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Protest schwarzer Studenten: Südafrikas neue Apartheid

Von Bartholomäus Grill

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Bob London/ UNI SPIEGEL

Protest in Südafrika: Wie ein schlechter Witz

Barrikaden brennen, Denkmäler stürzen, Vorlesungen werden gesprengt: Schwarze Studenten in Südafrika protestieren gegen den zunehmenden Rassismus. Der Staat antwortet mit Polizei.

Südafrika soll ein Vorbild sein? Eine "Regenbogennation", die den Rassismus abgeschüttelt hat? Der Beweis dafür, dass Versöhnung möglich ist und Weiß und Schwarz friedlich zusammenleben können? Panashe Chigumadzi, 24 Jahre alt, kann das Gerede nicht mehr hören. Für die junge Schriftstellerin und Journalistin klingt das alles wie ein schlechter Witz - und sie nutzt jede Gelegenheit, das kundzutun.

"Wir können klar und deutlich unsere Verachtung für die 'rainbow nation' ausdrücken", sagt sie während einer Vorlesung an der Universität Witwatersrand in Johannesburg. Unter der bunten Oberfläche habe sich rein gar nichts verändert: Da schimmerten noch immer die alten Verhältnisse aus der Zeit der Apartheid durch, da gebe es weiterhin das tiefe Misstrauen zwischen Schwarzen und Weißen, ruft Chigumadzi den Hochschülern entgegen. Jeder im Land spüre doch, dass der Rassismus wieder zunehme und die Zeit unter dem legendären Präsidenten und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela nur eine kurze Atempause gewesen sei.

Aktivistin Panashe Chigumadzi Zur Großansicht
Bob London/ UNI SPIEGEL

Aktivistin Panashe Chigumadzi

Panashe Chigumadzi spricht aus, was ihre Generation denkt. Man nennt sie und ihre Altersgenossen "Born Frees", weil sie noch Kleinkinder waren oder erst nach der offiziellen Abschaffung der Rassentrennung 1994 geboren wurden. Doch der Name ist eine Mogelpackung, denn die sozialen Gegensätze sind noch immer fast genau so extrem wie in den finsteren Zeiten der Segregation. Die Minderheit der Weißen genießt einen üppigen Wohlstand - und die überwältigende Mehrheit der Schwarzen ist arm geblieben und wartet vergebens auf das bessere Leben, das ihnen versprochen wurde. Das kann man auch ablesen am sogenannten Gini-Index, mit dem Einkommensunterschiede gemessen werden: Zwei Jahrzehnte nach der Wende zählt Südafrika danach zu den ungleichsten Gesellschaften der Welt.

Ein elitäres Bildungswesen, das Nichtweiße benachteiligt

Die schwarze Bevölkerung nahm das lange klaglos hin und ließ sich vertrösten. Doch nun begehren desillusionierte junge Menschen wie Panashe Chigumadzi auf, weil sie sich von der korrupten und unfähigen Regierung unter dem schwarzen Präsidenten Jacob Zuma um ihre Zukunft betrogen sehen.

Sie werfen der neuen Elite vor, die eigenen Ideale verraten zu haben. Sie protestieren gegen ein elitäres Bildungswesen, das Nichtweiße benachteiligt: Schwarze, die auf dem Papier die Hochschulzulassung haben, kommen in der Regel aus ärmeren Familien und können sich die hohen Studiengebühren nicht leisten. Fast alle Dozenten sind weiß, die Lehrinhalte sind nach wie vor auf die alten Machtverhältnisse zugeschnitten. Und deshalb fragen viele afrikanische Studenten, warum auch in der Demokratie das alte Herr-Knecht-Verhältnis ungebrochen fortdauert - so, wie das in den letzten dreieinhalb Jahrhunderten war: Die Weißen herrschen, die Schwarzen müssen dienen.

Seit Monaten entlädt sich der Zorn der Jugend in militanten Protesten, an den Schulen und Hochschulen brodelt es. Barrikaden brennen, Denkmäler stürzen, Vorlesungen werden gesprengt. Auch jetzt, zu Beginn des neuen Semesters, geht der Widerstand weiter: Zehntausende Studenten fordern ein gerechtes Bildungssystem und die Abschaffung der Studiengebühren; weil sie nicht zahlen wollen, verweigern sie die Einschreibungen und blockieren die Unis. Der Staat schickt Polizeieinheiten, die den geordneten Lehrbetrieb garantieren sollen.

Weiße Leitbilder, weiße Zukunftschancen, weiße Bildungsziele

Es ist vermutlich die größte Protestwelle seit dem Schüleraufstand von Soweto, der im Jahr 1976 das Ende der Apartheid einleitete. Und weil sich die Studenten vielerorts mit unzufriedenen Arbeitern verbünden, fürchtet die Regierung eine Art zweite Befreiungsbewegung. Sie richtet sich gegen die schwarzen Machthaber - und gegen die Weltsicht der Weißen, die in der Post-Apartheid-Gesellschaft nach wie vor alles bestimmt: die kulturellen Normen und Leitbilder, die Verteilung der Zukunftschancen, die Bildungsziele.

Panashe Chigumadzi sagt, es gehe jetzt um die "Dekolonialisierung der Regenbogennation". Sie habe eine tiefe innere Befriedigung empfunden, als die Statue von Cecil Rhodes auf dem Campus der Universität von Kapstadt mit Kot beworfen wurde, bekennt sie.

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Cecil John Rhodes, der britische Erzkolonialist, verkörpert wie kein Zweiter die Eroberung und Plünderung Afrikas. Überall im südlichen Afrika erinnern Denkmäler und Ruhmeshallen an ihn, eine Universität trägt sogar seinen Namen. In England wird Rhodes bis heute verehrt, die schwarzen Studenten Südafrikas hassen ihn. Ihre Hashtag-Kampagne #RhodesMustFall hat im ganzen Land einen regelrechten Bildersturm ausgelöst. Devise: Schluss mit der Verehrung eines Mannes, der für ein perfides koloniales Wertesystem steht, das die "Eingeborenen" zu Menschen zweiter Klasse degradiert.

Dieses System gelte bis heute, sagt Chigumadzi. Man könne als Afrikaner oder Afrikanerin nur aufsteigen, wenn man sich seinen Regeln unterwerfe. Wenn man sich weiße Vornamen gebe, weiße Verhaltensmuster annehme, die weißen Sprachen Englisch und Afrikaans spreche - und dabei die eigene Kultur verleugne. Der Anpassungszwang geht bis zur Haartracht. Afrolook? Dreadlocks? Das ist in Südafrikas Schulen unerwünscht - obwohl die Mehrzahl der Schüler dunkelhäutig ist.

Eine Mittelschicht wie eine Kokosnuss: außen braun, innen weiß

Chigumadzi hat das am eigenen Leib erfahren: Ihre gute Bildung war ein Privileg und zugleich eine Qual. Sie musste einen Teil ihrer Identität aufgeben und mutierte, wie sie sagt, zu einer "Kokosnuss": außen braun, innen weiß. Dieser Ausdruck wird in Südafrika als Schimpfwort gebraucht. Kokosnüsse, das sind Angehörige der angepassten schwarzen Mittelschicht, die gewissermaßen eine Pufferzone zu den radikalen Schwarzen bilden. Aus der Sicht der Weißen sind es die Onkel Toms, die "guten Neger". Für Chigumadzi ist "Kokosnuss" ein Wort, das die Selbstentfremdung der Afrikaner beschreibt. "Wir bewegen uns in Räumen, die nicht unserem Schwarzsein entsprechen."

Sie führen eine Art Doppelleben: Sie sind stolz auf ihr Land, aber wenn etwa die von Weißen dominierte Rugby-Nationalmannschaft spielt, jubeln viele dem Gegner zu, bevorzugt dem Team der All Blacks aus Neuseeland: Das hat mehr indigene Spieler in seinen Reihen. Und wenn zu festlichen Anlässen die mehrsprachige Nationalhymne erklingt, singen sie die dritte Strophe (in Afrikaans) und die vierte (in Englisch) nicht mit. Sie lesen wieder die Klassiker des Befreiungskampfs: Frantz Fanon, Amílcar Cabral, Robert Mangaliso Sobukwe. Manche lehnen sogar Kontakte zu weißen Altersgenossen ab, um sich keinerlei subtilen rassistischen Kränkungen auszusetzen. Solche Verwerfungen zeigen den Zwiespalt, in dem sich junge schwarze Südafrikaner befinden. Sie stehen am Ende des Regenbogens und suchen nach einer neuen kulturellen Identität.

Statue von Cecil Rhodes Zur Großansicht
AP

Statue von Cecil Rhodes

Panashe Chigumadzi ist durch die Analyse ihrer Generation ein bisschen berühmt geworden. Ihre Vorlesung wurde in den sozialen Medien als Meilenstein zu einer neuen Black-Consciousness-Bewegung gefeiert. Am Ende sagt Chigumadzi: "Egal, wie hart wir arbeiten oder wie gut wir sprechen, wir werden immer Schwarze bleiben." Was es jetzt brauche, sei "die mentale Befreiung".

Auch symbolische Aktionen sind Teil dieser Befreiung. Am 9. April vergangenen Jahres wurde die Bronzestatue von Cecil Rhodes vom Campus der Universität Kapstadt entfernt. Man sah an diesem Tag Tausende schwarze Studenten so freudig tanzen, als hätten sie gerade ein Gespenst der Vergangenheit ausgetrieben. Es waren übrigens auch weiße Studenten und Professoren darunter, und für einen Augenblick schien es, als leuchte der Regenbogen noch einmal kurz auf.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Wie kann das sein?
eswirdbesser 28.02.2016
Der ANC ist seit 1994 Regierungspartei. Das sind jetzt 22 Jahre. Der aktuelle Vorsitz setzt sich nur aus Schwarzafrikanern zusammen mit dem lächelnden Jacob Zuma als Präsident. Dieser Staat anwortet mit der Polizei ? Die mehrheitlich eh Schwarz ist. Aber im Artikel wird behauptet die "Weissen" sind schuld. So, so. Fasst euch an die eigene Nase, liebe Studenten.
2. Zuma
der Bulle 28.02.2016
Ist das wirklich so? Wenn man sich mit der weißen Mittelschicht in SA unterhält, hört man anderes. Zuma und sein korrupter ANC richten das Land zugrunde. Ich erinnere, Zuma ist schwarz und nicht weiß.
3.
augu1941 28.02.2016
Sehr verständlich, dass die Denkmäler von C.Rhodes gestürzt werden, in der ehemaligen DDR verschwanden die Lenin-Denkmäler auch nach 1990.
4. Diversity
realburb 28.02.2016
Es sind genau diese Aufgaben und Fragen, die heterogene Gesellschaften so viel effektiver, als homogene Gruppen machen. . . Genau aus diesem Grund ist es auch wichtig bei uns mehr Wert auf diversity zu legen, wir können nur profitieren!
5. Aber...
cottage 28.02.2016
... Gleichzeitig verbrennen die Demonstranten die Infrastruktur, die zum Lehren kritisch ist: letztens sind an der Uni von Potchefstroom drei Gebäude, inkl. das der Naturwisschenschaftsfakultät, abgebrannt worden. Die Demos sind gewalttätig und Nichtdemonstranten, häufig schwarze Studenten armer Familien, werden durch Zwang und Gewalt vom Lernen abgehalten. Die Demonstranten ignorieren alle Versuche, Frieden durch Verhandlungen wieder herzustellen. Offizielle Studentenvertretungen werden von den Demonstranten ignoriert. Die Demo-Organisation hat keine offiziellen Sprecher oder Führung - sodass es unmöglich ist, sie zu engagieren. Viele Studenten behaupten, dass die Demonstranten eine krasse Minderheit darstellen, die aber durch den Einsatz von Gewalt alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es heißt, dass Universitäten auch im Lehrinhalte entkolonialisiert werden sollen. Was das heißt, erklärt keiner. Nur im Falle zweier Unis gibt es konkrete Forderungen: Afrikaans als Lehrsprache abzuschaffen. Aber an den Mehrheit der Unis wird nicht mehr in Afrikaans unterrichtet. Zusammengefasst: die Demonstranten mögen einige valide Beschwerden haben (zB, dass Unigebühren für Familien mit niedrigem / keinem Einkommen, trotz eines Bafög-Äquivalents) hoch sind. Jedoch grenzt ihr Vorgehen an Terrorismus.
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Fläche: 1.220.813 km²

Bevölkerung: 54,002 Mio.

Hauptstadt: Pretoria

Staats- und Regierungschef: Jacob Zuma

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Titelbild
Heft 1/2016 Die skurrile Angst vor Spoilern