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Studium in Costa Rica: Praxis im Paradies unter Palmen

Von Andreas Ross

Costa Rica mag ein Entwicklungsland sein, doch der biologische Reichtum ist unermesslich. Larissa, Martin und andere deutsche Biostudenten nutzen die Chance, im Regenwald zu forschen. Unter Palmen lernt und lebt es sich bestens - auch wenn im Dschungel manche Überraschung lauert.

Larissa Albrecht, Martin Knopf: Begegnungen mit allerhand Getier
Andreas Ross

Larissa Albrecht, Martin Knopf: Begegnungen mit allerhand Getier

Ohne Bier traut sich Martin Knopf nicht mehr in den Regenwald. Ein Glas Honig und eine Thunfischkonserve gehören ebenfalls zur Standardausrüstung. Damit lockt der 23-jährige Biologiestudent ahnungslose Ameisen in die Falle. Erst zählt er sie, dann fängt er sie. Und dann liegen die Insekten leblos in seinem Saugfläschchen und harren ihrer entomologischen Identifizierung. Auch den Sixpack benötigt der Dschungel-Neuling als Lockmittel - allerdings nicht für Kriechtiere. Mit Cerveza Imperial lässt sich immer ein costa-ricanischer Kommilitone überreden, Martin auf nächtlichen Streifzügen zu begleiten.

Der Schock aus den ersten Expeditionstagen sitzt Martin noch in den Gliedern. Am Anfang seines Praktikums in der Forschungsstation Golfito an Costa Ricas Pazifikküste hatte er spät abends die Thunfisch-Honig-Häufchen aufgesucht. Er wollte herausfinden, ob sich ins Territorium der dominanten Ameisenspezies Azteca chartifex wenigstens nachts auch Vertreter anderer Arten vorwagen können, wo doch tagsüber Tiere fremder Kolonien unbarmherzig vertrieben oder getötet werden. Martin kroch durchs Dickicht, plötzlich stockte ihm der Atem. Ein Tier hatte ihn ganz aus der Nähe laut angefaucht - ein Puma? Ein Jaguar? Oder doch nur ein Wickelbär?

"Gehen Sie doch besser nach London"

Heute lacht Martin darüber. "Keine Ahnung, was es war. Jedenfalls habe ich seitdem ein bisschen Angst nachts im Wald." Der Monat in der Forschungsstation war Teil seines einjährigen Studienaufenthalts an der "Universidad de Costa Rica" (UCR). Nach sechs Semestern an der Uni Bayreuth kam der angehende Diplom-Biologe im vorigen Juli nach San José, die Hauptstadt des kleinen Tropenstaates jenseits der Karibik.

Karte von Costa Rica: Viel Geld in Bildung investiert
DER SPIEGEL

Karte von Costa Rica: Viel Geld in Bildung investiert

Der Monat in Golfito war nicht sein erster Praxisschock. Von Anfang an ging es an Wochenenden mit dem klapprigen Uni-Bus in Trockenwälder, auf Vulkangipfel oder in Tieflandregenwälder. Einmal wateten die Studenten zwei Tage lang durch den Morast, um seltene Vögel zu erspähen. Manchmal ging es auch bequemer zu: Um das Verhalten dreier Regenpfeiferarten bei der Futtersuche zu vergleichen, ließ Martin es sich am Rio Tarcoles auf dem Balkon einer Lodge gut gehen. "Vom Schaukelstuhl aus habe ich mit dem Fernglas immer zehn Minuten lang einen der Vögel am Ufer beobachtet und alles aufgeschrieben, was er tat."

Seine deutschen Professoren hatten Martin vom Abenteuer Costa Rica abgeraten. Auslandserfahrung unbedingt, aber wäre nicht London viel besser geeignet? Die Bayreuther Dozenten bangten um das akademische Fortkommen ihres Schützlings. "Sie hatten das typisch deutsche Vorurteil, dass die Uni in einem Entwicklungsland nichts taugen kann", so Martin.

Unglaubliche biologische Vielfalt

Von wegen. Die UCR genießt einen hervorragenden Ruf in Zentralamerika. Anders als seine kriegs- und katastrophengeplagten Nachbarstaaten schaffte Costa Rica bereits 1949 seine Armee ab und investierte viel Geld ins Bildungswesen. In ihrem Fach sei die UCR sogar viel besser als die meisten deutschen Unis, findet Andrea Bernecker, 41.

Dozentin Bernecker: "Paradies für Biologen"
Andreas Ross

Dozentin Bernecker: "Paradies für Biologen"

Die Biologiedozentin war schon 1987 voller Pioniergeist nach San José gekommen: als erste Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in einem Sonderprogramm der Universität Ulm. Seither ist die Schwäbin von der Bananenrepublik fasziniert: "Ein Paradies für Biologen, die wo noch rauswollen in die Natur."

Schließlich handelt es sich um eines der reichsten Länder der Welt - was die biologische Vielfalt angeht. Costa Rica, kaum größer als Niedersachsen, hat so viele verschiedene Landschaftszonen, dass dort allein 850 Vogelarten in mehr als 2000 Baumarten nisten. Die Förster ganz Europas hegen gerade einmal 200 Baumarten in ihren Wäldern.

Regenwald mitten auf dem Campus

Andrea Bernecker findet die Mischung an der UCR geglückt. Einerseits ist das Uni-System verschult - kleine Lerngruppen, Anwesenheitspflicht, mehrmals im Semester Klausuren in jedem Kurs. Andererseits lernen die Studenten früh das Forschen, und zwar in der Wildnis. Mittlerweile ist Bernecker DAAD-Langzeitdozentin an der mit 45.000 Studenten größten Hochschule und koordiniert den Ulmer Austausch.

Auf dem Campus: Cafeteria unter Palmen
Andreas Ross

Auf dem Campus: Cafeteria unter Palmen

Das Mikroskop und der PC auf den alten Holzmöbeln in ihrem Zimmer sind Spenden aus Ulm, auch das opulente Lehrbuch "Die Flechten Baden-Württembergs" wäre in der örtlichen Bibliothek nicht aufzutreiben. Der wahre Biologe, so Bernecker, schaut aber nicht nur auf Bücher und Technik. Vor allem, wenn er sich "noch für Pflanzen und Tiere und nicht nur für deren DNA begeistern kann".

Sogar auf dem Campus mitten in der geschäftigen Hauptstadt wuchert üppig die vielfältige Flora. Martins Ornithologie-Kurs trifft sich hier jeden Mittwochmorgen um halb sieben zur Vogelbeobachtung. Die Uni beherbergt auf ihrem Gelände auch ein sorgfältig umzäuntes Fleckchen Regenwald. Selbst hier zwischen Seminargebäuden und den idyllischen Cafeterien entdecken die Forscher immer wieder unbekannte Spezies.

Lesen Sie im zweiten Teil:

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