Studium auf Pump: Kein Master ohne Zaster
Tausende Studenten finanzieren ihr Studium auf Pump. Und viele müssen es jetzt wohl wider Willen mit dem Bachelor beenden, denn die Banken fordern die Darlehen zurück. Die Geldhäuser knausern und finden auch kaum Kunden - denn die Studenten vertrauen bei Krediten lieber dem Staat.
Bis zum Donnerstagmorgen war alles gut in Goslar. Ein Besuch in der alten Heimat kann durchaus auch mal deprimieren, aber Frank Taeger hatte sich gefreut, seine Mutter zu sehen, Freunde zu treffen; es war schön, durchs altehrwürdige Zentrum der Stadt im Harz zu spazieren. Dann allerdings ging er in die dortige Commerzbank-Filiale.
Danach wusste der 25-Jährige nicht mehr, wie sein Leben jetzt überhaupt weitergehen sollte.
Taeger, Student in Köln, hatte in der Bank eine Botschaft bekommen, die sein Leben völlig auf den Kopf stellte. Die Beraterin, mit der er zusammensaß, teilte ihm drei Dinge mit. Er bekomme, erstens, keinen weiteren Kredit mehr. Er müsse, zweitens, seine hohen Schulden schon bald zurückzahlen. Und man werde, drittens, keine Rücksicht auf seine finanziellen Verhältnisse nehmen.
Die Geschichte von Frank Taeger ist die Geschichte eines Studenten, der Geld braucht, um die Studiengebühren zu entrichten, und dabei in eine Falle tappt. Sie spielt sich derzeit in vielen deutschen Universitätsstädten ab und im Leben vieler Studenten. Es geht um eine Sollbruchstelle in Darlehensverträgen, die Banken mit Studenten abschließen. Sie betrifft den Übergang vom Bachelor zum Master.
Es ist drei Jahre her, dass Taeger sich entschloss, Wirtschaftspsychologie an einer Kölner Privatuni zu studieren. Kosten: 500 Euro pro Monat. Das Geld hatte er nicht. Taeger landete bei der damaligen Dresdner Bank. Die bot den sogenannten FlexiStudienkredit an. Das Darlehen war teuer, hatte aber auch Vorteile. Anders als die Konkurrenz überwies die Bank nicht jeden Monat einen vorab festgelegten Betrag. Sie stellte den Studenten ein Girokonto mit einem großzügigen Dispositionsrahmen von bis zu 1500 Euro im Monat zur Verfügung.
Das überzeugte Taeger. Er unterschrieb für die drei Jahre seines Bachelor-Studiums und fragte nach, was denn passiere, wenn er noch den Master machen wolle. "Kein Problem", sagte der Berater nach Taegers Erinnerung, "dann schließen wir einen neuen Kreditvertrag." Leider hat der Kölner Student sich dieses Versprechen nicht schriftlich geben lassen. Das ist jetzt sein Problem.
Denn in der Zwischenzeit ist viel passiert. Die Dresdner Bank gibt es nicht mehr. Die selbsternannte "Beraterbank" ist jetzt in der Commerzbank aufgegangen. Die bietet den FlexiStudienkredit nicht mehr an.
Taeger will allerdings weiterhin seinen Master machen, um seine Jobchancen zu verbessern. Derzeit schreibt er an seiner Bachelor-Arbeit, mit der er Ende November fertig sein wird. Doch das Vorhaben gerät jetzt in Gefahr. "Als ich nach einer Verlängerung meines Kredits für den Master gefragt habe, für den ich ja auch pro Monat mehr als 500 Euro zahlen muss, sagte mir meine Beraterin, dass das nicht ginge."
Und nicht nur das: Sobald Taeger den Bachelor-Abschluss in der Tasche hat, beginnt die Uhr zu ticken. Innerhalb eines Jahres muss er, so die Anweisung aus Goslar, damit beginnen, seine Schulden zurückzuzahlen - obwohl er dann noch Master-Student ist. Inklusive der Zinsen dürften es mittlerweile gut 22.000 Euro Miese sein, hat Taeger errechnet. Er fühlt sich von der Bank alleingelassen. "Ich habe auch kein Angebot erhalten, wie ich damit umgehen soll", klagt er.
"Unberechenbare Kredite, als Glücksversprechen angepriesen"
Studentenvertreter sind empört über das Kreditproblem, das bei den alten Diplom-Studiengängen gar nicht erst auftauchen konnte. "Das Verhalten der Bank ist ungehörig", sagt Rolf Dobischat, Präsident des Deutschen Studentenwerks. "Es zeigt sich, wie unberechenbar diese Kredite sind, die immer als Glücksversprechen angepriesen werden." Die Commerzbank räumt ihren Kunden zwar ein, die rückzahlungsfreie Zeit des Bachelor-Kredits um die vier Semester des Master-Studiengangs zu verlängern. Dazu sei ein formloser Antrag nötig. Allerdings sei "zusätzlich eine positive Befürwortung der Filiale erforderlich", sagt Heribert Klein von der Commerzbank. Zu dem konkreten Fall von Taeger will sich die Bank nicht äußern.
Vom Wohlwollen ihres Kreditinstituts sind auch Bachelor-Studenten abhängig, die bei der genossenschaftlichen PSD Rhein-Ruhr in der Kreide stehen: Sie bietet ihr Studiendarlehen seit einigen Wochen nicht mehr an. Eine automatische Verlängerung der alten Bachelor-Verträge für die Zeit des Master-Studiums ist nicht vorgesehen. Nach der Schonfrist von sechs Monaten können die Studenten zur Rückzahlung ihres Kredits aufgefordert werden. "Wir prüfen im Gespräch mit dem Kunden, ob auch die Familie helfen kann, den Schuldenberg zurückzuführen", sagt Rolf Fühles, Geschäftsbereichsleiter Vertriebsunterstützung bei der PSD Rhein-Ruhr.
Weniger dramatisch, aber immerhin holprig könnte der Übergang zum Master auch bei Bankhäusern sein, die an ihrem Studienkredit festhalten. Die Deutsche Bank verweist zum Beispiel darauf, dass es keine automatische Verlängerung der vorab vereinbarten Laufzeit gibt. Maximal zahlt sie fünf Jahre lang ihren derzeit 11.000 Kreditnehmern durchschnittlich 350 Euro pro Monat aus. Die Zeit reicht gerade für ein Bachelor-Studium ohne verhauene Prüfungen mit direkt anschließendem Master. Wer allerdings seinen Vertrag nur für die Zeit des Bachelors abschließt, muss sich mit der Bank für den Master erneut zusammensetzen und mit guten Leistungen glänzen.
So brauchen Tausende Studenten nicht nur eine besonders gute Note, um einen der wenigen Master-Plätze zu ergattern. Auch die Banken müssen mitspielen. "Solange es keine automatische Verlängerung in den Verträgen gibt, steht jeder vor diesem Problem", warnt Annabel Oelmann, Finanzexpertin bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "So etwas kann einen Studenten völlig aus der Bahn werfen, da kann man später nur auf die Kulanz der Bank setzen." Sie rät künftigen Kreditnehmern dazu, im Gespräch mit der Bank auf einen Master-Passus zu drängen. Zieht die Bank nicht mit, sollte der Student nach anderen Angeboten suchen.
Everybody's Darlehen? Das Angebot schrumpft
Von denen gibt es allerdings immer weniger. "Einige Angebote sind eingestampft worden, die Vielfalt hat abgenommen", konstatiert Ulrich Müller vom Centrum für Hochschulentwicklung. Jedes Jahr untersucht er die angebotenen Studienkredite. Die meisten Banken, die ihre Darlehen einstellen, vertreiben wie die Commerzbank nur noch Kredite der KfW-Bank. In der Branche heißt es, dass die Konkurrenz der Staatsbank sehr stark sei und sich zudem die Hoffnungen auf eine enge Kundenbindung über die Studienzeit hinaus nicht erfüllt haben. Seit dem Start ihres Studienkredits vor vier Jahren hat die KfW mittlerweile rund 78.000 Darlehen vergeben. Allein im vergangenen Jahr überwies sie gut 17.500 neuen Studenten durchschnittlich 480 Euro pro Monat.
Doch Marktbeobachter Müller glaubt, dass es weniger das unschlagbare Angebot ist als das Vertrauen in den Staat, das viele Studenten zur KfW zieht. Denn die Konditionen der Bank haben es in sich. Zwar sind die Darlehen derzeit zu einem niedrigen effektiven Jahreszins von 3,34 Prozent günstig zu bekommen. Allerdings kann ihn die Bank während der Laufzeit halbjährlich bis zu einer Zinsobergrenze von satten 8,35 Prozent hochschrauben.
Studentenvertreter warnen deshalb davor, allzu leichtfertig zu einem Kredit zu greifen. Zwar können sie nach Ansicht von Studentenwerk-Präsident Dobischat dabei helfen, kritische Studienphasen zu überbrücken. "Auf keinen Fall sollten Studenten aber ihr ganzes Studium über Kredit finanzieren, das Verschuldungsrisiko ist zu hoch."
Auch Frank Taeger ist jetzt klar, wie gefährlich ein Darlehen sein kann. Wie es weitergehen soll, weiß er aber immer noch nicht. Er hätte jetzt gern den Kopf frei für seine Bachelor-Arbeit, er würde gern ohne finanzielle Sorgen in der Universitätsbibliothek sitzen. Doch er muss sich jetzt erst einmal um seine Umschuldung kümmern. "Mein Plan", sagt Taeger, "ist jetzt erst mal, irgendwie zu überleben."
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