Studium in Südkorea: Nagelfolter gegen schwere Lider

Drei-Stunden-Vorlesungen sind an der National-Universität in Seoul normal. Dort sitzt Gitte Zschoch im Masterstudium oft zwischen chronisch übermüdeten Studenten. Nur ein Viertelstündchen... Kurz bevor sie selbst wegnickte, lernte sie den schmerzhaften Hallo-wach-Kniff.

Es ist Montagmorgen, ich sitze im Hauptseminar und lausche den Ausführungen des Professors über koreanische Nachkriegslyrik. Ich lasse meinen Blick durch den Seminarraum der Seoul National University schweifen. Eine absurde Szene: Die Hälfte meiner Kommilitonen tippt wie wild Nachrichten ins Handy oder bereitet sich für anderer Seminare vor. Die andere Hälfte schläft.

Gitte Zschoch: Eingelegte Wurzeln, Fischeier, Eichelpudding - Mahlzeit!
Gitte Zschoch

Gitte Zschoch: Eingelegte Wurzeln, Fischeier, Eichelpudding - Mahlzeit!

Dass Studenten mal eben einnicken, ist in meinen Seminaren nicht selten. Es gibt dabei mehrere Techniken: Manche Studenten täuschen geschickt vor, angestrengt dem Vortrag des Professors zu lauschen. Sie beugen sich über ihre Notizen und umklammern fest den Stift, obwohl sie längst in anderen Welten weilen. Auffällig wird ihre geistige Abwesenheit höchstens, wenn ihr Zustand vom Dösen ins Schlafen übergeht und der Kopf plötzlich nach vorn kippt. Die ruckartige Bewegung macht wach, das Dösen beginnt erneut, bis der Schlaf wieder stärker wird.

Mädchen dämmern am liebsten hinter dem Haarvorhang

Vor allem die Mädchen nutzen ihr langes Haar, um es an der dem Professor zugewandten Seite tief ins Gesicht hängen zu lassen. So sind ihre geschlossenen Augen und der offen stehende Mund verdeckt, der Schlummer ist getarnt.

Andere Studenten versuchen gar nicht erst, ihre geistige Abwesenheit zu kaschieren - sie legen den Kopf gleich provokant auf dem Tisch ab. Manche Kommilitonen, darunter auffällig viele Doktoranden, können sich auch ein sanftes Schnarchen nicht verkneifen. Erst wenn bei einem solchen offensichtlichen Rückzug aus dem Seminargeschehen raunen die übrigen Teilnehmer und lachen auch mal verhalten.

Der Professor, der ab und zu seine Ausführungen unterbricht, um ein besonders kompliziertes chinesisches Schriftzeichen an die Tafel zu zeichnen, ignoriert das natürlich komplett. Es wäre unter seiner Würde, den Unterricht wegen so einer Lappalie zu unterbrechen.

Viele Koreaner sind chronisch müde Pendler

Ob im Bus, im Park, Café oder Wartezimmer, in der Schule und im Uni-Seminar - Koreaner legen gern ein Nickerchen ein. Das hektische Leben in der Megametropole Seoul mit ihren über zehn Millionen Einwohnern hinterlässt eben Spuren. Ein Grund für die kollektive Müdigkeit auf dem Campus: Viele Professoren und Studenten pendeln täglich mehrere Stunden aus den zahlreichen weiteren Millionenstädten um Seoul herum in die Hauptstadt.

Ich war leicht geschockt, als ich zum ersten Mal in einem Seminar mit knapp 15 Teilnehmern einen Kommilitonen einschlafen sah. Als ich danach höflich fragte, ob das denn in Ordnung sei, bot man mir verlegen mehrere Erklärungen an: Schuld sei das anstrengende Leben voller Verpflichtungen, nicht mal mehr zu Hause könne man ordentlich und lang genug schlafen. Oder man habe die Nacht vorher komplett durchgemacht, um ein Referat vorzubereiten. Oder war vielleicht einfach zu lange Karaoke singen?

Besonders bei betagteren Professoren, die oft mit drögem Frontalunterricht langweilen, fiel es auch mir schwer, eine dreistündige Vorlesung ohne Pause durchzuhalten. Hinzu kommt, dass ich in meinem ersten Semester an einer koreanischen Uni am Anfang fast kein Wort des lehrreichen Vortrags verstanden habe.

Trick mit Autsch

So bin ich der Macht des Schlafes auch in diesem berüchtigten Montagsseminar fast hoffnungslos ausgeliefert. Als sich mein Blick wieder auf den leeren Notizzettel vor mir heftet, reiße ich verschreckt die Augen auf, um wach zu bleiben.

Es kann doch nicht sein, dass ich mich dem ehrenwerten Professor gegenüber so respektlos verhalte. Schließlich hatte er in der letzten Sitzung einige seiner Bücher mitgebracht, sie signiert und mir geschenkt. Außerdem fühle ich ein vages Verantwortungsbewusstsein - als einzige Ausländerin im Raum stehe ich unter besonderer Beobachtung.

Erschrocken drehe ich mich zu meiner Kommilitonin, die schon länger Kaffee schlürft und unter der Tischplatte auf ihrem Handy emsig Nachrichten tippt. Sie schnappt sich meine Hand und zeigt mir einen Trick: Sie presst den spitzen Daumenfingernagel auf die Haut knapp oberhalb des Nagelhäutchens an meinem kleinen Finger. Autsch, das tut richtig weh! Für zwei Minuten bin ich wieder wach.

Korea, ein geteiltes Land
DER SPIEGEL

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Von nun an zerstöre ich mir in kurzen Abständen einen Finger nach dem anderen. Tapfer halte ich bis zum Ende der Sitzung durch. Geschafft, meine Ehre als ausländische Studentin ist gerettet, mein Gesicht bleibt gewahrt. Die Kommilitonen springen auf, bedanken sich beim Professor, verabschieden ihn mit einer Verbeugung.

Nachdem er das Zimmer verlassen hat, kommt Leben in die müden Gesichter. Los geht es in die Mensa. Ein scharfer Eintopf zum zweiten Frühstück wird sicher den letzten Rest des Schlafs vertreiben.

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