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Studium in Albanien: "So bekommt ihr nur Esel"

Von Mirko Heinemann

Im Reiseführer wird Albanien neuerdings als Geheimtipp gehandelt, die Hauptstadt Tirana gilt als "Partystadt". Nur an den Unis des krisengeprüften Landes ist weiterhin Stillstand angesagt. Die Studenten wehren sich - mit tierischen Aktionen.

Im Deutschkurs wird heute diskutiert. Was sie an ihrer Uni in Albanien vermissen - das sollen die Germanistik-Studenten sagen. Ivana Tsika, eine junge Frau mit langen schwarzen Locken, meldet sich als erste: "In der Bibliothek gibt es fast keine Bücher", sagt sie. "Wir bekommen nur Fotokopien, die die Dozenten an uns verteilen." Auch am Fachbereich Informatik fehle es an allem: "Wir lernen nur Theorie. Es gibt überhaupt keine Computer."

Rund 30.000 Studenten sind derzeit an den acht albanischen Unis eingeschrieben, allein 14.000 studieren an der Staatlichen Universität Tirana. Sie alle bekommen zu spüren, dass Albanien eines der ärmsten Länder Europas ist - weil es noch immer unter der Isolationspolitik des einstigen Diktators Enver Hoxha leidet. Das kommunistische Regime hinterließ einen völlig maroden Staatshaushalt. Fachkräfte verließen in Scharen das Land, es gab Schattenwirtschaft und Korruption. 1997 brach das Finanzsystem zusammen, in Albanien gab es Bürgerkrieg.

Seit einigen Jahren berappelt sich das kleine Land mit seinen etwa 3,1 Millionen Einwohnern wieder, die Wirtschaft wächst. Vor allem die Hauptstadt Tirana hat sich gemausert. Der Reiseführer "Lonely Planet" kürte Tirana zum Geheimtipp, zur "Partystadt", die junge Reisende aus aller Welt anzieht.

"Mjaft" heißt "genug"

Doch an den Unis merkt man von diesem Wandel wenig. Die 21-jährige Psychologie-Studentin Edlira Mullaj klagt vor allem über den geistigen Stillstand. "Albanien hat sich entwickelt, aber nur materiell", sagt sie. "Viele Professoren sind irgendwo in den fünfziger Jahren stehen geblieben. Selbständiges Lernen findet kaum statt, wir lernen wie Papageien." Zwar ist Albanien offiziell in den Bologna-Prozess eingebunden, der die Lehrpläne der europäischen Unis angleichen soll. "Doch vieles steht hier nur auf dem Papier", sagt DAAD-Lektor Jürgen Röhling.

Einige Studenten wollen sich mit diesem Zustand nicht abfinden. Ende 2007 demonstrierte eine Gruppe von Aktivisten vor dem Parlament. Sie hatten zwei Esel dabei und forderten mehr Geld für die Bildung. "Unsere Botschaft lautet: Mit diesem Budget bekommt ihr nur Esel", sagt der Aktivist Kristi Pinderi. Derzeit liege der Etat bei 3,1 Prozent des Staatshaushalts. "Das ist weit unter den europäischen Standards."

Pinderi gehört zu einer gut ausgebildeten Elite von Albanern, die sich bewusst dazu entschieden haben, im Land zu bleiben. "Ich liebe das Chaos in Albanien", sagt er. "Chaos ist Bewegung, und Bewegung ist Leben." Trotzdem will der 24-Jährige, dass sich etwas ändert. Darum arbeitet er bei der studentischen Bewegung "Mjaft" mit, die auf Deutsch "Genug!" heißt. Die Mjaft-Aktivisten protestieren gegen die Verhältnisse, die besonders junge Menschen aus dem Land treiben. Sie prangern Korruption und Misswirtschaft an, organisieren Demonstrationen und politische Festivals.

Der 28-jährige Arbjan Mazniku hat die Mjaft-Bewegung vor vier Jahren zusammen mit Freunden gegründet. "Wir wollen nicht auswandern, sondern hier etwas verändern", sagt er. "Albanien ist unsere Heimat." Mjaft orientiert sich an studentischen Bewegungen anderer osteuropäischer Länder. So wie "Pora" ("Es ist Zeit") in der Ukraine die orangene Revolution mit ausgelöst hat und Otpor (Widerstand) in Serbien den Sturz von Slobodan Milosevic, will Mjaft zur Teilnahme an demokratischen Prozessen aufrufen.

"Europa öffnet seine Arme nicht"

Der größte Erfolg der albanischen Aktivisten? "Vergangenes Jahr hat die Regierung nach Mjaft-Protesten das Bildungsgesetz geändert. Erstmals wurde die Unabhängigkeit der Lehre festgeschrieben", sagt Arbjan Mazniku.

Doch nicht nur mit der Regierung haben die jungen Albaner zu kämpfen. Es gibt auch noch ein anderes Problem: Vorurteile. Im westlichen Ausland hat Albanien weiterhin keinen guten Ruf. "In Deutschland sieht man uns als Drogendealer, als Verbrecher. Das Bild stimmt nicht, und es gefällt uns nicht", sagt der Germanistik-Student Afrim Cicerukaj. Durch die restriktive Visumsregelung für Reisen nach Westeuropa und die schlechten Chancen auf eine EU-Mitgliedschaft fühlt sich der Student diskriminiert: "Wir Albaner sehnen uns nach Europa. Aber Europa öffnet seine Arme nicht."

Das Bild von Albanien - in Deutschland ist es durch die Flüchtlinge aus dem Kosovo geprägt, glaubt der Germanist und DAAD-Lektor Jürgen Röhling. Er war "positiv überrascht", als er 2006 nach Albanien kam. "Über Albanien weiß man in Deutschland eigentlich gar nichts."

Nicht weit von der Universität entfernt, im so genannten "Blockviertel", bereitet sich Tirana auf die Nacht vor. Früher war der "Block" die Gegend der Funktionäre, heute reihen sich hier Dutzende von Bars, Cafés, Restaurants und Live-Musik-Clubs aneinander. Es gibt italienische Pizzerien, griechische Tavernen, französische Bäckereien und sogar ein Café Berlin. Ältere Leute beklagen angesichts der Vielfalt, Albanien habe seine Kultur verloren. Die Jungen sehen das anders. Wenn sie als Albaner nicht nach Europa dürfen, dann holen sie Europa eben her.

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