Studium in Südafrika: 23 und noch Jungfrau? Aber sicher!
Seine Freunde machten sich Sorgen, als Nico Pointner nach Südafrika ging - wegen der Kriminalität und der Aids-Gefahr. Beim Studienjahr in Stellenbosch erlebte der Hamburger Politikstudent harte Kontraste zwischen seinem Luxuscampus und dem Armenghetto nebenan.
Am Kap der guten Hoffnung macht nicht nur die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 Schlagzeilen. HIV ist hier eine Volkskrankheit, jeder Fünfte trägt das Virus in sich. Die Kriminalitätsstatistik weist Rekordwerte aus. Erst vor wenigen Monaten wurden Ausländer durch die Straßen der Townships gejagt und bei lebendigem Leibe verbrannt.
Mit diesen Gedanken und Ratschlägen besorgter Freunde ("Benutz Kondome und lass dich nicht erschießen") besteige ich den Flieger nach Kapstadt. Zwei Semester Südafrika also.
Umso mehr überrascht mich Stellenbosch nach der Landung. Die Stadt ist umgeben von majestätischen Weinbergen und liegt nur 50 Kilometer östlich von Kapstadt. Grell strahlen die weißen Bauten der holländischen Siedler in der Sonne.
Die historische Altstadt ist jung und lebendig: Rund 20.000 Südafrikaner studieren hier an einer der besten Hochschulen des Landes. Im "Oxford der Buren" wurde das rassistische System der Apartheid konstruiert - und später die Demokratie vorausgedacht. Heute erforschen hier Studenten aus aller Welt die Rassentrennung, um am Abend darüber mit Einheimischen bei einem Glas Wein zu philosophieren.
Nach der Weinprobe? Mal eben mit dem Weißen Hai tauchen
Die Kurse an der Uni sind weniger anspruchsvoll als in Deutschland. So bleibt mehr Zeit für exotische Hobbys. Hochschulclubs gibt es für nahezu alles, von der Weinprobe bis zum Improvisationstheater. Auch sonst wird Südafrika nicht langweilig. Schon mal mit Delfinen gesurft oder einen Strauß geritten? Wer noch mehr Kicks braucht, taucht mit Weißen Haien oder stürzt sich von der höchsten Bungee-Brücke der Welt.
Doch es ist nicht alles sonnig und prima in Stellenbosch. Wer nur fünf Minuten an den Stadtrand geht, fühlt sich plötzlich wie in einem Werbespot für "Brot für die Welt": Im Township Kayamandi spielen halbnackte Kinder im Dreck, während eine alte Frau einem Huhn den Kopf abschlägt. Die Menschen hier träumen auch 14 Jahre nach dem Ende der Apartheid von Warmwasser in ihren Wellblechhütten. Zehn Familien teilen sich 50 Quadratmeter. Wenige haben Arbeit, die meisten haben HIV. Jeder ist schwarz.
Mittwochs helfe ich hier ehrenamtlich an der örtlichen Schule mit. Fast ausschließlich internationale Studenten entdecken hier die unschönen Seiten des Landes, kaum ein weißer Südafrikaner macht sich im Township die Hände schmutzig.
Schwarz-weißes Schachbrett der Ungerechtigkeit
Die Lehrqualität an der Schule, an der ich als Hilfslehrer unterrichte, ist miserabel. Die Schüler tun sich sogar mit Englisch schwer, der wichtigsten der elf offiziellen Landessprachen. Die wenigsten schaffen es später zwei Kilometer weiter an eine der besten Unis des Landes. Auf der anderen Seite ist der Wohlstand der Weißen in Stellenbosch deutlich größer als in der deutschen Oberschicht.
Aus diesen sozialen Gegensätzen geht eine Gesellschaft hervor, in der Schwarz und Weiß nicht nur an der Hautfarbe deutlich zu unterscheiden sind. Weiße legen Markenprodukte aufs Laufband, Schwarze packen sie ihnen in die Tüte. Weiße fahren riesige Geländejeeps, Schwarze drängen sich in Minibus-Taxis. Weiße schmeißen ihre Kippen an den Straßenrand, Schwarze rauchen die Filterstummel.
Südafrika ist noch lange nicht die von seinem Ex-Präsidenten Nelson Mandela angepriesene Regenbogennation - das Land ist noch immer ein schwarz-weißes Schachbrett der Ungerechtigkeit.
"Wenn du da rein gehst, stechen sie dich ab"
Die Apartheid wurde nur auf dem Papier abgeschafft. Nach wie vor gibt es "schwarze" und "weiße" Bars und Clubs. Traurig ist vor allem, dass die weiße Oberschicht den Problemen im Land relativ gleichgültig gegenübersteht. Wer die politische Diskussion wagt, wird häufig mit Vorurteilen bombardiert: Schwarze sind kriminell, faul und liegen dem Staat auf der Tasche. "Die sind doch an der ganzen Apartheid selbst schuld", meint der weiße Student neben mir am Tresen.
Das krasse Nebeneinander von bettelarm und steinreich fordert Blutzoll. Südafrika ist eines der kriminellsten Länder der Welt. Alle paar Sekunden ein Diebstahl, alle 30 Minuten ein Mord. "Wenn du da rein gehst, stechen sie dich ab", warnt mich ein Weißer und zeigt auf den Eingang einer "schwarzen" Discothek.
Verbrechen sind das Gesprächsthema Nummer eins auf den Straßen. Kaum ein Südafrikaner, der noch nicht überfallen wurde oder in den Lauf einer Pistole schauen musste. Vor meinen Augen versucht ein Dieb, in ein Auto einzubrechen. Ich schreie ihn so lange an, bis er die Flucht ergreift.
Das Studentenwohnheim gleicht einem Gefängnis
Geldbeträge werden immer an diversen Plätzen am Körper versteckt. In Johannesburg lief ich buchstäblich auf meiner Kreditkarte herum. Südafrikaner sind Gefangene im Paradies. Sie kaufen Stacheldraht, ziehen Mauern hoch, heuern Sicherheitspersonal an. Sie gehen vor Sonnenuntergang nach Hause. Unser Studentenwohnheim wird wie ein Gefängnis bewacht. Die Südafrikaner wollen im nächsten Jahr Gastgeber der Welt sein, trauen sich aber nicht einmal auf die eigenen Straßen.
Dennoch hat das Land in der vergangenen Jahren einen großen Sprung nach vorn gemacht. Die Wirtschaft boomt, die Demokratie gilt als stabil. Auch wenn viele Einheimische skeptisch in die Zukunft blicken, genießt Südafrika immer noch einen guten Ruf unter den gebeutelten Staaten Afrikas. Und vielleicht rücken die Südafrikaner für die WM 2010 sogar ein wenig enger zusammen und bringen ein bisschen Farbe in ihr schwarz-weißes Raster.
- 1. Teil: 23 und noch Jungfrau? Aber sicher!
- 2. Teil: Kleiner Sprachführer: So geht Afrikaans!
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