asterix und Obelix". Kaum hatte ich mich aufgestellt, wurde ich von einem 100-Kilo-Koloss von den Füßen gerissen und fand mich eingekeilt zwischen anderen Galliern, während sich Obelix weiter vorankämpfte und Gegenspieler einfach wegsprengte. Bald nahmen meine blauen Flecken zu, meine Motivation nahm ab. Aus gesundheitlichen Gründen bin ich mittlerweile zum Fechten gewechselt.

Am Abend fragen sich alle Sciences Po'ler: Wie hältst du es mit der Studiererei? Denn irgendwo steigt immer eine WG-Party. Ob Motto-Feten in der Uni oder WG-Hopping bei Freunden, die Partylaune gehört zum Uni-Alltag. Ebenso wie der feste Vorsatz am nächsten Morgen, heute aber früher schlafen zu gehen.

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1. 1
nurEinGast 02.02.2010
Zitat von sysopMan muss nicht polyglott sein, um an der Elite-Uni Sciences Po in Nancy zu studieren. Aber es hilft. Auf die Studenten warten durchpaukte Nächte, beinharte Rugby-Spiele, Seminare in drei Sprachen. Exot ist hier, wer nur eine Muttersprache hat - wie Erstsemester Sebastian Jannasch. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,674631,00.html
Nein danke, kein interesse.
2. "Es gibt wüste Einführungsrituale, es wird bis zum Umfallen gepaukt, trotzdem gibt...
Trippel X 02.02.2010
Zitat von nurEinGastNein danke, kein interesse.
Ebenso unnötiger Kommentar wie der unnötige Artikel. Die Einführungstage interessieren mich wenn nur am Rande, solche Artikel finde ich auf der Uni Homepage als "ERASMUS-Erfahrungsbericht" zu tausenden. Wo ist die Berechtigung diesen Artikel hier zu veröffentlichen? Den Artikel hätte man lcoker auf "Es gibt wüste Einführungsrituale, es wird bis zum Umfallen gepaukt, trotzdem gibt es Partys." reduzieren können.
3. Eliteuni?!
petitelapine 02.02.2010
Hallo, Ich finde es persönlich immer wieder lustig, wie leicht man das französische Vorurteil vom Science Po als Eliteuni übernimmt! Ich selbst habe am Science Po studiert, nachdem ich mein Grundstudium in Deutschland abgeschlossen hatte. Ich wurde schnell enttäuscht! Es stimmt zwar, dass es aus quantitativer Sicht harte Arbeit ist (man hat wirklich nicht viel Zeit, um anderen Interessen nachzugehen), aber die Qualität der Kurse lässt doch sehr zu wünschen übrig! Da werden falsche Zahlen referiert,uberlebte Theorien unterrichtet und der Prof hält seit 15 Jahren die immer gleiche Vorlesung - wortgetreu( hat allerdings den Vorteil, dass die älteren Jahrgänge gerne ihre - vollständigen - Mitschriften an die Jüngeren weitergeben, was eine Menge arbeit erspart...). Der französische Elitestudent schreibt wortwörtlich mit und lernt dann auswendig! Auch habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass die Studenten zwar in der Regel aus guten bis sehr guten Verhältnissen kommen -ihr Niveau ist aber eher unterirdisch und Vorurteile (gegen Ausländer,sozial schwächere Mitstudenten) noch weit verbreitet. Das Niveau in meinem deutsche Grundstudium war höher, als das Niveau im 4. Jahr an der "Grande Ecole"... Als man mir anbot, meinen Abschluss an diesen Science Po zu machen, habe ich mich freiwillige für eine Faculté de droit entschieden - und wurde nicht enttäuscht: hohes Niveau, ausgeprägte Diskussionskultur, engagierte Profs und kleine Kurse (wir waren knapp 50 Leute im Jahrgang)... Fazit: Vorsicht mit der Glorifizierung des französischen Systems der Grandes Ecoles!
4. hm
iRusse 02.02.2010
Also für mich klingt das nach einer ganz normalen Hochschule in Germany. Pauken, Partys und Schlafdefizit wird man hier genauso finden. Der einzige unterschied ist wohl, dass hier "nur" zweisprachig unterrichtet wird (Deutsch und Englisch) und das Sportprogramm wird durch ein Geldbeschaffungsprogramm (Arbeiten) ersetzt ;) Kann man das dem Verfasser übel nehmen? - Wohl kaum. Immerhin war das (wenn ich den Text richtig gelesen habe) seine allererste Hochschulerfahrung. Da ist man immer ein wenig baff. Heißt aber nicht, dass sich diese "Grand Ecole" groß von anderen Unis unterscheidet. Ich bleibe lieber in D. Aulandssemester werden sowieso überbewertet.
5. ...
Newspeak 02.02.2010
"Wie man damit umgehen soll, wenn der Dozent 120 Seiten per Mail schickt, die bis zum nächsten Tag gelesen sein müssen? Antwort: Gar nicht erst versuchen, es funktioniert eh nicht!" Also zählt am Ende auch nur ein Stück Papier, das einen als Absolventen dieser Uni kennzeichnet. Denn was soll das schon bringen, diese stupiden Beschäftigungsmaßnahmen, wenn keine Zeit dafür vorhanden ist, Dinge sich einmal setzen zu lassen oder vielleicht sogar selbständig etwas zu lernen. Ich kenne jemanden, der das französische Ausbildungssystem durchlaufen hat und die Erzählungen sind teilweise haarsträubend, weil es ein doch sehr oberflächliches System zu sein scheint und außerdem den Idealen der Französischen Revolution widerspricht, d.h. Standesdünkel und reiche Eltern nutzen mehr als die eigenen Fähigkeiten, wenn man das Unglück hatte Kind armer Eltern aus einem der berüchtigten Vororte zu sein. Wieder ein Grund mehr, jeder selbsternannten Elite zu mißtrauen. Wohin einen diese "Eliten" führen, sieht man ja jeden Tag in den Nachrichten.
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