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Studium in Kasachstan: Per Anhalter zur Uni

Von Dorte Huneke

An der Uni wird er oft per Handschlag begrüßt. Die anderen Studenten wundern sich, warum ein Deutscher freiwillig nach Zentralasien kommt. Aber Philipp Jäger, 26, studiert gern in Almaty. Die kasachische Metropole widerlegt die Landei-Klischees aus dem Borat-Film.

"Ich gehe den extremen Weg", sagt Philipp Jäger, 26. Seit dem letzten September studiert er an der staatlichen Al-Farabi-Nationaluniversität in Almaty. "Ich vermeide es, allzu viel Kontakt zu anderen Westlern zu haben." Ihm ist es wichtig, die Zeit zu nutzen, "um tief in die kasachische Gesellschaft einzudringen".

Der Student aus Berlin wohnt in einem Vorort, bei einer kasachischen Familie. Wenn er zur Uni im Süden Almatys fahren will, stellt er sich an den Straßenrand und streckt die Hand raus. "Irgendwer hält früher oder später an", sagt er, genau wie beim Trampen. Mit dem Unterschied, dass man den Fahrer bezahlt, als sei er ein Taxifahrer. Der Fahrpreis wird individuell ausgehandelt – und man muss Glück haben, dass jemand in die gewünschte Richtung fährt.

Lange warten, bis er eine Mitfahrgelegenheit findet, muss Jäger trotzdem nie und hat auch keine Angst. "Ich habe noch nie von negativen Vorfällen gehört", sagt er. "Alle machen das so, es ist völlig normal."

"Frauen gibt man nicht die Hand"

Reguläre Taxis gibt es kaum, die Menschen regeln das Fortkommen lieber untereinander. So wie sie eigentlich alles untereinander klären. "Es gibt eindeutig einen stärker ausgeprägten Gemeinschaftssinn als bei uns", sagt Jäger. In seinen Seminaren werden Entscheidungen in der Regel in der Gruppe getroffen. "Wir Deutschen können davon noch eine Menge lernen."

Nur in der Uni vermisst Jäger die Eigeninitiative und beschreibt den Lern-Alltag so: "Den Studenten wird von den Dozenten etwas vorgesetzt – Stundenpläne, Aufgaben, Themen. Es ist alles ziemlich verschult. Es gibt auch keine Fachschaften. Wenn Veranstaltungen organisiert werden, dann geht das meist von oben aus, von offizieller Seite. Vielleicht ist das noch der sowjetische Einfluss."

Das Leben in Almaty, einer 1,5-Millionen-Metropole im Süden Kasachstans, ist von unterschiedlichen Einflüssen geprägt. "Frauen gibt man nicht die Hand", sagt Jäger. Das sei eine islamische Tradition. Am Kleidungsstil der meisten Frauen auf der Straße sind die islamischen Traditionen aber nicht zu erkennen. Hier spiegeln sich eher Einflüsse von MTV und Marktwirtschaft: kurze Röcke, hohe Absätze, weite Ausschnitte.

Was aus dem Westen kommt, ist schick. Und cool. "Alle wollen Englisch mit mir sprechen, aber ich bin hier, um Kasachisch zu lernen", so Jäger. Russisch kann er schon. Zwar kommt man in Kasachstan mit beiden Sprachen durch. Aber Kasachisch wird immer wichtiger. Auf alten Straßenschildern sind noch russische und kasachische Wörter zu lesen. Die neueren Schilder haben nur kasachische Inschriften, die ganz neuen sind auf Kasachisch und Englisch verfasst. Das führt dazu, dass auch Einheimische manchmal nichts verstehen.

Tokoio-Hotel-Fanclub in Almaty

Deutsche Musik ist in: Anfang November gab die frühere Modern-Talking-Heulboje Thomas Anders ein Konzert im Palast der Republik, der größten Halle der Stadt. Seit dem letzten Frühjahr gibt es auch einen offiziellen Tokio-Hotel-Fanclub in Almaty, mit immerhin 30 Mitgliedern. Das Goethe-Institut meldet, einige hartgesottene Fans hätten sich bereits für Deutschkurse angemeldet. Aber manche Informationen versacken auf den 5000 Kilometern zwischen Deutschland und Kasachstan: Deutsche Gäste werden oft mit der nervösen Frage konfrontiert, ob Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz denn nun ein Mädchen oder ein Junge sei.

An seiner Uni ist Jäger ein Senior, seine Kommilitonen sind im Schnitt fünf Jahre jünger als er. "In Berlin bin ich mitten im Studium, hier werde ich wie ein Doktorand behandelt." Das hat seine Vorteile: Alle kümmern sich um ihn. "Ich wurde schon zu diversen Veranstaltungen an verschiedenen Hochschulen des Landes eingeladen, dort trifft man schnell wieder auf die gleichen Gesichter."

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So lassen sich leicht Kontakte knüpfen. "Darauf ist man hier absolut angewiesen", sagt Jäger. Vor allem mit der kasachischen Verwaltung hat er negative Erfahrungen gemacht. "Für alles braucht man 1000 Unterschriften." Ein Einheimischer, der sich für einen stark mache, sei sehr hilfreich. "Wenn man den normalen Weg geht, klappt nichts."

Was einen Deutschen nach Zentralasien verschlägt, können viele Einheimische nicht begreifen. Die ehemalige Sowjet-Republik zählt zu den größten Ländern der Erde und erstreckt sich auf 2,7 Millionen Quadratkilometern - Deutschland passt also siebeneinhalb Mal hinein. Sie beheimatet aber nur knapp 15 Millionen Menschen. Weite Teile des Landes bestehen aus Steppe und Wüste.

"Die meisten verstehen nicht, wieso ich freiwillig hier bin", sagt Jäger. Sie glauben, er sei ein Geschäftsmann, der reist, um das große Geld zu machen. "Dass mich die Kultur und das Land interessieren, begreift keiner."

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