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Tierischer Studiengang Die Lizenz zum Pferdeflüstern

Tierischer Studiengang: Die Lizenz zum Pferdeflüstern
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2. Teil: Eine Hochschule im Nirgendwo: Keine Bars, keine Discos, keine Männer

Ohne finanzstarke Unterstützer wäre aus ihrem Traum nichts geworden. Die einige Millionen teure Anlage steht auf dem Gelände des Arosa-Resorts, eines Luxus-Sporthotel. Chefin ist Ulrike Haselsteiner, die Frau des Vorstandsvorsitzenden des Baukonzerns Strabag, Hans Peter Haselsteiner. Als Investorin und begeisterte Reiterin unterstützt sie Kutschs Konzept.

Der Studiengang ist in Deutschland bislang einzigartig. In Wien und im baden-württembergischen Nürtingen gibt es ebenfalls Bachelorstudiengänge in Pferdewissenschaften, in Göttingen einen Masterstudiengang - aber mit anderen Schwerpunkten. Andrea Kutsch will vor allem eines: eine überprüfte Reit- und Trainingslehre entwickeln. "Ich möchte die Gewissheit haben, dass das, was ich tue, wirklich der beste Weg ist. Ob es tatsächlich korrekt ist und nicht nur, weil ich das glaube", sagt Kutsch. Der gewaltfreie Umgang mit Pferden steht dabei über allem.

Skeptisch sah das Projekt anfangs die Deutsche Reiterliche Vereinigung. "Es gab bisher keine Kooperation, weil wir die Ausrichtung als zu einseitig empfanden", sagt Thies Kaspareit, Leiter der Deutschen Akademie des Pferdes. "Der Hauptinhalt schien die Lehre von Monty Roberts zu sein. Nach der staatlichen Anerkennung muss man sich die Lehrpläne jetzt ansehen." Die Akademie sei darüber mit Kutsch im Gespräch.

Zweifel an Berufschancen für Pferdeflüsterer

Angesichts der Vielzahl pferdewissenschaftlicher Studiengänge, die es mittlerweile gebe, sagt Kaspareit: "Wir tun uns ohnehin ein wenig schwer zu erfassen, ob es einen Arbeitsmarkt für diese ganzen zukünftigen Akademiker gibt."

Kutsch dagegen ist ganz sicher: Das Pferd sei in Deutschland ein zunehmend wichtiger Wirtschaftsfaktor, der Bedarf nach guten Ausbildern wachse. Stolz führt die Frau mit dem langen blonden Pferdeschwanz über die schmucke Anlage: "Sie werden auf dem ganzen Hof keine Peitsche oder Gerte finden." Auf dem weitläufigen Gelände gibt es eine 1625 Quadratmeter große Reithalle, mehrere Roundpens, eine Führanlage, Reitplätze, helle Ställe für rund hundert Pferde.

Es ist auffallend ordentlich und sauber. Die Stallböden sind aus rutschfestem Material, Kameras hängen an den Decken, in die Wände der Stallgasse sind mehrere Computerbildschirme eingebaut. Jedes Pferd hat hier eine elektronische Karteikarte. Täglich werden Trainingseinheiten, Gesundheitszustand und jedes problematische Verhalten des Tiers eingetragen.

"Das ist eben kein normaler Reitstall, sondern eine Hochschule. Wir wollen ja professionell sein", sagt Stephanie Ziegler, 25. Wie Justine Giolbas, Franziska Görwitz und Stephanie Birk gehört sie zum ersten Jahrgang des Bachelorstudiengangs an der Akademie für Pferdekommunikationswissenschaft. Alle vier bleiben der Hochschule als Mitarbeiterinnen erhalten. Im zweiten Jahrgang sind 14 Studenten. Von Herbst 2010 an will Kutsch jährlich 40 bis 50 Studenten aufnehmen und einen Masterstudiengang anbieten.

4000 Bewerber für 37 Studienplätze

Der Zugang ist jedoch nicht ganz einfach. 4000 Pferdenarren hatten sich 2006 für den ersten Jahrgang beworben, 37 von ihnen wurden ausgewählt. Neben der Hochschulreife müssen die Bewerber das bronzene Reitabzeichen mitbringen und mehrere Tests bestehen: Fitness, Teamfähigkeit, Pferdekenntnis. Von der bunt zusammengewürfelten Truppe blieben nach wenigen Wochen nur vier Studentinnen übrig. Die meisten gingen von selbst, einige wurden gebeten zu gehen. Zudem ist die Ausbildung zur Pferdeflüsterin nicht billig - 3400 Euro pro Semester.

Der Tag beginnt früh mit dem Stalldienst: füttern, Temperatur messen, die Pferde auf die Weide bringen, ausmisten. Von zehn bis 17 Uhr laufen Vorlesungen und Seminare. Neben dem Training der Pferde sind die Studentinnen auch für die Pflege der Reithalle, Ställe und Wiesen verantwortlich. "Wir sollen hier alles lernen, was wir später können müssen, um einen eigenen Hof zu führen", so Stephanie Ziegler.

Viel Ablenkung haben die Mädchen nicht. Erreichbar ist die Hochschule über holprige Straßen, durch dunkle Alleen, vorbei an kleinen Seen - ab in die Einsamkeit 70 Kilometer südöstlich von Berlin: keine Discos, keine Bars, keine Männer.

Pferdeflüstern als Ein-bisschen-Frieden-Rezept?

Auf dem Lehrplan stehen auch Psychologie, BWL und Recht. Über 40 Professoren unterrichten, etwa von der FU Berlin und der Europa-Uni Viadrina in Frankfurt (Oder) sowie Tiermediziner aus Hannover und Zürich. Neben Kutsch geben externe Dozenten wie Monty Roberts und Springreiter Franke Sloothaak ihr Wissen weiter. Mit Springreiter-Legende Paul Schockemöhle gibt es eine feste Partnerschaft, er lässt alle seine Pferde in Bad Saarow ausbilden.

"Wir wollen hier neutral arbeiten und herausfinden, welches die beste Trainingsmethode ist", sagt Kutsch. Steffi Birk etwa testete mit ihrer Abschlussarbeit, wie man ein Pferd am besten zum ersten Mal sattelt: Zuerst einen Gurt, um das Tier an den Druck zu gewöhnen - oder doch gleich den Sattel? Mit 32 Pferden testete sie die Möglichkeiten. Ergebnis: Lieber gleich den Sattel drauf, dann muss sich das Pferd nur einmal an das ungewohnte Ding auf dem Rücken gewöhnen.

Für Kutsch ist Gewaltfreiheit das große Thema ihres Lebens. Nicht nur zwischen Mensch und Pferd, sondern auch zwischen den Menschen - angesichts von Amokläufern und jugendlichen Straftätern. "Diese Kinder müssen lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Gewalt ist niemals eine Lösung, weder im Umgang mit Tieren noch mit Menschen. Und die Pferde können ihnen dabei helfen."

Ein ehrenwertes Ziel. Vielleicht auch ein naives. Tiere spielen zwar in vielen Therapieformen eine Rolle, aber der Glaube, der gewaltfreie Umgang mit Pferden reiche aus, um auch die Welt der Menschen von Aggressivität und Hass zu befreien, scheint ein wenig vermessen. Aber Kutsch ist fest entschlossen: Sie plant ein Pilotprojekt mit Berliner Schulen für gewaltbereite Jugendliche, daneben eine Internetplattform, die Kinder auf der ganzen Welt miteinander vernetzen soll. Im Moment schreibt sie außerdem ein Kinderbuch, auch den Weg in die Politik hält sie sich offen.

Von Catherine Simon, dpa

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