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06. Juni 2012, 12:36 Uhr

Studium in der Arktis

Ich möchte ein Eisbär sein

Aus Longyearbyen berichtet

Rund 1200 Kilometer bis zum Nordpol, dreitausend Eisbären vor der Tür: Simon, Anna, Elena und Matthias haben sich einen frostigen Studienort ausgesucht - die norwegische Insel Spitzbergen. Sogar Schießtraining ist nötig.

Es gibt gleich ein paar Dinge, mit denen man klarkommen muss, wenn man Simon, Anna, Elena und Matthias besucht. Zuerst ist da natürlich die Sache mit dem Schnee und der Kälte. Denn während in Deutschland längst Sommer ist, dümpeln die Temperaturen in Longyearbyen noch immer um den Gefrierpunkt herum. Klar, das ist nicht sonderlich verwunderlich - liegt doch der Hauptort der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen gerade einmal 1200 Kilometer vom Nordpol entfernt.

Dn das Wetter kann man sich irgendwie gewöhnen - und auch daran, dass man in der ehemaligen Bergarbeitersiedlung beim Betreten von fast jedem Gebäude die Schuhe ausziehen muss. Wegen der alten Angst vor Dreck geht es auf Socken in die Uni; schlaue Zeitgenossen bringen sich Hausschuhe mit. Im Foyer des University Centre in Svalbard, kurz Unis, steht extra ein großes rotes Regal für die Wechselschuhe. Auch daran kann man sich gewöhnen.

Bei zwei anderen Dingen ist das etwas schwieriger: Man muss sich erstens verbieten, ständig aus dem Fester zu stieren. Die Aussicht auf die schneebedeckten Plateauberge jenseits des Adventfjords ist verlockend. Doch der Versuchung ständig nachzugeben und die Blicke schweifen zu lassen, das ist dann doch eher unsozial. Und zweitens und wichtigstens: Man darf sich nicht an der Sache mit den Eisbären stören - und an den Waffen, die hier sogar die Erzieherinnen des Kindergartens zur Verteidigung tragen.

Zwei Stunden Schießtraining, dann geht's los

Auf Spitzbergen, so heißt es, leben weniger Menschen als Eisbären. Das Verhältnis liegt in etwa bei zweieinhalb- zu dreitausend. Sind die Bären hungrig, können sie zur Gefahr werden - Stichwort "größtes Landraubtier der Erde". Im vergangenen August starb ein britischer Teenager bei einer Attacke.

Wegen dieses permanenten Risikos müssen sich die Inselbewohner im Fall eines Angriffs verteidigen können. "Am Anfang war ich verwundert, wie selbstverständlich man hier mit Waffen umgeht. Man muss zwei Stunden trainieren, dann kann man sich jederzeit eine nehmen", sagt Anna Dittmann. Die 23-jährige Meteorologin studiert normalerweise in Frankfurt. Sie hat schon ein paar Monate in Longyearbyen hinter sich - und weiß, dass die Schießprügel, zum Teil noch aus Wehrmachtsbeständen, während der Seminare im Keller des Universitätszentrums verwahrt werden. Doch draußen können sie Leben retten.

Zusammen mit ihren Kollegen Simon Kamprath, 24, Elena Stautzebach, 22, und Matthias Gottschalk, 23, sitzt Anne gerade bei der Mittagspause im runden Unis-Speisesaal. Es gibt Kartoffelbrei, Blumenkohl und Berge an Schweinenacken. Selbst für Fleischliebhaber lassen sich die unverschämt großen Fleischrationen nur erklären, wenn man annimmt, dass die Studenten einen Großteil ihrer Zeit in Gletscherspalten und Eislöchern zubringen - und dafür genügend Energie brauchen.

Und genau das ist der Fall.

Viele Kurse von Unis finden draußen statt - im Freiluftlabor Arktis. "Das Tolle ist, dass man in den Kursen so viel Praxiserfahrung kriegt", sagt Anna. Geologen brauchen nur einmal über den Fjord zu schippern, um Gesteine aus 400 Millionen Jahre Erdgeschichte auf engstem Raum präsentiert zu bekommen. Und der Geophysikkurs hat die Gletscher zur Untersuchung direkt vor der Tür.

Mit Schneemobilen sind Simon, Anna, Elena und Matthias zum Tellbreen gerattert, zum Fangenbreen und zum Blekumbreen. Dort haben sie die Schichtung der Eismassen untersucht und ihr Abschmelzen abgeschätzt. Sie haben vom Schiff des Inselgouverneurs aus das Meereis untersucht - auch wenn sie dafür um die halbe Insel fahren mussten, weil der Winter in diesem Jahr außergewöhnlich wenig Eis gebracht hat. Und so weiter.

"Für mich ist ein langjähriger Traum in Erfüllung gegangen", beschreibt Elena, die normalerweise in Wien studiert, ihre Zeit auf Spitzbergen. "Hier kommen nur die Leute hin, die Kälte und Abgeschiedenheit mögen", meint Simon. Kleine Kurse sorgen für guten Kontakt mit Studienkollegen und Lehrpersonal. Das Gemeinschaftsleben in den vier Studentenbaracken am Ortsrand ist rege.

"Man hat mit dem Schlafrhythmus zu kämpfen"

Doch man muss wissen, wie man sich in dieser fremden Welt bewegt. Für jeden Neuankömmling ist deswegen ein Sicherheitskurs absolute Pflicht. Da wird dann geprobt, wie man einen Verwundeten aus einer Gletscherspalte rettet, wie man sich mit einem Überlebensanzug aus einem Eisloch befreit, wie man ein Zelt auch unter widrigsten Bedingungen aufbaut, wie man Lawinengefahren erkennt - und wie man Eisbären abwehrt. "Wir werden darauf geschult, wie man nach Möglichkeit jeden Kontakt verhindert", erklärt Matthias.

Doch auch wenn man keinem zotteligen Bären begegnet: Das Leben in Longyearbyen hat manchmal seine Tücken. Annas Schneemobil ist zum Beispiel gerade kaputt gegangen. Jetzt muss sie eine halbe Stunde von ihrer Unterkunft in einem alten Bergarbeitercontainer zur Uni laufen. Denn Langlaufskier, da sind sich die vier einig, sind bestenfalls für ein paar der norwegischen Kollegen eine Option: Schließlich muss man sie am Ende des Tages wieder den Berg hochschleppen.

Und dann muss man auch ab und zu mit zwischenzeitlichen Flauten im einzigen Supermarkt der Insel klarkommen. So hatte etwa nach Ostern das Versorgungsschiff Verspätung. Was für ein Glück, dass die Supermarktmanager traditionell auch abgelaufene Produkte noch weiter verkaufen. Das entspannt die Versorgungslage - und die studentischen Finanzen.

Am größten ist aber wohl die Herausforderung durch Polartag- und Polarnacht. Von Mitte April bis Ende August ist es ohne Pause hell, von Mitte November bis Ende Januar dann permanent dunkel. "Man hat mit dem Schlafrhythmus zu kämpfen", sagt Simon. In der gemütlichen Winterzeit will der Körper nichts als Schlafen, im Sommer dann dauerhaft wach sein. Da kommt man leicht aus dem Takt. "Mir ist es vorgekommen, dass ich bis Mitternacht gelernt habe und dachte, es sei sieben Uhr", sagt Elena.

Momentan studieren nach den Unis-Statistiken pro Jahr um die 460 Leute aus gut 30 Ländern in Longyearbyen - Arktische Biologie, Geologie, Geophysik oder Technologie. Gut ein Zehntel der Studenten stammt dabei aus Deutschland. Doch die hohe Zahl trügt etwas: Viele von ihnen sind nur ein paar Wochen für einen Kurs hier. Durch den hohen Durchlauf ist andererseits immer für soziale Abwechslung gesorgt - und dafür, dass kein Lagerkoller aufkommt.

Der Studienort Longyearbyen ist attraktiv, immer mehr Studenten zieht es in den hohen Norden. Das Universitätszentrum will deswegen expandieren: Das Lehrgebäude bekommt einen weiteren Anbau verpasst und die Studentenquartiere werden direkt an den Fjord verlegt. Das schnelle Wachstum des Ortes könnte freilich irgendwann zum Problem werden. Wo die Abwässer im Fjord landen und ein alterndes Kohlekraftwerk seinen Dienst tut, muss auch die unberührte Natur ein Stück weit leiden.

Doch gerade die Reinheit der Arktis zieht Studenten und zahlende Gäste auf die Insel - wenn auch unter etwas unterschiedlichen Vorzeichen, wie Anna schmunzelnd sagt: "Touristen zahlen extrem viel Geld für die Ausflüge, die wir hier einfach so machen."

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