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Talentförderer für benachteiligte Schüler: Die Elite von unten

Von Maria Gresz

SPIEGEL TV

Gesucht: Schlaue, benachteiligte Kinder. Suat Yilmaz ist der erste Talentscout an einer deutschen Hochschule - in den Schulen des Ruhrgebietes sucht er nach Schülern, die zwar gute Noten haben, aber aufgrund ihrer Herkunft oder Armut nicht studieren würden.

Der Job von Suat Yilmaz ist vergleichbar mit der Arbeit eines Schatzsuchers. Sein Einsatzgebiet sind die Schulen im nördlichen Ruhrgebiet. Hier sucht er nach unentdeckten Talenten. Sprich: nach Schülern, die in den zehnten Klassen durch gute Noten auffallen, aber von alleine nie auf die Idee kommen würden, ein Studium anzustreben.

Oft liegen die Gründe dafür im Elternhaus. Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten finden auch im Ruhrgebiet nur selten den Weg an die Hochschulen. An diesem Punkt kommt Suat Yilmaz ins Spiel - an einer deutschen Hochschule ist er der erste und bislang einzige Talentförderer für angehende Studenten.

Der 38-Jährige und sein Team arbeiten im Auftrag der Westfälischen Hochschule mit Hauptsitz in Gelsenkirchen. Hier leistet man sich den umtriebigen Talentscout, weil sich die Hochschule nicht allein auf den akademischen Nachwuchs der Besserverdienenden verlassen will. Stattdessen geht es Direktor Bernd Kriegesmann in seinem Förderprogramm um "die Elite, die von unten kommt".

Häufig müssen auch die Eltern überzeugt werden

Das Umdenken scheint dringend erforderlich. Das zeigen auch die Statistiken. Kamen vor 30 Jahren noch 29 Prozent der Studenten aus den unteren sozialen Schichten, so sind es 2012 nur noch neun Prozent. Talentförderer Suat Yilmaz fordert den turn-around in den Köpfen des Bildungsbürgertums: "Es ist selbstverständlich, dass der Zahnarztsohn studiert, da kommt keiner auf die Idee, dass er Maurer wird. Aber dass der Maurerjunge sagt, ich werde jetzt Zahnarzt, das ist nicht selbstverständlich. Dahinter machen wir ein Fragezeichen."

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Yilmaz' Suche beginnt etwa zwei Jahre, bevor die Schüler Abitur machen. Viele seiner Talente besuchen eine Gesamtschule oder ein Berufskolleg. Wer durch Ehrgeiz oder gute Leistungen auffällt, wird in sein Programm aufgenommen und gefördert. Yilmaz hilft bei der Auswahl des richtigen Studienfachs, beim Antrag auf ein Stipendium oder bei der Überzeugung der Eltern. Die wünschen sich für ihre Kinder oft lieber eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker als ein Studium der Biochemie.

Yilmaz war selbst Hauptschüler - und hatte einen Förderer

Etwa 500 Schüler und Studenten hat Yilmaz zurzeit in seiner Kartei, 40 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Eine von ihnen ist die 17-jährige Beria. Die Gesamtschülerin macht 2016 Abitur und könnte sich vorstellen, Medizin zu studieren. Allerdings sei das schon, wie sie sagt: "eine echt krasse Sache". Jura findet sie auch interessant. Ihr Vater arbeitet seit Jahrzehnten als Bergmann, ihre Mutter ist Hausfrau. In ihrer türkischen Familie wäre Beria die erste, die Abi macht und studiert.

Den Zugang zu seinen Klienten findet Yilmaz über seine eigene Biografie. Als Sohn eines türkischen Gastarbeiters war seine frühe Schullaufbahn mit Misserfolgen gepflastert. Aufgrund massiver Probleme landete der ehemalige Gymnasiast irgendwann auf der Hauptschule. Gerettet hat ihn ein engagierter Pädagoge, der sein Talent entdeckte und an ihn glaubte. Nichts anderes macht Yilmaz jetzt in seinem Job als Talentförderer. Und zwar mit ziemlich großen Erfolg: In den vergangenen zweieinhalb Jahren ist es ihm gelungen, mehr als 170 Schüler ins Studium zu bringen.

Mehr über den Zusammenhang von Herkunft und Karriere und andere Ungerechtigkeiten im deutschen Bildungssystem bei Spiegel-TV am Sonntag um 22.25 bei RTL.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Skandalös
jj2005 22.08.2014
---Zitat--- Kamen vor 30 Jahren noch 29 Prozent der Studenten aus den unteren sozialen Schichten, so sind es 2012 nur noch neun Prozent. ---Zitatende--- "Skandalös" ist eigentlich ein viel zu schwaches Wort. Armes Deutschland. ---Zitat--- In den vergangenen zweieinhalb Jahren ist es ihm gelungen, mehr als 170 Schüler ins Studium zu bringen. ---Zitatende--- Ich hoffe, der Mann wird fuerstlich entlohnt. Oder wenigstens deutlich besser als der Durchschnittsbanker.
2.
Phil2302 22.08.2014
2 Punkte, die ich ansprechen möchte: Erstens verbinde ich mit dem Wort "Benachteiligung" ein Unverschulden. Wenn sich die Schüler allerdings selber gegen ein Studium entscheiden, dann sind sie nicht benachteiligt, sonder unfähig. Zweitens lässt sich diese starke Differenz zwischen 2012 und 1982 einfach erklären: In einem durchlässigen System wie unserem hier in Deutschland hat jeder die Chance, aufzusteigen - aber Durchlässigkeit bedeutet umgekehrt auch, dass Menschen aus der Spitze nach unten absteigen; und dort bleiben sie dann auch.
3. Deutschland ist auf dem Weg ins neunzehnte Jahrhundert
Freiberufler 23.08.2014
weil wieder die Herkunft entscheidet, ob jemand Talentiertes etwas wird oder nicht! Bravo CDU und FDP! Eure Politik seit 1982 ist schuld daran. Kürzungen der Bildungsbudgets um 50 Prozent allein in den 80ern! Bravo, Herr Kohl! ---- Das wurde Euch schon in den 80ern in den besseren Zeitungen rauf und runter erklärt, wohin das führen würde! ---- Und es war zu merken, wie "Konservative" es goutierten, dass nicht mehr jeder Beliebige an ihnen vorbeiziehen konnte, nur weil er intelligenter war. Jetzt ist diese Entwicklung fast abgeschlossen, und in Deutschland bewegt sich fast nichts mehr. Denn Stipendien und solche Spürhunde wie hier beschrieben sind Krücken! --- Sie sind ein weiteres Zeichen für die Tatsache, dass nicht mehr jeder, der gut ist, auch etwas werden kann. Bravo! -- Gruss vom Freiberufler
4. Vielleicht sollte
muri321 23.08.2014
Man das Studium an sich reformieren . Zuballerst sollte Studium kostenlos sein damit eine gerechte ansatzweise herrscht. Das die obere Mittelschicht besser vorbereitet ist ist und bleibt eben ein Vorteil .
5. Wobei mich schon intereressieren würde
studibaas 23.08.2014
Wie hoch die Durchfallquote dieser 170 nach vier Jahren (oder wie lange auch immer die Regelstudienzeit dauert) ist. Erst dann kann man über seinen Erfolg diskutieren. Dennoch: Die Idee ist richtig und gut. Andererseits: Handwerker verdienen mittlerweile tw. genau so viel wie einige Akadamikerbranchen. (OK, auch hier wieder eher die Meister, aber das wäre dann der "klassische" Weg intelligenter Menschen aus bildungsfernen Schichten).
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  • dpa

    "Wer es nicht allein schafft, hat hier nichts zu suchen" - nach diesem Gesetzt funktioniert die Uni, findet Katja Urbatsch, Tochter eines Bankangestelltenpaares aus Ostwestfalen. Völlig falsch sei das, sagt sie. Sie möchte anderen helfen, denen es ergangen ist wie ihr. Die nicht wussten, wie sie sich ihr Studium finanzieren sollen. Wie auf all die bohrenden Fragen der Verwandten reagieren: Was wird man mit Nordamerikawissenschaften? Wer braucht so was? Und deswegen den Eltern jahrelang auf der Tasche liegen? Schämst du dich nicht? Willst du nicht lieber arbeiten? Geld verdienen?

    Sie gründete die Initiative Arbeiterkind. Inzwischen engagieren sich bundesweit 5000 Ehrenamtliche, sie beantworten die Fragen von Schülern, Studenten und Eltern. Sie gehen in Schulen oder treffen sich in Kneipen, um einfach mal unter Seinesgleichen zu sein.

  • Mehr Informationen zur Initiative