Moment mal, ist New York nicht die Hauptstadt des Glamour und Sex? Studentin Wlada Kolosowa, 25, gammelt stattdessen in ihrer WG über Lehrbüchern und verbringt ihre Tage im Pyjama. Doch dann wird sie zu ihrem ersten Date eingeladen - von einem Paläontologen, der Angst vor Füßen hat.
"Oh, eine Kolumnistin in New York!", das höre ich oft. "So jemand wie Carrie Bradshaw, eh?" Nicht ganz. Eher Hannah Horvath aus "Girls". Statt Cosmopolitan-Cocktails gibt es Lager-Bier, statt handgerupftem Baby-Rucola gibt es Ein-Dollar-Pizza. Statt Designerklamotten trage ich Pyjamahosen mit Ketchupfleck-Applikation.
Wenn meine Mitbewohner morgens ihre Krawatten binden und die Fahrräder satteln, ziehe ich einen Pullover über den Schlafanzug, suche einen möglichst würdigen Partner für die alleinstehende Socke neben meinem Bett und lege mich mit "Mrs Dalloway" von Virginia Woolf auf das Wohnzimmersofa.
"Viel Spaß auf der Arbeit!", rufe ich den Mitbewohnern hinterher.
"Viel Spaß in deinem Kopf", rufen sie aus dem Treppenhaus.
Es ist drei Tage her, dass ich mich das letzte Mal gekämmt habe. Eigentlich müsste ich mein Kopf-Büro besser in Ordnung halten. Dort verbringe ich den Großteil meines Tages. Ich muss für mein Studium so viel schreiben und lesen, dass für anderes keine Zeit bleibt. Die Stadt gehört dir? Mir gehören noch nicht einmal richtige Möbel! Ich habe sogar schon gegoogelt, ob ich Stuhl und Schreibtisch aus meinen Lehrbüchern bauen kann. So viel zur City. Und was den Sex angeht...
Interpunktionsromantikomantik statt Knutschen
Mein Freund ist in Berlin geblieben. Spielt schief Gitarre in einer kahlen Wohnung, wacht ohne mich auf, schläft ohne mich ein und tut vor allem eines: Er fehlt. Vor wenigen Monaten trennten uns drei Straßenbahnhaltestellen. Jetzt sind es 6000 Kilometer und 6 Stunden Zeitunterschied. Früher war das Schlüsselumdrehen im Schloss unser Wiedersehensgeräusch, jetzt ist es das Tüdeldü von Skype. "Kannst du deine Kopfhörer einstecken", sagt er. "Damit ich dir zärtlich ins Ohr flüstern kann?"
Wir sind nicht die Ersten, wir sind nicht die Letzten, die eine Fernbeziehung führen. Und außerdem kann man auch aufeinander sitzen und sich fremd sein, oder auf unterschiedlichen Kontinenten sehr nah.
Wenn ich morgens meinen Handy-Wecker ausmache, ist auf dem Display sein zerknittertes Morgengesicht. Das schickt er mir, damit man ein bisschen zusammen aufwacht. Wir schreiben uns E-Mails in der Länge von "Krieg und Frieden", streicheln uns mit Worten, zwinkern uns mit Semikolons zu und lächeln einander mit Klammern an. Und trotzdem: An Katersonntagen auf der Matratze in meinem leeren Zimmer, sehe ich in jedem Gänsefüßchen zwei Apostrophe, die sich aneinander schmiegen. Und werde ein bisschen traurig.
Möglichkeiten statt nackte Tatsachen
"In New York muss niemand allein sein", sagt Melissa. "Zumindest in der Theorie!" Das Magazin "Forbes" sieht es ähnlich: 2009 kürte es New York zur besten amerikanischen Stadt für Singles.
Fast ein Drittel der erwachsenen New Yorker sind unverheiratet, die meisten verdienen gut, acht Prozent sind bei Singlebörsen angemeldet wie Melissa. Sie ist 28, sieht ein bisschen aus wie Kirsten Dunst und arbeitet bei einem Kunstbuchverlag. Seit drei Jahren versucht sie, einen Märchenprinz aus einem Meer von Happy Hour Drinks zu fischen. In den vergangenen drei Jahren fing sie einen Konzernchef, der ihr mit Kreide Liebeserklärungen auf den Asphalt malte, einen Berufsclown und einen Kerl, der ihr ein Huhn aus dem Streichelzoo stahl. Allerdings klaute ihr einer auch die Handtasche. Und sie geriet an den obligatorischen Fußfetischisten, über den wohl jede New Yorkerin eine Horror-Geschichte zu erzählen weiß.
"Die Freundinnen aus meiner Heimatstadt haben Ehemänner, Hunde und schöne Weingläser", sagt Melissa. "Alles, was ich habe, sind Möglichkeiten." Für sie ist die Dating-Szene in New York ein nie endender Brunch: ein bisschen davon, ein bisschen hiervon, bis man pappsatt ist, ohne dass man etwas Richtiges gegessen hat.
Ein Date kann ein bisschen reglementierter sein als in Deutschland. Es ist eine Art Vorstellungsgespräch, um rauszufinden, ob man für eine romantische Beziehung qualifiziert ist. Das klassische Date ging früher so: Junge fragt Mädchen, ob sie mit ihm ausgehen will, bezahlt für die Unterhaltung und das Essen und fährt sie vor die Haustür, wo sie ein bisschen rumknutschen. Inzwischen ist alles lockerer. Mädchen können Jungs einladen oder Jungs Jungs und Mädchen Mädchen. Bezahlen können beide. Und statt Auto fährt man in New York eher U-Bahn. Trotzdem: Ich finde die Vorstellung romantischer Kreuzverhöre nicht besonders verlockend.
Hotdogs mit fußängstlichen Paläontologen
Vor kurzem habe ich mir eine Videoinstallation angesehen. Die war so aufgebaut: Zuschauer legten sich auf eine Liegewiese und guckten ein auf die Decke projiziertes Riesengesicht an. Ab und zu hielt der Mann mit dem Riesengesicht seine Füße in die Kamera.
Neben mir lag ein Kerl Mitte zwanzig. Er hatte meist die Augen geschlossen, aber nicht genießerisch oder müde, eher so, als würde man mich überreden, "Texas Chainsaw Massacre" anzuschauen: eine Sekunde lang gucken, zwei Sekunden lang die Augen so zusammenpressen, dass alle Gesichtsteile in die Mitte rutschen - wie bei einem Mops. Ich habe sogar meinen Kopf zur Seite geneigt, um ihn genauer anzuschauen. Da drehte er seinen Kopf und macht plötzlich die Augen auf.
"Hallo", sagte ich vor lauter Verlegenheit.
"Hallo", sagte er. "Ich habe Angst vor Füßen."
"Was ist das, Pedes-phobie?", sage ich, froh, endlich mein kleines Latinum zu benutzen.
"Podophobie. Seit ich Kind bin."
"Das macht nichts", sage ich. "Ich habe Angst vor Weißwürsten. Die erinnern mich an übergroße Maden."
"Gilt das auch für amerikanische Hotdogs?"
"Eher nicht. Wobei ich noch nicht dazu gekommen bin, in den USA einen zu essen."
"Ich würde gern dabei sein, wenn du deinen ersten Hotdog probierst. Wenn Du versprichst, nicht barfuß zu kommen", sagt er. Ich gebe ihm meine E-Mail-Adresse. Er hat eine ansteckende, grunzende Lache und ist Paläontologe von Beruf.
"Du hast ein Date!", sagt Melissa einen Tag später.
"Quatsch! Ein Hotdog mit einem Podophoben?"
"Na, zumindest ist er kein Fußfetischist", sagt sie. "Pass bloß auf deine Handtasche auf."
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