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Betrug in Thailand: 20.000 Dollar für die perfekte Fake-Bewerbung

Uni-Abschlussfeier in Bangkok: "Sie glauben, Mogeln und Schummeln ist ganz normal" Zur Großansicht
DPA

Uni-Abschlussfeier in Bangkok: "Sie glauben, Mogeln und Schummeln ist ganz normal"

Sie klauen Prüfungsblätter, fälschen Noten, lassen ihre Lebensläufe gegen Geld aufpimpen: Viele thailändische Familien wollen unbedingt ein Kind an eine US-Elite-Uni schicken, zur Not auch mit ausgedachten Heldentaten.

Nui, 20, versucht gar nicht, sich rauszureden. Dass sie betrogen hat, räumt die Studentin ein. Sie hat vor der Klausur im Büro ihres Professors Prüfungsunterlagen geklaut. Nicht, um Klassenbeste zu werden, wie sie sagt, sondern nur, um nicht das Nachsehen zu haben. "Alle machen es, und das ist der einfachste Weg, die beste Note zu bekommen", sagt die Thailänderin, die an der Chulalongkorn-Uni in Bangkok Kommunikation studiert.

Schummeln und Täuschen ist unter Thailands Studenten so stark verbreitet, dass sie an amerikanischen Universitäten schon als schwarze Schafe gelten. "Abgesehen von China dürften Studenten aus Thailand die Schlimmsten sein", sagt der Leiter der Zulassungsstelle einer US-Uni. "Abschreiben und Schummeln ist in den Ländern eine wahre Epidemie und dem muss ein Riegel vorgeschoben werden."

Die renommierte Tufts-Universität in den USA habe im Jahr 2013 ein Viertel aller Bewerbungsunterlagen aus Thailand wegen offensichtlicher Mogeleien aussortiert, berichtete die Zeitschrift "Fortune". Manche hätten Noten gefälscht. Andere hätten sich mit herzzerreißenden Geschichten über persönliche Tragödien beworben, die sich als Fiktion entpuppten. Und dann gab es die selbstlosen Einsätze für Hilfsorganisationen, die gar nicht existieren.

20.000 Euro für die perfekte Uni-Bewerbung

In Bangkok gibt es sogar Agenturen, die gegen Unsummen die Bewerbungsunterlagen "aufpeppen" und ihren jungen Kunden einen Platz an einer Elite-Uni garantieren. Manche kreieren sogar Webseiten für fiktive Hilfsorganisationen und stellen in deren Namen Scheinreferenzen aus. In die Karten lässt sich freilich keine Agentur schauen. Es gehe allein darum, den Studenten mit lauteren Methoden bei den Bewerbungen zu helfen, heißt es unisono.

Gut 20.000 Euro für "Bewerbungsnachhilfe" - das ist in Thailand, wo ein Gymnasiallehrer rund 500 Euro im Monat verdient, sehr viel Geld. In gehobenen Kreisen wird diese Investition aber als nötig angesehen. Ein Kind an einer ausländischen Elite-Uni ist ein Statussymbol. Mit Grüßen von der Tochter in Harvard oder dem Sohn in Oxford ernten auch die Eltern auf Dinnerpartys Lorbeeren, glauben viele.

"Diese Kinder glauben, Mogeln sei ganz normal"

"Es muss eine Top-Universität sein", sagt Eed, Mutter von zwei Teenagern. "Ansonsten fallen wir hinter andere Familien zurück, das können wir uns gesellschaftlich nicht leisten." Sie hat eine Agentur engagiert, die ihrer Tochter, 18, bei den Uni-Bewerbungen hilft. "Sie beteuern, dass alles mit rechten Dingen zugeht", sagt die Mutter.

"Mogeln? Das ist für Studenten doch ganz normal", sagt Thanawat Kheawdoknoi. Der 22-Jährige hat Englisch an der Thammasat-Universität in Bangkok studiert. "Uns wird das ganze Leben lang eingetrichtert, dass jeder danach beurteilt wird, wie smart er ist. Wir brauchen gute Noten. Wie man daran kommt, ist egal - Hauptsache, man hat sie."

"Die Universitäten greifen nicht hart genug durch", sagt Panuwat Panduprasert, Dozent für Politikwissenschaft in der nordthailändischen Stadt Chiang Mai. Doch seit einem prominenten Plagiatsskandal im Jahr 2012 ändert sich etwas. Die Hochschulkommission hat alle Institute angewiesen, Seminar- und Masterarbeiten mit einer Software auf Plagiate zu überprüfen. "Ich habe Studenten schon das Jahr wiederholen lassen, wenn sie aufgeflogen sind", sagt Narudh Areesorn, der früher Wirtschaft an der Mahidol-Universität in Bangkok lehrte. Und die Chulalongkorn-Uni nahm dem Chef der Innovationsbehörde den Doktortitel weg, weil 80 Prozent seiner Arbeit geklaut waren.

Hörkapseln, Miniatursender: So clever schummeln Schüler in China
  • REUTERS/Stringer
    Chinesische Schüler setzen beim Schummeln auf Hightech-Geräte Marke Eigenbau. Vor der diesjährigen Zitterprüfung Gaokao beschlagnahmte die Polizei Utensilien, die der NSA würdig wären.
"Das Dilemma ist: Studenten glauben, jeder macht's und sie befürchten, auf der Strecke zu bleiben, wenn sie nicht auch schummeln", sagt Panuwat. "Eltern, die so etwas unterstützen, und diese Bewerbungsagenturen geben schlechte Beispiele ab", sagt ein Lehrer, der Schüler an seiner Schule in Bangkok bei Uni-Bewerbungen unterstützt. "Diese Kinder gehen in die Welt hinaus und glauben, Mogeln und Schummeln sei ganz normal."

Cod Satrusayang/dpa/lgr

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insgesamt 37 Beiträge
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1. Das ist doch nicht nötig
claus.w.grunow 19.07.2014
Zitat von sysopDPASie klauen Prüfungsblätter, fälschen Noten, lassen ihre Lebensläufe gegen Geld aufpimpen: Viele thailändische Familien wollen unbedingt ein Kind an eine US-Elite-Uni schicken, zur Not auch mit ausgedachten Heldentaten. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/thailand-studenten-schummeln-sich-an-us-elite-unis-a-981531.html
In deutschen Universitäten, die immer beliebter werden, braucht man solche ungerechten und rassistischen Bewerbungen nicht. Außerdem ist alles umsonst und ein Job nach dem Studium gibt es immer - zumindest in der Politik. Die "Begabtesten" können sogar hohe Beamte in Brüssel werden.
2.
herr wal 19.07.2014
Zitat von sysopDPASie klauen Prüfungsblätter, fälschen Noten, lassen ihre Lebensläufe gegen Geld aufpimpen: Viele thailändische Familien wollen unbedingt ein Kind an eine US-Elite-Uni schicken, zur Not auch mit ausgedachten Heldentaten. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/thailand-studenten-schummeln-sich-an-us-elite-unis-a-981531.html
Ich erinnere mich an etliche SPON-Artikel in den letzten paar Jahren, in denen über deutsche Promis mit ähnlichen Erfahrungen berichtet wurde. Die könnten doch in die Welt hinaus gehen und berichten, dass Mogeln und Schummeln evtl. Amtsverlust oder Gefängnis nach sich ziehen kann. Eine solche verstärkte internationale Übernahme von Verantwortung würde bestimmt auch das Lob des Bundespräsidenten finden. „Fairness schaffen ohne Waffen. Tolle Idee; dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin ...“
3. Mogelpackung
pelegrino 19.07.2014
fuenf Jahre Forschung in Thailand zum Thema Regionalentwicklung haben bei mir ein trostloses Bild "entwickelt". Die Schuld dafuer moechte ich weder Schuelern, noch Eltern noch Lehrern zuschieben. Am besten wuerde wohl ein Kommentar aus dem Hause einer auch im Artikel zitierten Institution, auf die Frage wie man das thailaendische Bildungssystem verbessern koenne passen. "Die Schulhaeuser abreissen, die Buecher verbrennen und die Lehrer feuern - danach koennen wir bei 0 anfangen". Meine Nichte sollte Nachhilfestunden in Englisch erhalten - von ihrer Englischlehrerin fuer ungefaehr 50 Euro im Monat. Das von mir gewuenschte Gespraech mit der Lehrerin kam nie zustande. Ihre Qualifikation fuer den Englischunterricht war eine zweijaehrige Taetigkeit am internationalen Flugahfen Suvannaphum in Bangkok. Wie viele junge Leute (auch Studenten angesehener Universitaeten wie Chula, Thammasat, Mahidol und Chiang Mai) spricht meine Nichte im fuenften Jahr Englischunterricht natuerlich kein Englisch. Unterhalten wir uns besser nicht ueber Themenbereiche wie Naturwissenschaften. Uns Deutsche trifft wie alle westlichen Nationen eine Mitschuld am derzeitigen Zustand. Zu lange haben auch wir uns vom Kluengel- und Gaengelsystem der thailaendischen Gesellschaft an der Nase herumfuehren lassen, haben Stipendiaten akzeptiert, wie sie unss von Schulen und Hochschulen praesentiert wurden. Als Ergebnis haben wir heute DAAD_Zoeglinge, die in Deutschland auf Englisch diplomierten und promovierten. Fuehrungskraefte im akademischen Bereich, die zwischen archaischen Erziehungsmethoden (Aufmaersche mit Fahnen, Trommeln und in Uniform unter sengender Sonne um ihren Lehrern die Referenz zu erweisen) und Umweltfrevel (Brandrodung und Muellverbrennung auf ihrem Campus) dahinbalancieren. Um eine Schulnote zu verbessern bedarf es da schon mal einer Ladung Bueffelmist fuer die Plantage des Schulleiters oder um Rabattmarken aus dem lokalen Supermarkt fuer die Mathematiklehrerin. Bedenken wir nun, dass die Lehrer exakt jene Erfahrungen selbst machen durften, so sollten wir uns ueber die beschriebenen Zustaende nicht wundern. Mit Bedauern muss ich feststellen, dass die Realitaet in Thailands Bildungssystem noch weit schlimmer ist...
4.
bigfundamental 19.07.2014
Ich kann bzw. muss dem Artikel leider vollständig zustimmen. Ich selbst habe längere Zeit in Bangkok gelebt und dabei unter anderem an der Chulalongkorn Universität studiert (das Bild oben ist von der Abschlusszeremonie der Chula). Mein Studienfach bestand ausschließlich aus Studenten der Bangkoker Elite. Es war wirklich Teilweise schockierend. Was dort betrogen wurde geht auf keine Kuhhaut. Allgemein muss man leider auch sagen das sich Bangkoks Elite komplett vom normalen Leben in Thailand entfernt hat. Der Schein ist alles. An der Chula gab es unter anderem Kurse wo man mit den Studenten raus aufs Land gefahren ist um zu Zeigen wie Thailand außerhalb der Stadtgrenzen von Bangkok aussieht. Viele der Studierenden waren schon in den USA, Australien und GB gewesen, haben aber nie auch nur einen Fuß außerhalb der Stadtgrenzen von Bangkok gesetzt. Ich kenne selbst auch relativ viele ehemalige Kommilitonen welche nach ihrem Abschluss an eine Elite-US Uni gegangen sind. Den meisten ging es dabei ausschließlich um den Namen der Uni, die Ausbildung selbst ist eigentlich völlig Egal. Meistens kommen diese Studenten dann nach dem Abschluss zurück nach Bangkok und werden durch ihre Eltern in irgendwelche Positionen gehievt. Denn selbst trotz des Abschlusses an einer US-Eliteuni können viele von ihnen in der westlichen Arbeitswelt keinen Fuss fassen. Natürlich habe ich auch sehr positive Erfahrungen mit sehr engagierten Studenten gemacht. Der Großteil der insbesondere aus der Elite stammenden Studierenden war allerdings wie oben beschrieben. Grüße
5. Wo ist das Problem?
polarwolf14 19.07.2014
Die deutschen und internationalen Firmen müssen und wollen getäuscht werden. Sie wollen die Arbeitskraft, der Arbeitnehmer das Geld. Je besser der Bewerber täuscht, desto höher das Gehalt. Man muss die Firmen mit eigenen verlogenen Waffen schlagen und von innen ausnehmen. Soviel Geld machen wie möglich für wenig Arbeit, ist meine Devise. Dazu mit psychologischen Tricks vorgehen und selbst wenn die Abteilung gegen die Wand fährt, eigene Beurteilung schreiben und nächsten Arbeitgeber foppen. Wen interessiert schon die 'Firma' und den 'Chef'? Null Respekt!
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