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Nachts in der Uni-Bibliothek: Schlaf, Loser, schlaf

Flirten, lernen, schlafen: Was treibt Studenten dazu, ihre Nächte in der Bibliothek zu verbringen? Uni-Loser Felix Dachsel hat mit Leipziger Kommilitonen durchgemacht. Protokoll einer schlaflosen Nacht.

Bibliotheken sind ja grundsätzlich schöne Orte, Orte der Stille und des Rückzugs. Aber bei Universitätsbibliotheken ist das irgendwie anders: An der Bachelor-Universität sind sie zu Orten des Hochleistungssports verkommen, zu Orten der öffentlich ausgetragenen Konkurrenz.

Oft geht es darum, möglichst ausdauernd zu lernen oder in einer gewissen Zeit eine vorgegebene Leistung zu erbringen. Das hat etwas Autoritäres. Das Anarchische und Freigeistige, das Bibliotheken auszeichnet, wird hier vom Verwertungsdruck vergiftet.

Ich bin in Uni-Bibliotheken immer nur gewesen, wenn ich unbedingt musste. Und dann so kurz wie möglich. Rein, raus. Aber man soll sich ja seinen Ängsten stellen. Deswegen habe ich eine Nacht in der Leipziger Campus-Bibliothek verbracht. Zwölf Stunden, von elf bis elf, das war der Plan.

23.00 Uhr - Ankunft

Die Herren am Empfang grüßen freundlich - oder mitleidig? Das Licht: Ikea-mäßig gedämpft bis klinisch hell. Meine Stimmung: Ganz gut, aber ich habe Hunger. In den Gruppenarbeitsräumen schlafen manche, andere schauen Filme. Ich sehe ihnen zu: Es sind Filme mit Gewalt und Explosionen. Die Sehnsucht nach Archaik zwischen all den Büchern?

23.15 Uhr - Explosionen

Im zweiten Stock sitzt ein gutes Dutzend Studenten in Reihen, lernend, tippend, schlafend. Manche haben ihre Schuhe ausgezogen, was etwas Wohnzimmerhaftes hat. In einer Ecke stehen Sofas. Sehr sympathisch. Ich suche mir einen Platz auf der Empore und markiere ihn mit ein paar zufällig ausgewählten Büchern. Unten sehe ich ein Pärchen, das zusammen lernt. Er will knutschen, sie will lernen. Später tauschen sie: Sie will knutschen, er will lernen.

  • LMU
    Wir treffen uns in Gebäude C23, Trakt G, Raum 3.2a - das klingt wenig eingängig. Studenten und Dozenten denken sich lieber Spitznamen aus für ihre Uni-Gebäude. Verstehen Sie den Campus-Code?
0:00 Uhr - Die Harten bleiben

Mitternacht ist für viele Schluss. Wo vorher noch ein gutes Dutzend saß, hängen jetzt noch drei Studenten über den Tischen. Ein Security-Mann mit Taschenlampe patrouilliert durch den Saal. Ich ziehe ein Buch aus dem Stapel, Abteilung Medien- und Kommunikationswissenschaft, und finde einen Aufsatz mit dem Titel "Sind Online-Zeitungen überhaupt Zeitungen?". Ich suche nach einer klaren Antwort: ja oder nein. Find ich nicht. Der Aufsatz ist zu lang. Müdigkeit. Ich schaue mir den Flucht- und Rettungsplan an.

1:00 - Erheiterung

Ein paar Kommilitonen besuchen mich. Sie wissen von meinem Experiment und haben Wein mitgebracht. Wir sitzen im Erdgeschoss auf Sofas und trinken. Ich nehme mir eine "FAZ" aus dem Zeitungsständer und lese ein bisschen, was die Müdigkeit nicht richtig lindert. Irgendwie ist es cool hier.

2:17 - Die geheimnisvolle Studentin

Meine Kommilitonen erzählen mir von einer Studentin, die im Erdgeschoss die Nächte durchlernt und mit Freunden skypt. Sie hat die Bibliothek zu ihrem Wohnzimmer gemacht. Ich suche und finde sie, Abteilung Informatik und Wirtschaftswissenschaft. Hier heißen die Bücher "Expactations, Rationality and economic Performance" oder "Strategy and Choice". Die Studentin hat alles: Süßigkeiten von Haribo, Wasser, Handcreme. Sie sitzt aufrecht, ohne erkennbar von Müdigkeit geplagt zu sein. Sie ist allein. Die Putzkolonne kommt. Ein Mann wischt die Tische. Zwei Stockwerke drüber trägt eine Frau einen Staubsauger auf dem Rücken. Sie saugt zwischen den Sofas. Sie sieht ein bisschen aus, als jage sie Geister.

3:20 Uhr - Kein Schlaf

Ich baue mir aus robusten Büchern ein Kissen. Das dickste Buch, das ich finde, ist das ARD-Jahrbuch von 1969. Ich blättere: Fotos von rauchenden Herren, von Hörfunkübertragungswagen, von einer Intendantenkonferenz. Ich bin jetzt allein im Saal. Nur noch das Rauschen der Lüftung. Hinter den Scheiben die Schwärze der Nacht.

3:22 Uhr - Wach

Ich bin immer noch nicht eingeschlafen. Aber das Buch hat inzwischen einen Abdruck auf meinem Gesicht hinterlassen.

4:15 Uhr - Besuch

Ich mache einen Rundgang. Im Untergeschoss sitzt die geheimnisvolle Studentin unverändert auf ihrem Stuhl und lernt, als sei sie eingefroren. Aber sie hat Besuch bekommen: Neben ihr liegen zwei Studenten auf den Sofas und schnarchen.

5:00 Uhr - Endlich Schlaf

Ich will jetzt auch schlafen. Im oberen Lesesaal suche ich mir ein Sofa aus. Ganz gemütlich. Ich schlafe sofort ein.

5:15 Uhr - Wach

Ein Security-Mann weckt mich. Ich will in vorauseilendem Gehorsam aufstehen. Da fragte er: "Haben Sie ein Schließfach im Erdgeschoss?" Nein, sage ich, was offenbar ausreicht. Er geht wieder.

7:00 Uhr - Aufstehen

Ich träume seltsames Zeug. Monster. Dunkelheit. Herabstürzende Bücher. Alles wackelt. Ein Eindringling wandert durch mein Schlafzimmer. Ich wache auf und merke, wo ich bin. Kopfschmerzen. Bauchschmerzen. Hunger. Hass.

7:30 Uhr - Abbruch

Ich steige auf meinen Roller und fahre heim. Angst vorläufig besiegt.

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insgesamt 15 Beiträge
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    Seite 1    
1. belanglos
heatupcooldown 07.05.2014
belanglos...und dann noch nicht mal 12h belangloses sondern nur die Hälfte...erbärmlich belanglos
2.
baboinfinite 07.05.2014
Witzig ist diese Spreizung bei den Artikeln: Einmal Flachpfeifen, die sich wehleidig zu halten versuchen und auch noch dafür feiern lassen. Und auf der anderen Seite ideologisch Indoktrinierte Hochleistungskinder mit Bestnoten-MBA und einem Diplom im Konzernverwalten und im singen und klatschen.
3.
sytex1 07.05.2014
Ja, das Studentenleben ist schon seltsam - sie versklaven und foltern sich selbst und gegenseitig und denken, dass das so sein müsse. Aber so langsam wird es langweilig, wie die "gesellschaftswissenschaftlichen" Paper - als würde man Fahrstuhlmusik in Endlosschleife hören. Die einzige Katharsis dieser Beiträge ist, endlich mal rauszugehen und das Leben zu genießen.
4.
Stampfi-Gang 07.05.2014
Die Motivation der Studenten für ihre durchgemachten Nächte ist diesem Text nun wirklich nicht zu entnehmen. Was auch nicht gerade verwundert, wenn der der Autor das Konzept einer Unibibliothek schon nicht zu begreifen scheint. Flirten und schlafen ist ja gut und recht, die Mehrheit der Anwesenden wird aber wohl unter Termindruck stehen und wird effektiv Lernen (oder es zumindest versuchen...). Der Verfasser des Textes hingegen scheint es schon als Herausforderung anzusehen, eine Nacht ausser Haus zu verbringen, und dann auch noch ohne Schlaf. Was für ein Held...
5. Man kann auch ...
gumbofroehn 07.05.2014
Zitat von sysopArtur KrutschFlirten, lernen, schlafen: Was treibt Studenten dazu, ihre Nächte in der Bibliothek zu verbringen? Uni-Loser Felix Dachsel hat mit Leipziger Kommilitonen durchgemacht. Protokoll einer schlaflosen Nacht. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studium-und-uni-bibliothek-uni-loser-macht-die-nacht-durch-a-967859.html
... schöne Zeiten in der UB erleben. Nämlich dann, wenn man für sein Fach brennt und beim stundenlangen Stöbern in den Journal-Bänden genussvollen Wissenszuwachs ("... so habe ich das noch gar nicht gesehen ...") erlebt. Schade, dass Herr Dachsel das offenbar niemals erlebt hat und vermutlich auch niemals erleben wird.
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