Studium in Chile: Geknutscht wird in der Uni

Von Carola Sonnet

Sicherheitsleute, Campus-Kirche und Alkohol unter Aufsicht: Über das Studentenleben in Santiago de Chile hat sich Juliana Canzler, 24, anfangs sehr gewundert. Inzwischen weiß sie: Viele Kommilitonen wohnen noch bei den Eltern und halten nur in der Uni Händchen.

Ein hoher schwarzer Gitterzaun umgibt die Pontificia Universidad Católica in Santiago de Chile. An jedem der drei Eingänge stehen Sicherheitsleute und überprüfen die Autos. Juliana Canzler aus Karlsruhe muss jeden Tag an den Männern mit den breiten Rücken, Uniformen und Pistolen vorbei. Sie ist eine von 20.000 Studenten an der Católica.

Die 24-Jährige weiß: Das Sicherheitspersonal gehört in der chilenischen Hauptstadt zum Alltag. Auch in der Metro, in den Fußgängerzonen und vor Banken trifft man ständig auf Wachleute. Zwar gilt Santiago als eine der sichersten Hauptstädte auf dem südamerikanischen Kontinent. Doch Handtaschen- und Handydiebstähle sind an der Tagesordnung.

Die tägliche Überwachung findet Juliana Canzler inzwischen normal. Auch an die fremde Sprache hat sie sich gewöhnt. Anfangs hatte sie Probleme - obwohl sie vor ihrer Ankunft in Chile bereits ein Praktikum in Spanien gemacht hat. Doch das chilenische Spanisch sei nicht einfach, die Einheimischen sprächen schnell und mit starkem Akzent, sagt Canzler. Außerdem gebe es viele Wörter, die nur im chilenischen Spanisch vorkommen. "Es hat ein bisschen gedauert, bis ich die Professoren verstehen konnte."

Alkohol gibt’s nur unter Aufsicht

In den VWL-Vorlesungen wird Spanisch gesprochen. Die Lehrbücher sind auf Englisch. Auf Prüfungen bereitet sich Canzler auf Deutsch vor - zusammen mit anderen Austauschstudenten. "Hier geht die Lernerei das ganze Semester über", sagt sie. Alle vier Wochen ist Klausurenphase. Zwischendurch gibt es Tests, bei denen geprüft wird, ob man die Pflichttexte auch wirklich gelesen hat. Und alle Noten fließen in die Abschlussnote.

Das Studentenleben ist völlig anders als in Deutschland. Die meisten Leute wohnen noch bei ihren Eltern. WGs sind die Ausnahme. Parties organisiert die Uni, auch richtig große Konzerte. Immer dabei: die Sicherheitsleute. Sie bewachen die Eingänge, kontrollieren Studentenausweise und Taschen, denn Alkohol gibt’s nur unter Aufsicht.

In Chile leben etwa 16 Millionen Einwohner, fast 5 Millionen davon bevölkern die Hauptstadt. Sie kommen zum Arbeiten. Und zum Studieren - wenn sie es sich leisten können. Die Católica ist eine teure Universität. Mehrere Tausend Euro im Semester müssen für die Studiengebühren auf den Tisch gelegt werden. Das Durchschnittseinkommen der Eltern liegt aber gerade einmal bei umgerechnet etwa 5000 Euro im Jahr (im Vergleich zu rund 36.000 Euro in Deutschland). Daher können sich nur Leute, deren Eltern schon von ihrer Geburt an fleißig für die Ausbildung ihres Nachwuchses gespart haben, ein Studium leisten. Und Kinder aus reichen Familien.

Schon auf dem Uni-Parkplatz kann man sehen, dass an der Católica keine Durchschnittsstudenten studieren: Neben den dicken Autos der Professoren stehen die dicken Autos der Studenten. Damit fahren sie nach der Uni nach Hause - zu ihren Eltern, die häufig weitab vom Lärm und der Aufregung der Hauptstadt leben. Dort wird geschlafen und gelernt.

Kein Zusammenleben vor der Ehe

Nicht nur das Party- sondern auch das Liebesleben spielt sich dagegen meistens komplett in der Uni ab. Der Grund: Die wenigsten dürfen ihren Liebsten mit nach Hause bringen. Paare ziehen erst zusammen, wenn sie heiraten. Bis dahin wird nur heimlich auf den Uni-Wiesen geknutscht und Händchen gehalten, gerne auch versteckt unter den Tischen in der hintersten Ecke eines Imbisses auf dem Campus.

Die chilenische Bevölkerung ist zu 80 Prozent katholisch. In der Kirche auf dem Campus ist jeden Tag Gottesdienst. Für chilenische Studenten ist es Pflicht, mindestens zwei Religions-Scheine zu machen. Nur wenn sie die haben, werden sie zur Abschlussprüfung zugelassen. Ausländische Studenten trifft diese Regelung nicht. Auch sonst wird ihnen selten bewusst, dass sie an einer katholischen Uni studieren. Außer wenn sie von den Mitgliedern der "Jesus"-Gruppe gefragt werden: "Glaubst Du, dass Du es Gott zu verdanken hat, dass Du hier studieren darfst?"

Juliana Canzler fühlt sich in Santiago wohl. Sprachprobleme hat sie inzwischen keine mehr. Und sie friert auch nicht mehr. Bei ihrer Ankunft vor etwas mehr als einem halben Jahr war das anders. Damals war in Deutschland Sommer, in Chile aber gerade Winter. Nur selten war es irgendwo warm - denn in den meisten Wohnungen gibt es keine Heizung. Inzwischen ist in Santiago Sommer.

"Hier kann man an einem Tag Ski und danach an den Strand fahren", sagt Canzler und lacht. Wie das geht? Chile ist ein schmales Land. Von den Anden im Osten bis zum Pazifik im Westen sind es maximal 200 Kilometer. Dafür erstreckt es sich über nahezu 5000 Kilometer an der Seite des Kontinents entlang, vom antarktischen Süden, wo es 360 Tage im Jahr regnet, bis in die trockenste Wüste der Welt im Norden, bei San Pedro de Atacama.

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Forum - Wohnen bei Mama - praktisch oder unselbstständig?
insgesamt 466 Beiträge
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1.
shopgirl1, 18.12.2007
Zitat von sysopEin Viertel der deutschen Studenten wohnen noch bei ihren Eltern. Was denken Sie - sollte man das Elternhaus frühzeitig verlassen, um eigenständig zu werden? Oder den praktischen Nutzen sehen?
Ja, klar. Wenn Geld keine Rolle spielt. Nun, bei vielen ist es wohl eher finanzielle Notwendigkeit. Studiengebuehren, Unterhalt,da kommen schnell ein paar hundert EURo zusammen. Eigenstaendiges Wohnen muss man sich eben auch leisten koennen.
2.
silenced 18.12.2007
man kann sich dem vorredner nur anschliessen wer heutzutage sparen kann, soll die moeglichkeiten nutzen, und warum ausziehen wenn es daheim genug platz gibt und keinerlei eigene kosten wie miete, strom, wasser, evtl. auto uswuswusw. das hat nichts mit unselbststaendigkeit oder mangelnde eigentstaendigkeit zu tun, das einfach nur effektive nutzung der moeglichkeiten die man hat das leben ist teuer genug :)
3.
canUCme, 18.12.2007
Der Generationenkonflikt besteht eben längst nicht mehr in dem Maße wie noch in den 1970er/1980ern. Wir waren damals mehrheitlich froh wenn wir ausziehen und ein freieres Leben führen konnten. Die Lebenseinstellung der heutigen jungen Erwachsenen und ihrer Eltern liegt oft nicht mehr so weit auseinander. Dann funktioniert das Zusammenleben natürlich auch konfliktärmer. Rückblickend betrachtet hätte ich sogar noch früher ausziehen sollen.
4.
DJ Doena 18.12.2007
Kann den Artikel nicht so richtig nachvollziehen, zumindest nicht in Bezug darauf, dass Zuhausewohner scheel angeguckt werden. Ich - Jahrgang 1977 - habe zumindest ein sehr konfliktfreies Verhältnis mit meiner Mutter und auch die meisten meiner Bekannten haben eher wenig Probleme mit ihren Eltern. Bei uns war es im Studium (1998-2002) überhaupt kein Thema wer wo und warum gewohnt hat.
5. HÄ?!
Wolf_68, 18.12.2007
Zitat von sysopEin Viertel der deutschen Studenten wohnen noch bei ihren Eltern. Was denken Sie - sollte man das Elternhaus frühzeitig verlassen, um eigenständig zu werden? Oder den praktischen Nutzen sehen?
Was hat das damit zu tun, ob jemand Student ist oder eine Berufsausbildung hat, bzw schon berufstätig ist?
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