Von Lena Greiner
Als in seiner Heimatstadt im Süden Syriens der Bürgerkrieg begann, fing Belal an, nachts in einem Ulmer Krankenhaus zu arbeiten. Der 27-jährige Medizinstudent bangte plötzlich nicht mehr nur um seine Familie in Daraa, sondern auch um seine wirtschaftliche Existenz in Deutschland. Das Juweliergeschäft des Vaters war bei einem Straßenkampf zerstört worden, sagt Belal, die Großfamilie konnte sich kaum mehr selbst versorgen. Den im Ausland studierenden Sohn schon gar nicht.
Belal legte seine Doktorarbeit auf Eis und verschob seine Famulatur. Doch seinen syrischen Kommilitonen ging es bald genauso: Sie konkurrierten um die Nachtdienste, und es reichte Belal wieder nicht zum Leben. Der angehende Mediziner arbeitet mittlerweile in einem Möbelhaus-Lager. Wie er sein Studium zügig beenden soll, weiß er nicht. Freunde haben bereits Prüfungen verhauen, weil sie so viel gearbeitet haben - und weil die Sorge um Verwandte und Freunde in der Heimat sie lähmte.
Mehr als 2100 Syrer studieren in Deutschland, meist junge Männer, die sich in technischen, medizinischen oder naturwissenschaftlichen Studiengängen eingeschrieben haben. Einige haben schon Familie, sie leben mit ihren Frauen und Kindern hier. So gut wie alle erhielten Unterstützung aus der Heimat. Doch schon seit Monaten kommt kein Geld mehr an. "Es ist sehr, sehr schlimm im Moment", sagt die Deutsch-Syrerin Suha Osman aus Frankfurt.
Regimekritische Studenten verlieren ihr Stipendium
Der Großteil der Studenten wurde laut dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) von ihren Familien finanziert. Wie Belals Eltern haben die meisten aber nichts mehr. Der Krieg hat ihnen ihre Ladenlokale, Arbeitsmöglichkeiten und Bewegungsfreiheit genommen. Ein anderer Teil, ungefähr tausend Studenten, bekam ein Stipendium der syrischen Regierung. Rund 1500 Euro erhielten sie im Monat, häufig an die Auflage geknüpft, danach für den syrischen Staat zu arbeiten. Einigen Stipendiaten strich die Regierung das Geld, weil sie sich regimekritisch geäußert haben sollen, andere bekamen ganz ohne Begründung nichts mehr. Mittlerweile ist der Bankverkehr zwischen Deutschland und Syrien durch die EU-Sanktionen ohnehin unterbrochen, nur wer Glück hat, erhält hin und wieder eine Überweisung, wenn das Geld über eine Zwischenstation wie Beirut geschickt wurde.
Die Betroffenen geraten in Deutschland in einen Teufelskreis: Als ausländische Studenten haben sie keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Doch wer nicht genug Geld auf dem Konto hat, gefährdet die Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung. Und wer nur geduldet ist - abgeschoben werden Syrer derzeit nicht - darf nicht arbeiten. Einige syrische Studenten sollen unter Todesangst nach Damaskus geflogen sein, um ihr Stipendium persönlich abzuholen, berichten Berater von deutschen Unis. Der Bundesverband ausländischer Studierender forderte mehrmals einen bundesweiten Hilfsfonds, Hochschulen baten den DAAD um ein Notfallprogramm. "Es gibt eine ganze Reihe von humanitären Notfällen", sagt Christian Hülshörster vom DAAD. Doch Hilfe gab es erst mal nicht.
So mussten die Unis lokale Nottöpfe organisieren: Die Uni Köln richtete ein Spendenkonto ein, in Halle hilft die Evangelische Studentengemeinde mit Beratung und einem ökumenischen Nothilfefonds, in Frankfurt stellt der Verein Netzwerk Ausländerstudium etwas Geld zur Verfügung. Schnelle Hilfe und Engagement, das, was die Bundesregierung nicht bereitstellte, kam auch von einem emeritierten Politikprofessor aus Bremen.
In Damaskus würde Mansour sofort festgenommen werden
Eberhard Schmidt erfuhr in einem Fernsehbeitrag von Mansour Ismaiel. Der Germanistikdoktorand aus Homs hat sich in Deutschland der syrischen Opposition angeschlossen. Im Internet verbreitet er Bilder und Videoaufnahmen von Demonstrationen und Ausschreitungen in Syrien, veröffentlicht Statements über die Brutalität des Regimes und ist in staatskritischen Organisationen aktiv. Im Frühsommer 2011 bekam er plötzlich kein Geld mehr, sein monatliches Stipendium war gestrichen worden. In einem Schreiben der syrischen Regierung hieß es, er habe den Ruf seines Landes beschädigt, und es sei Anklage gegen ihn erhoben worden: 300.000 Euro soll er an den Staat zahlen. Am Flughafen würde er sofort festgenommen werden. Er erzählt das ganz ruhig, in fast perfektem Deutsch.
"Mir war klar, dass das Regime etwas machen würde", sagt Mansour. Aber nur zusehen konnte er einfach nicht. Er lebte von seinem Ersparten und bekam ein kleines Stipendium von einem Verein, ein paar Monate ging das gut. Doch wie sollte er seine Promotion über die Medienberichterstattung in Deutschland und Syrien finanzieren? Ohne den syrischen Studenten persönlich zu kennen, schickte Schmidt sofort eine Rundmail an 150 Freunde, Bekannte und Kollegen. Jeder Zehnte machte mit. Seit Mitte Mai erhält Mansour 550 Euro pro Monat aus dem organisierten Privatstipendium.
Jetzt, mehr als 18 Monate nach Ausbruch des Bürgerkriegs, nach mehrmaligen Hilfegesuchen der Union syrischer Studenten und Akademiker, will das Auswärtige Amt doch helfen. 500.000 Euro würden im Herbst für Studenten in Not bereitgestellt, teilte das Ministerium mit. Das Geld soll bald über den DAAD an die Hochschulen verteilt werden.
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