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Terrorverdacht: Qaida-Recherchen bringen britischen Studenten in Haft

In Nottingham sind ein 22-jähriger Student und ein Uni-Mitarbeiter für sechs Tage im Gefängnis gelandet, weil der Student 1500 Seiten eines Qaida-Handbuchs ausdruckte. Er recherchierte für seine Doktorarbeit über Terrorismus. Die Empörung an den Hochschulen ist groß.

Dass er auf einer Website der US-Regierung recherchierte, wurde Rizwaan Sabir zum Verhängnis: Beim US-Justizministerium hatte der 22-jährige Muslim für seine Abschlussarbeit ein Trainingshandbuch der Qaida heruntergeladen - das machte ihn für die britische Polizei zum Terrorverdächtigen.

Sechs Tage musste der Doktorand aus der zentralenglischen Stadt Nottingham in Haft verbringen. Sabir arbeitet gerade an seiner Dissertation zur Strategie der Terrororganisation al-Qaida. Weil die Druckgebühren für die umfangreichen Unterlagen ihm zu hoch waren, leitete Sabir die Datei an den - ebenfalls muslimischen - Universitätsangestellten Hicham Yezza, 30, weiter. Auch Yezza landete für fast eine Woche im Gefängnis, am 20. Mai kamen die beiden wieder frei.

Ein unbekannter Hinweisgeber hatte den vermeintlich dubiosen Kontakt zwischen muslimischem Studenten und muslimischem Mitarbeiter der Polizei gemeldet. Bei Verdacht auf terroristische Straftaten haben die Ermittler große Spielräume, seit in Großbritannien 2001 das Anti-Terror-Gesetz ("terrorism act") verabschiedet wurde. Die Polizei durchsuchte das Haus von Sabirs Familie sowie Büro und Privatwohnung des 30-jährigen Uni-Mitarbeiters. Beim Studenten stellten sie 1500 Seiten mit Informationen über al-Qaida sicher.

Sabirs Anwalt Tayab Ali erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die Behörden: "Bei beiden Universitätsangehörigen wurden behandelt, als wäre sie Teil einer al-Qaida-Zelle", sagte er der Zeitung "Times Higher Education". Student Sabir hat seit seinem Gefängnis-Aufenthalt schlaflose Nächte: "Ich bin völlig gebrochen", berichtete er der Tageszeitung "Guardian". Die Haft habe er als regelrechte Psychofolter erlebt: "Man hat mir dort eine Stellungnahme vorgelesen, in der bestätigt wurde, dass ich ein illegales Dokument heruntergeladen hatte, welches nicht zu Forschungszwecken genutzt werden sollte. Bis heute hat niemand diesen Punkt klargestellt."

Wissenschaftler bangen um akademische Freiheit

Nach eigenen Angaben wurde Sabir ohne jegliche Erklärung entlassen. Schlimmer noch kam für Uni-Mitarbeiter Hicham Yezza aus Algerien: Er wurde zwar zunächst freigelassen, aber kurz darauf erneut festgenommen - diesmal wegen angeblicher Verstöße gegen Einwanderungsgesetze. Nun soll Yezza Großbritannien verlassen. Dagegen protestierte unter anderem Alf Nilsen, ein Forscher an der Nottinghamer Fakultät für Politik und internationale Beziehungen: "Er ist seit 13 Jahren in Großbritannien. Seine Arbeit ist hier, seine Freunde, sein Leben", so Nilsen im "Guardian", "ich glaube, dass dieser Zwischenfall illustriert, welch drakonische Auswirkungen die Anti-Terror-Gesetze haben."

Die britischen Ermittlungsbehörden müssen sich harsche Kritik gefallen lassen: Es sei offensichtlich gewesen, dass Sabirs vermeintlich dubiosen Ausdrucke Teil einer wissenschaftlichen Recherche seien, empört sich Dozentin Bettina Rentz, die den betroffenen Studenten wissenschaftlich betreut. "Die Heftigkeit der Reaktion ist einfach nur irrsinnig", sagte Renz. Ihr Schützling sei ein gewissenhafter Student, der sehr hart an einer wissenschaftlichen Karriere arbeite, versicherte die Betreuerin dem britischen "Guardian".

Professoren der Universität sehen das akademische Klima beeinträchtigst und kritisieren die Ermittlungen gegen den Studenten als "Angriff auf die akademische Freiheit". Zudem fordern sie, dass der Uni-Mitarbeiter nicht abgeschoben wird: "Ich kann keinen Grund erkennen, der eine Notfall-Abschiebung von Herrn Yezza rechtfertigt - außer den, die Verlegenheit der Ermittler zu verschleiern", schrieb der Parlamentsabgeordnete Alan Simpson in einem Brief an den britischen Grenz- und Einwanderungsminister Liam Byrne.

Die Universität von Nottingham hat inzwischen angekündigt, den Fall zu untersuchen. Man müsse diejenigen schützen, die rechtmäßige Forschung in kontroversen Bereichen betrieben. Mitarbeiter der Uni wollen am Mittwoch eine Demonstration für die Meinungsfreiheit veranstalten und vor der Universitätsbibliothek Auszüge aus den Dokumenten vorlesen, die dem Studenten Sabir den Gefängnisaufenthalt bescherten.

Unis als Brutstätte für Terroristen?

In Großbritannien sind in der Vergangenheit wiederholt Studenten ins Visier von Terrorfahndern geraten. Und die Regierung hat die Universitäten in den letzten Jahren immer wieder dazu aufgerufen, jeglichen Verdacht gegen Studenten oder Mitarbeiter umgehend an die Behörden zu melden. Dazu veröffentlichte die britische Regierung im Herbst 2006 auch einen Terror-Leitfaden, der alle Hochschulangehörigen zur Wachsamkeit anhält.

Hintergrund ist die Befürchtung, dass junge Muslime auch an den Universitäten radikalisiert werden. So war einer der Terror-Bomber, die sich am 7. Juli 2005 in London in die Luft sprengten, Absolvent der Leeds Metropolitan University. Einen Beweis dafür, dass er sich dort jemals in einer extremistischen Gruppe engagiert hat, gibt es allerdings nicht.

Eine Studie der Brunel University legte bereits im Herbst 2005 nahe, dass gerade die britischen Universitäten Keimzellen für Extremismus sind. "Auf der einen Seite ist die Universität ein fabelhafter Ort für Integration, Kultur und freie Ideen. Aber auf der anderen Seite bietet sie viele Möglichkeiten für Gruppen, die diese Werte nicht achten", so der Autor Anthony Glees. Er sah 21 britische Hochschulen mit einer "direkten Verbindung zum Extremismus, der zu Terrorismus führt.

Viele Wissenschaftler befürchten, dass Dozenten oder Studenten zu Unrecht ins Visier der Ermittler geraten und eine Atmosphäre permanenter Verdächtigungen das akademische Miteinander trübt. Erst im Februar hatte ein britisches Gericht die Verhaftung von fünf Studenten der Bradford-Universität für unrechtmäßig erklärt, nachdem sie extremistische Websites besucht hatten und zu Gefängnisstrafen verurteilt worden waren. Die Studenten hatten versichert, dass sie sich lediglich über die Ideologie von islamistischen Terroristen informieren wollten und selbst nicht extremistisch eingestellt seien.

wie/jol

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