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Studenten mit Legasthenie: Vom Fehlerteufel besessen

Von Nadine Klees

Studieren mit Legasthenie: Die Falschschreiber Fotos
Nadine Klees

Er ist schlau, er studiert, er kann nicht richtig schreiben: Philipp, 25, Legastheniker, hat wie Tausende Studenten in Deutschland eine Lese-Rechtschreib-Störung. Die meisten leiden still, dabei haben sie ein Recht auf Hilfe - auch von den Unis.

Philipp Wettmann, 25, kann sich das Ergebnis seiner Prüfung nicht erklären: durchgefallen. Obwohl er gut vorbereitet war. Er bittet seinen Dozenten um ein Gespräch. Als sie die Klausur gemeinsam besprechen, macht ihn der Dozent auf die unzähligen Rechtschreibfehler aufmerksam. Wettmanns Erklärung ist nur ein Wort lang: "Legastheniker".

Der Computerlinguistik-Student aus Saarbrücken hat eine Lese-Rechtschreib-Störung. Das weiß er seit der Grundschule. Wettmann macht in Texten ständig Fehler, manchmal schreibt er Wörter in demselben Text auf unterschiedliche Art falsch. Oder er vergisst einzelne Buchstaben - ohne, dass es ihm auffällt. "In der dritten Klasse ließ mich meine Mutter dieselben Texte immer und immer wieder schreiben. Und jedes Mal habe ich wieder andere Fehler gemacht."

Typisch sind laut dem Bundesverband für Legasthenie auch auffallend viele Grammatik- und Interpunktionsfehler. Die Ausprägungen sind jedoch unterschiedlich, so können Lese- und Rechtschreib-Störungen auch einzeln auftreten. Mit mangelnder Intelligenz hat die Schwäche nichts zu tun, auch wenn viele Rechtschreiber sich das kaum vorstellen können.

Legasthenie ist eine Behinderung

Wettmanns Dozent ahnte von alldem nichts. Auf die Erklärung von seinem Studenten reagierte er verständnisvoll, fragte, warum Wettmann ihn nicht schon vorher informiert habe. "Ich hätte nicht gedacht, dass es etwas ändern würde", sagt Wettmann im Rückblick. Mehr als 8000 Studenten leiden an einer Lese-Rechtschreib-Störung oder der Rechenschwäche Dyskalkulie, schätzt das Deutsche Studentenwerk. Häufig wissen weder die Professoren noch die Kommilitonen davon. "Viele Studenten mit Legasthenie verheimlichen ihre Schwäche jedoch nicht absichtlich. Sie wissen einfach nicht, welche Hilfsangebote es an den Unis gibt", sagt Annette Höinghaus vom Bundesverband für Legasthenie.

Im Hochschulrahmengesetz gilt Legasthenie als Behinderung, Betroffene haben wie Blinde, Gehörlose oder psychisch Kranke ein Recht auf Nachteilsausgleich. Voraussetzung ist lediglich ein psychologisches Gutachten, das die Teilleistungsstörung des Studenten bestätigt. Weil Menschen mit Legasthenie beim Lesen länger brauchen, können sie zum Beispiel mehr Zeit für Prüfungen beantragen. Viele Hochschulen bieten auch die Möglichkeit, schriftliche in mündliche Prüfungen zu ändern oder bei Klausuren einen Computer mit Rechtschreibprogramm nutzen zu dürfen. Welchen Nachteilsausgleich man erhält, wird allerdings von Fall zu Fall entschieden. Und: Die Betroffenen müssen sich selbst darum kümmern - das Gespräch mit den Dozenten suchen und die Vereinbarungen für jede Prüfung immer wieder neu treffen.

Wettmann durfte zum Beispiel eine Seminararbeit mehrere Male abgeben und die Rechtschreibfehler verbessern, bevor die Arbeit schließlich benotet wurde. Doch auch wenn er offen mit seiner Schwäche umgeht, fällt es ihm immer wieder schwer, um eine Sonderbehandlung zu bitten. "Es fühlt sich einfach ziemlich schlecht an", sagt er. Negative Erfahrungen habe er jedoch nie gemacht: "Im Gegenteil, Kommilitonen haben mir sogar angeboten, meine Hausarbeiten Korrektur zu lesen."

Wettmann überarbeitet jeden seiner Texte mit einer Rechtschreibprüfung und zusätzlich mit einer Vorlesesoftware. So hört er Fehler, die auch eine gute Rechtschreibprüfung übersieht. Nur: "Dadurch verlangsamt sich alles", sagt er. Auch alltägliche Dinge wie das Schreiben von E-Mails dauern länger.

Viele Legastheniker schaffen es nicht bis zum Abitur

Dass Wettmann Computerlinguistik studiert, ist kein Zufall. "Das Fach hat mich gerade wegen meiner Legasthenie interessiert. Es gibt viele interessante Programme, die Leuten wie mir helfen können." Tatsächlich studieren Legastheniker häufig Natur- oder Ingenieurwissenschaften, sagt Höinghaus. Auch weil Wissen in diesen Fächern meist mündlich oder per Multiple Choice abgefragt werde. Dabei gibt es längst auch für andere Fächer Hilfsmittel.

Gute Voraussetzungen bietet etwa die Universität Würzburg, die 2012 vom Bundesverband als "Legasthenie-freundliche Hochschule" ausgezeichnet wurde. "Das Thema wird dort sehr offen kommuniziert", sagt Höinghaus. Es gebe eine Informationsschrift für Dozenten und Studenten sowie technische Hilfsmittel wie Vorlese- und Sprachsoftware. Letztere verfasse Texte aus dem, was der Nutzer einspricht.

"Das Problem ist, dass viele Legastheniker erst gar nicht bis zum Abitur kommen", sagt Höinghaus. Der Umgang mit Legasthenie und Dyskalkulie sei in einigen Bundesländern gar nicht geregelt; in anderen nur bis zur Primarstufe und meistens nicht bis zum Abitur.

Wettmann hat das Abitur geschafft. Das Studium wird er, so sieht es aus, auch packen. Im Moment bereitet er sich wieder auf die Klausur vor, die er im dritten Semester nicht bestanden hat. Doch dieses Mal weiß der Dozent Bescheid.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes war von einer "Lese-Rechtschreib-Schwäche" die Rede. Leider ist diese Bezeichnung in diesem Fall falsch, es handelt sich hier um eine "Lese-Rechtschreib-Störung". Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.


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1. Legasthenie, Dysinterpunktie, Dyskalkulie...
kopp 28.01.2014
Auf gut Deutsch: Wer nicht richtig Schreiben, Lesen und Rechnen kann, muss sich fragen, ob er für ein Studium geeignet ist. Da helfen auch wohlklingende Bezeichnungen der Überschrift nicht wirklich. Bei Dysinterpunktie [Interpunktionsfehler] würde ich eine Ausnahme sehen, weil hier praktisch niemand ohne Fehler ist, was vermutlich mit einem willkürlichen, unbegründeten Regelwerk zu tun haben könnte.
2. Falsch
runawaygirl 28.01.2014
Zitat von koppAuf gut Deutsch: Wer nicht richtig Schreiben, Lesen und Rechnen kann, muss sich fragen, ob er für ein Studium geeignet ist. Da helfen auch wohlklingende Bezeichnungen der Überschrift nicht wirklich. Bei Dysinterpunktie [Interpunktionsfehler] würde ich eine Ausnahme sehen, weil hier praktisch niemand ohne Fehler ist, was vermutlich mit einem willkürlichen, unbegründeten Regelwerk zu tun haben könnte.
Und schon machen Sie denselben Fehler wie die meisten: Schließen von einer TEILleistungsschwäche auf die Gesamtintelligenz eines Menschen. Dabei ist z.B. bei vielen Dyskalkulikern nachgewiesen, daß sie zwar schlecht bis gar nicht rechnen können, aber in anderen Bereichen überdurchschnittliche Leistungen zeigen. Aber vielleicht muß man selbst betroffen sein, um sich das vorstellen zu können.
3. Es ist schon erstaunlich zur Kenntnis zu nehmen,
zwischendominante 28.01.2014
wie unterschiedlich offenbar die Bundesländer mit dem LRS-Nachteilsausgleich umzugehen scheinen. Wäre Philipp aus meinem Bundesland gekommen, hätte man ihn in der Grundschule zum ersten Mal überprüft und Fördermaßnahmen sowie Nachteilsausgleiche greifen lassen, dies bis einschließlich der Abschlussprüfungen der Sek I., Regelungen gibt es auch für die Sek II, somit auch fürs Abitur. Zu diesen Prüfungen ist es hier allerdings notwendig, ein entsprechendes Gutachten vorzulegen und den Nachteilsausgleich selbst zu beantragen. Das wissen alle Betroffenen, ein Teil entscheidet sich aus Furcht vor geringeren Chancen auf dem weiterführenden Bildungsweg allerdings dagegen, da der Nachteilsausgleich im Zeugnis vermerkt wird; sie nehmen dann eher den Punktabzug für die Rechtschreibung in Kauf. Dass sich Philipp offenbar nicht aktiv über Nachteilsausgleich an der Uni informiert hat, ist für mich erstaunlich, da die Legastheniker in meinem Bundesland von der Grundschule an zumindest um diese Möglichkeiten wissen. Einigermaßen erschüttert bin ich andererseits, dass sich das Studentenwerk und der Bundesverband Legasthenie nicht aktiv um mehr Information kümmern, wenn ihnen das Problem schon bewusst ist.
4.
Rahlstedter 28.01.2014
Zitat von koppAuf gut Deutsch: Wer nicht richtig Schreiben, Lesen und Rechnen kann, muss sich fragen, ob er für ein Studium geeignet ist. Da helfen auch wohlklingende Bezeichnungen der Überschrift nicht wirklich. Bei Dysinterpunktie [Interpunktionsfehler] würde ich eine Ausnahme sehen, weil hier praktisch niemand ohne Fehler ist, was vermutlich mit einem willkürlichen, unbegründeten Regelwerk zu tun haben könnte.
So kann nur jemand sprechen der keinen Menschen in seiner Umgebung kennt der der davon betroffen ist. Es ist wirklich eine Behinderung. Meine Tochter ist anerkannte Legasthenikerin. Jetzt könnte man meinen sie wäre doof, oder zu faul. Ist sie aber nicht, sie ist ein Ass in Mathematik, hat einen IQ von 132. Sie ist gerade auf dem dem Weg zum Abitur...
5. Intoleranz
elsakrawuttke 28.01.2014
kopp, was für ein unangemessener Beitrag! Davon ausgehend, dass der Kandidat mit einer solch heruntergespielten Behinderung überhaupt so weit gekommen ist, verdient er Anerkennung. Ihren Beitrag könnte man auch dahingehend erweitern, dass Gehbehinderte ja bitte nicht vor die Tür gehen sollten. Welches Potenzial mit dem Ausschluss von Menschen mit fachlich irrelevanten Schwächen verschenkt wird! Mir scheint, Ihnen fehlt da eine gewisse Kompetenz.
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