Hochschulen gegen Plagiatoren: Nehmt das, Abschreiber!

Wissenschaftliches Arbeiten: Wie Hochschulen gegen Plagiate kämpfen Fotos
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Die Plagiatsaffären deutscher Politiker haben die Hochschulen aufgeschreckt: Viele rüsten sich inzwischen für den Kampf gegen Abschreiber. Die eine Uni setzt auf Anti-Plagiatssoftware, die andere auf Google, die dritte auf freiwillige Kontrolle. Ein Überblick über die akademischen Waffenkammern.

Guttenberg, Koch-Mehrin und zuletzt Schavan: Die Plagiatsaffären um deutsche Politiker haben die Universitäten im Land für Betrugsversuche ihrer Studenten sensibilisiert. Viele wappnen sich mit neuer Software, mit Schulungen oder überarbeiteten Vorschriften gegen Täuschungsversuche. Dabei werden nicht nur Doktorarbeiten, sondern auch kleinere Seminararbeiten zumindest stichprobenartig auf Copy-and-Paste-Passagen überprüft.

Zugleich warnt der Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz der Universitäten, Karl Joachim Ebeling, vor Generalverdächtigungen: Ein prinzipielles Prüfverfahren für Doktorarbeiten sei abzulehnen. "Ein Unternehmen ist nur auf Vertrauens- und nicht auf einer Kontrollbasis erfolgreich zu führen - das gilt auch für Hochschulen", sagt Ebeling, der auch Präsident der Universität Ulm ist. Alles andere wäre aus Sicht ein "Armutszeugnis für unsere Gesellschaft".

Zumal Täuschungsversuche äußerst selten vorkämen: "Der Anteil der Doktorarbeiten, bei denen Fehlverhalten nachgewiesen werden kann, liegt bei unter einem Promille", sagt Ebeling. Bei 400 Promotionen pro Jahr sei in Ulm derzeit gerade mal ein Täuschungsfall bekannt. Deshalb dürfe nicht jeder, zumal nicht jeder Politiker mit Doktortitel unter Generalverdacht genommen werden. "Ich halte das für übertrieben", sagt Ebeling.

Wie Hochschulen gegen Plagiate kämpfen

Die Heidelberger Universität wendet seit Juni vergangenen Jahres eine Anti-Plagiatssoftware an. Auch die Universität Hohenheim setzt auf eine Software und plant einen Leitfaden mit Empfehlungen für die Plagiatsbekämpfung.

Der Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft überprüfe sogar von vornherein alle Arbeiten, sagt Pressesprecher Florian Leonhardmair. An der Universität Mannheim gibt es keine einheitliche Regelung. Im Bereich Jura etwa setzten die Dozenten auf breiter Front Software zur Überprüfung ein, sagte eine Sprecherin der Hochschule. An der Philosophischen Fakultät gebe es Stichproben. In den vergangenen 15 Jahren sei an der Uni nur ein Täuschungsversuch in einer Promotion bekanntgeworden.

In Tübingen überlegt die Medizinische Fakultät noch, eine flächendeckende Überprüfung einzuführen. Die juristische Fakultät ist schon einen Schritt weiter: Jede Hausarbeit müsse auch online hochgeladen werden und werde dann überprüft, erläutert Janna Eberhardt, Sprecherin der Uni Tübingen. In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften müssen Arbeiten auf CD abgegeben werden, damit die Gutachter bei einem Verdacht den Text im Computer prüfen können.

Eine strengere Ahndung von Plagiaten wegen der jüngsten Skandale gebe es nicht, sagte Forschungs- und Medienreferentin Kerstin Eleonora Kohl von der PH Freiburg. Die Hochschule setzt auch auf Informationen für Studenten und auf Hilfe beim wissenschaftlichen Arbeiten. Einen Erfolg verzeichnet die PH Freiburg auch mit ihrer freiwilligen Plagiatskontrolle: Vor der offiziellen Abgabe könnten Studenten ihre Arbeiten von Experten prüfen lassen - um so in einer persönlichen Beratung auf Fehler aufmerksam gemacht zu werden.

Manche Universitäten arbeiten im Kampf gegen Kopien an technischen Lösungen: Die Fakultät für Informatik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entwickelt eine eigene Software. Das Programm soll Wissenschaftlern dabei helfen, effektiver Plagiate aufzudecken. Die Universität Konstanz wiederum hat damit begonnen, eine zentrale Datenbank aufzubauen. In dem digitalen Speicher sollen Dozenten aller Fachbereiche Täuschungs- und Plagiatsversuche eintragen können, erklärt Uni-Sprecherin Julia Wandt.

Die Universität Freiburg setzt neben professioneller Software auch auf ein gängiges Hilfsmittel: "Google ist nach aktuellen Untersuchungen das wirkungsvollste Hilfsmittel. Das kann jeder selber nutzen", sagte der Direktor des Rechenzentrums, Gerhard Schneider.

Die Universität Stuttgart sieht in der Anschaffung von teurer Software eher einen geringen Nutzen: "Täuschungen kommen in so geringen Fällen vor, dass die Anschaffung in keiner Verhältnismäßigkeit stünde", sagte Pressesprecher Hans-Herwig Geyer.

In der Diskussion kommt Ebeling derzeit die Frage nach der Qualität von Doktorarbeiten zu kurz: "Der Erkenntniswert einer wissenschaftlichen Arbeit spielt dabei eine völlig untergeordnete Rolle", kritisierte er. Dabei sei dies doch gerade das entscheidende Leistungskriterium, nicht das Erfüllen von Formalia. Wobei er einräumt: Der Fall des zurückgetretenen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sei glasklar gewesen.


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Wissenschaft nach Guttenberg: Wie hältst du's mit dem Plagiat? Hier ein Absatz aus Wikipedia, dort ein nicht belegtes Zitat: Die Hochschulen sind alarmiert. Sechs Wissenschaftler und Studenten erklären, was jetzt geschehen muss. mehr...


David Fischer und Julia Giertz/dpa/jon

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1. Ein Problem der Laberfächer; Naturwissenschaft hat ein viel ernsteres Problem
bumbu 05.05.2013
Zitat von sysopDie eine Uni setzt auf Anti-Plagiatssoftware, die andere auf Google, die dritte auf freiwillige Kontrolle. Ein Überblick über die akademischen Waffenkammern.
Als Naturwissenschafter finde ich diese Diskussion sehr exotisch. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ein drei Jahre im Forschungsbetrieb einer Arbeitsgruppe eingebundener Dissertant eine plagiierte Arbeit abgeben sollte. So eine naturwissenschaftliche Dissertation enthält zunächst einmal im einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Das ist Abschreiben pur, das ist so gemeint und jeder versteht, daß da nichts Neues drinsteht. Das ganze dient hauptsächlich dazu, sicherzustellen, daß der frischgebackene Doktor auf dem neuesten Stand in seinem Fach ist. Danach werden die eigenen Beiträge beschrieben, die Resultate präsentiert und zuletzt diskutiert, also kritisch bewertet und mit den Resultaten anderer Gruppen verglichen. Dabei zählen Zahlen, nicht Worte; und Abschreiben führt daher nicht zum Ziel. Abschreiben als wissenschaftliches Fehlverhalten scheint mir nur in den Fächern vorzukommen, in denen keine empirische Forschung betrieben wird (vulgo „Laberfächer“), also solchen, in denen die Worte selbst das Produkt sind. Für Kunst ist das ein vernünftiger Anspruch (viele Arbeiten aus Literaturwissenschaft ist ja eher künstlerisch als wissenschaftlich, weil sie auf nichtliterarische Argumente verzichten). Von Wissenschaft erwarte ich aber, daß sie Wissen generiert, und da fallen diese Fächer eindeutig aus dem Raster. Die Naturwissenschaft hat ein Problem, aber ein anderes: Datenfälschungen. Die sind zwar bei ordentlicher Betreuung auch nicht leicht hinzukriegen, aber durchaus möglich; und im akademischen Normalbetrieb ist es sogar recht einfach, ein „schönes“ Paper voller erfundener Meßergebnisse zu veröffentlichen. Und die Folgen einer gefakten Veröffentlichung sind viel dramatischer als die einer abgeschriebenen. Damit kann die zukünftiger Richtung eines Fachgebietes in Richtung Hades orientiert werden. Es ist zwar klar, daß es irgendwann einmal auffallen wird; aber das wird bis dahin viel Zeit und Geld gekostet haben. Von Fälschungen redet aber vergleichsweise keiner. Das hat wohl damit zu tun, daß es keine schicken Programme gibt, mit denen man das automatisch prüfen kann. Ob die Energie jetzt 5 oder 15 kJ/mol beträgt, kriegt man nämlich nur durch Nachmessen raus, nicht durch Googeln.
2. Nächster Halt: Hades-Mitte
cassandros 05.05.2013
Zitat von bumbuim Forschungsbetrieb einer Arbeitsgruppe eingebundener Dissertant ...
Doktorand. Es heißt Doktorand. Nein, das ist nicht Abschreiben. Pur schon gar nicht. Eine Zusammenfassung ist eine geistige Leistung. Wenn du die irgendwo wörtlich abschreibst, ist es selbstverständlich Plagiarismus. Recht einfach? Na, warte mal, bis du mit dem "akademischen Normalbetrieb" in Kontakt kommst. Und gleich die ganze Richtung eines Fachgebietes will er ändern! Du meinst, die hängt von einer Pfuschveröffentlichung ab? Auch diese Meinung wird sich mit den Semestern noch herauswachsen. Keiner ist falsch. Es wird natürlich gerne unter den Teppich gekehrt. Aber in der Branche ist das bekannt. Leute, die damit auffallen, werden schnell und geräuschlos eliminiert. (Solange sie sich nicht mit Veröffentlichungen allgemein bekannt gemacht haben.) entscheidet sicher nicht darüber, ob ein Fachgebiet in den Hades wandert.
3. Datenklau
Tubus 05.05.2013
Zitat von cassandros.... Keiner ist falsch. Es wird natürlich gerne unter den Teppich gekehrt. Aber in der Branche ist das bekannt. Leute, die damit auffallen, werden schnell und geräuschlos eliminiert. (Solange sie sich nicht mit Veröffentlichungen allgemein bekannt gemacht haben.) ....
Na, ja, würde ich so nicht unterschreiben. Da wird schon mal was nicht passt passend gemacht. Als Lehrstuhlinhaber wird man auch nicht mehr gefragt, bei wem welche Daten geklaut wurden. Das ist dann aber auch nicht mehr so wichtig, weil spätestens dann sowieso die Arbeit andere machen.
4. Fälschung ist weder lustig noch eine interne Angelegenheit
bumbu 05.05.2013
Zitat von cassandros---Zitat von bumbu--- nicht vorstellen, wie ein drei Jahre im Forschungsbetrieb einer Arbeitsgruppe eingebundener Dissertant eine plagiierte Arbeit abgeben sollte.
Doktorand. Es heißt Doktorand. ---Zitatende--- Vielleicht in Deutschland. Sie sind auf Worte fixiert, ich auf Daten. Es steht nichts Neues darin, also bezeichne ich das als „abschreiben“. Unbestritten ist, daß manche Dissertationen schöne Einleitungen haben, die einen sehr geraden Einstieg vom Studienniveau in das jeweilige Gebiet bieten (ich hoffe, daß irgendjemand einmal so etwas von meiner Arbeit sagt). Das ist klarerweise eine Leistung, aber keine wissenschaftliche sondern eine didaktische. Recht einfach? Na, warte mal, bis du mit dem "akademischen Normalbetrieb" in Kontakt kommst. ---Zitatende--- Innerhalb von Arbeitsgruppen gibt es häufig „Einzelkämpfer“; die können bei den Institutsseminaren theoretisch alles erzählen. Natürlich hängt das vom Fach ab; in meinem (numerische Simulationen) wäre das sehr einfach gewesen. Offenbar haben Sie meine Anspielung auf die „schönen“ Arbeiten nicht verstanden. Macht nichts, es ist nie zu spät etwas dazuzulernen Schön scandal - Wikipedia, the free encyclopedia (http://en.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6n_scandal) Ist der Grundstock des Ruhmes erst einmal erschwindelt, werde die Referees bald zahm, und die Romanserie in Phys Rev kann beginnen. So etwas fällt nicht im Publikationsprozeß auf, sondern erst wenn es einer nachmachen will (dann aber desto sicherer). Im Übrigen sind Ihre Umgangsformen so, daß ich mir gerade zum zweiten Mal mühsam die Zehennägel glattstreichen muß. Würde ich Deutschland nicht besser kennen, dann könnte ich jetzt wirklich ans Klischee vom arroganten „Besserwessi“ erinnert werden. Ja, intern ist das schon ein Thema; aber ehrlich gesagt finde sich solche Klüngeleien auch nicht wirklich das Gelbe vom Ei. Eine öffentliche Diskussion wäre besser, und auch ehrlicher. Kennen Sie retractionwatch? Eine Serie von prominent placierten Fake-Papers hat Folgen, auch wenn diese ein natürliches Ablaufdatum tragen.
5.
pepe_sargnagel 05.05.2013
Zitat von bumbuVielleicht in Deutschland...
bumbu und cassandros zeigen, dass der Ton der Begutachtung manchmal recht harsch sein mag. In der Sache jedoch sind die beiden sehr korrekt und formal. Auch das ist Wissenschaft. Nur falls nun manche denken, dass in der Wissenschaft der Ton nicht rauh ist - der Ton ist es! Jedoch geht es abei meistens um die Sache und -wenigstens in den Wirtschaftswissenschaften- zumeist nicht um individuelle Abneigung oder ähnliches subjektives. Da die Wirtschaftswissenschaft jedoch eine Sozialwissenschaft und keine Naturwissenschaft ist gibt es dort auf alle Fälle verschiedene Meinungen und keineswegs nur ein richtig oder ein falsch. Es gibt im Endeffekt häufig 1000 mehr oder minder verschiedene Wege zum gleichen Ziel. Daher ist der Ton der Gutachten von Anhängern einer anderen Richtung auch mal "scharf", aber nicht persönlich.
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