Studium in den USA: Eine Frage des Geldes

Von Kora-Cora Krause

Das Studium in den USA ist teuer. 25.000 Dollar pro Jahr am privaten College sind normal. Was hilft? Ersparnisse oder Kredite. Jordana Carlin, 21, hat Glück: Die Eltern zahlen für die Universität, sie jobbt neben dem Filmstudium. Die meisten Studenten müssen sich verschulden.

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Kora-Cora Krause

Studentin Jordana: Sie studiert Filmwissenschaften und mag Fassbinder

Kunststudenten in lässigen und extravaganten Klamotten drängeln sich rauchend vor der Tür. Ein Zigarettenstummel fällt direkt vor die Füße eines strengen Sicherheitsmannes. Er kontrolliert jeden, der das vornehme Gebäude der Tisch University of Art in Manhattan betritt. Ein zierliches Mädchen mit geknoteten schwarzen Haaren und kleinem braunen Lederrucksack drängt sich unauffällig an ihm vorbei nach draußen. Wie ein Schutzschild drückt sie ein dickes Filmskript an die Brust, auf dem der englische Titel des Fassbinder-Films "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" von 1973 steht.

Jordana Carlin ist 21 Jahre alt. Im dritten Jahr studiert sie Filmwissenschaften an der privaten New York University (NYU) und wird in neun Monaten ihr Studium mit einem Bachelor abschließen. Von ihrem Studium erwartet sie, sich als Mensch weiterzuentwickeln: "Film ist die Ausdrucksform des 20. und 21. Jahrhunderts, und sie regt mich an, über mich und andere kritisch nachzudenken", sagt sie.

Die Tisch University of Art ist Teil der NYU und liegt direkt am Broadway im südlichen Manhattan. Hier besucht Carlin die meisten Seminare. Seit dem frühen Vormittag wechseln sich praktische Gruppenarbeiten und Vorlesungen für sie ab. Jordana Carlin seufzt: "Ich quäle mich mit Mathe."

Es ist ein Pflichtkurs, um den sie sich in den letzten Semestern noch herumgemogelt hat. Hausaufgaben wird sie daheim ebenfalls noch erledigen müssen. Doch jenseits der Pflichtkurse bietet ihr Studium auch Platz für Selbstbestimmung. Für das Herbst-Semester hat sie sich - neben Mathematik - für Amerikanischen Film vor 1960, Filmtheorie und das Kreativfach Skulpturgestaltung entschieden.

"Am Anfang war das Leben an der NYU wie ein Schock"

Allmählich neigt sich der Tag seinem Ende entgegen. Die Abendsonne wirft lange Schatten an den Häuserschluchten entlang. Jordana klemmt sich das Filmskript und einige Seminarhefte unter den Arm, verabschiedet sich von Freunden und hastet an hupenden Taxis und dicht gedrängten Menschenmassen den Broadway entlang. Alle paar Minuten lässt die Metro den Boden beben. "Das Leben in New York ist so intensiv, da rückt die Identifikation mit der Uni in den Hintergrund."

Die Fachbereiche, die sie besucht, sind über halb Manhattan verteilt. Um die rund 40.000 Studierenden zu verwalten, ist eine gewaltige Bürokratie erforderlich. Oft mangele es an Unterstützung und individueller Beratung, klagt sie. 15 Gehminuten später erreicht sie einen riesigen Gebäudekomplex mit vielen kleinen Fenstern. Seit kurzem teilt sie sich mit einer Freundin eine Einzimmerwohnung im zwölften Stock. "Das ist immer noch eng, aber nicht zu vergleichen mit vorher." Vor ihrem Umzug hat sie in einem riesigen, chaotischen Studentenwohnheim gelebt.

Sie sagt: "Am Anfang war das Leben an der NYU wie ein Schock." Kurz nach ihrem 18. Geburtstag ist sie von der elterlichen Wohnung im gutbürgerlichen Long Island, östlich von New York, in das Studentenwohnheim in Manhattan gezogen. Ihr habe sich damals eine völlig neue Welt eröffnet: In drei Wohnkomplexen, nahe Union Square, lebten mehr als tausend Studenten eng beisammen. Eine Wohneinheit, bestehend aus zwei Zimmern, teilten sich drei Studenten.

Das ist vorbei, ganz ohne Improvisation geht es aber auch in ihrer neuen Wohnung nicht: Mit Trennwänden aus Pappmaschee haben die Mädchen das Apartment in zwei gemütliche Wohnbereiche aufgeteilt. So haben beide etwas mehr Privatleben und Jordana Carlin Platz für ihre unzähligen Bücher.

Seit der Geburt der Kinder für die Ausbildung gespart

Die hohen Mietkosten sind das größte Problem in New York. Für die neue, etwa 35 Quadratmeter große Einzimmerwohnung zahlen Jordana und ihre Mitbewohnerin jeweils etwa 1600 Dollar. Das ist nicht viel mehr als im Wohnheim. Vor allem Manhattan ist ein teures Pflaster. Viele Eltern können wegen der hohen Studiengebühren nur ein Mini-Taschengeld zahlen. Carlin jobbt, wie die meisten ihrer Kommilitonen. Zweimal pro Woche nimmt sie die Metro zur Upper Eastside und kümmert sich um die Buchführung der gemeinnützigen Organisation Elem. Diese sammelt Gelder für Straßenkinder in Israel und den Nachbarstaaten des Nahen Ostens. Es sei toll, das Taschengeld etwas aufzubessern und sich gleichzeitig für eine gemeinnützige Idee einzusetzen, sagt sie.

Jordana Carlin hat Glück: Ihre Eltern finanzieren ihr die Universität. Jordana ist sich bewusst, dass ein Studium an der NYU ein Privileg ist. "Für jedes Studienjahr bezahlen meine Eltern rund 45.000 Dollar." Nutzen Studenten Unterkunft und Verpflegung, die die Uni anbietet, dann erhöhen sich die Kosten um weitere 13.000 Dollar pro Jahr. Besonders an den privaten Universitäten in den USA ist das Studieren kostspielig. Im Durchschnitt belaufen sich die Studiengebühren an den privaten Colleges auf 25.000 Dollar im Studienjahr. Das ist gut viermal mehr als das, was die staatlichen Lehreinrichtungen verlangen. Dort zahlen College-Studenten Gebühren von durchschnittlich 6000 Dollar jährlich.

Zwei Drittel aller Bachelor-Studenten müssen in den USA Kredite aufnehmen, um die hohen Kosten zu bewältigen. Rechnet man die durchschnittliche Verschuldung auf alle US-amerikanischen Studenten hoch, liegt diese bei 12.400 Dollar pro Kopf. Jeder dritte Student jedoch kann sich bei seinen Eltern für ein gut gefülltes Sparkonto bedanken.

Jordana Carlin und ihr Bruder gehören dazu. Seit der Geburt der beiden Kinder haben ihre Eltern für deren Ausbildung gespart. Der jüngere Bruder bestreitet gerade sein erstes Jahr am College. Carlin weiß um den finanziellen Druck, unter dem viele ihrer Kommilitonen stehen. Sie können nicht vom Geld der Eltern profitieren. Studienzuschüsse für die private NYU zu bekommen, sagt die 21-Jährige, sei sehr schwierig. Und für nahezu unmöglich hält sie es, das gesamte Studium mittels Stipendien zu finanzieren. Sie selbst muss zwar keinen Kredit zurückzahlen. Wieviel sie später einmal verdient, spielt daher für sie keine so große Rolle. Doch nach dem Studium werden ihre Eltern sie finanziell nicht mehr unterstützen.

"In der Welt der Kunst war es nie leicht, an gut bezahlte Jobs zu kommen"

Trotzdem wünscht sie sich ein Arbeitsumfeld, in dem sich Kunst und Kommerz treffen. Sie wirft einen Blick aus dem Fenster ihres Zimmers auf das hektische Treiben der Menschen auf der 14. Straße. "Mein künftiger Job muss zumindest so viel einbringen, dass ich die anstehenden Rechnungen zahlen kann." Sie überlegt daher, in den günstigeren Stadtteil Brooklyn zu ziehen. Dort wohnt auch ihr Freund Matt. Beide haben sich an der Uni kennengelernt. Er ist derzeit als Künstler tätig. Aber sich gegenwärtig mit Kunst allein über Wasser zu halten, sei hart. Sie schaut kurz auf die gegenüberliegende Wand, die von zwei seiner riesigen Gemälde ausgefüllt ist: abstrakte Strukturen auf weißem Untergrund, die eine angenehme Wirkung auf den Betrachter haben.

"Meine Kommilitonen und ich beenden das Studium in wirtschaftlich beängstigenden Zeiten", sagt sie ernst. Diese Ängste seien nirgendwo so präsent wie in New York City. "Meine größte Sorge ist, dass ich im kommenden Jahr keinen Job finde. Das ist gerade in der Welt der Kunst schwierig, in der es noch nie leicht war, an gut bezahlte Jobs zu kommen."

Am liebsten möchte sie nach etwas Berufserfahrung wieder an die Uni zurück: Welches vertiefende Studium sie dann wählen wird, weiß sie aber noch nicht. Könnte sie heute ganz frei entscheiden, würde sie Illustration belegen.

Für dieses Semester hat sie sich erst mal einen Praktikumsplatz beim Verlag Regency Press organisiert, der sich auf die Werke noch unbekannter Künstler spezialisiert hat. Da sie gerne schreibt, interessiert sie sich für Journalismus und Publizistik im Kunst- und Kulturbereich. "Das Studium der Filmwissenschaften hat mich auf eine ganz individuelle Weise weitergebracht", sagt sie. "Mir geht es um die Inhalte und Aussagen."

Dazu gehört die Auseinandersetzung mit den Skripten und der Sekundärliteratur. Sie bevorzugt Filme von Woody Allen und Rainer Werner Fassbinder, die sie ausführlich interpretieren kann. Letzterer ist ihr schon in einigen Seminaren begegnet. "Ich mag seinen cineastischen Ausdruck: bunt und skurril."

Von Kora-Cora Krause, "Junge Karriere"

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