Tierischer Studiengang: Die Lizenz zum Pferdeflüstern

Erst ging Andrea Kutsch beim berühmten Pferdeflüsterer Monty Roberts in die Lehre, dann startete sie eine Fachhochschule für strikt gewaltfreies Pferdetraining. Das Studium ist einzigartig, die Nachfrage hoch - und Kutsch hegt noch große Pläne.

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DPA

Der dunkle Wallach achtet auf die kleinste Bewegung. Seine junge Trainerin spreizt die Finger, das Pferd fällt in Galopp. Sie senkt den Arm, "St. Pauli" wird langsam. Eine kleine Drehung des Körpers, er kommt vertrauensvoll in die Mitte und lässt sich die Stirn kraulen.

Um sich mit Pferden zu verständigen, sind weder Peitsche noch laute Kommandos nötig - und erst recht keine Gewalt. Davon ist Andrea Kutsch, 41, fest überzeugt. Man müsse nur die Körpersprache der Vierbeiner verstehen und anwenden können. Das will Pferdetrainerin Kutsch weitergeben und hat dafür im brandenburgischen Bad Saarow eine europaweit einzigartige Fachhochschule gegründet.

In Jeans, weißer Bluse und Weste lehnt Andrea Kutsch an der Balustrade. Ihre Schülerin Justine Giolbas, 24, braucht kaum noch Hilfe. Ruhig trabt das Pferd, das noch vor wenigen Wochen eingeschläfert werden sollte. St. Pauli war hochgradig aggressiv, ließ niemanden an sich heran, trat heftig um sich.

"Kein Pferd kommt aggressiv auf die Welt", sagt die Pferdetrainerin. Gefährliches Verhalten der Tiere sei immer das Resultat von falschem Verhalten der Menschen. Kutsch will mit dem Pferd ein Team bilden, das Pferd soll freiwillig mitarbeiten: "Alle Pferde auf der ganzen Welt sprechen die gleiche Sprache" - und die funktioniere ohne Worte. Eine schnelle Bewegung, ein direkter Blick in die Augen, nur ein Muskelzucken kann für das Fluchttier Pferd ein Signal sein.

Ego, Stress und Wut draußen lassen

Entwickelt hat die Methode der US-Experte Monty Roberts, Vorbild für den Hollywoodfilm "Der Pferdeflüsterer" mit Robert Redford. Bei seinem Vater musste der heute 74-Jährige zusehen, wie Pferde brutal eingeritten wurden, man ihnen gezielt den Willen brach. Er selbst wurde unzählige Male von seinem Vater geschlagen. Roberts wollte einen anderen Weg gehen. Wochenlang beobachtete er Pferde in freier Wildbahn, wie sie sich verständigen. Ihre Sprache nannte er "Equus" (lateinisch für Pferd) und demonstrierte auf Tourneen rund um die Welt, wie sie die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Vierbeiner verbessern kann.

Justine spricht diese "Sprache" nach drei Jahren Akademie. Das "Join Up" klappt: Wie am Band gezogen folgt St. Pauli ihr durch die runde Holz-Arena, den sogenannten Roundpen. Sie hat sein Vertrauen gewonnen, durch verständliche Signale.

"Jeder kann das lernen, aber dafür sind Engagement, Selbstdisziplin und Lernbereitschaft nötig", sagt Kutsch. Man müsse ein Bewusstsein über die eigene Körpersprache bekommen - und schaffe das nicht an einem Tag. "Ein Pferd merkt, wenn man innerlich unsicher ist. Daher muss man in Einklang mit sich selbst kommen, sein Ego, den Stress und die Wut draußen lassen."

Kutsch begleitete den großen Pferdeflüsterer lange

Was so überzeugend klingt, könnte gleichzeitig das Problem der Methode sein, die Kutsch und Roberts propagieren: Gelingt bei der Arbeit mit dem Pferd etwas nicht, liegt es nicht am System - der Mensch hat etwas falsch gemacht, vielleicht nur ein Detail übersehen. So sichert sich man sich gegen jegliche Kritik ab.

Andrea Kutsch hat bei Roberts gelernt. Im Jahr 1999 machte sie den ersten Kurs auf seiner Farm in Amerika und begleitete ihn später jahrelang bei seinen Tourneen. Sie wurde die erste Trainerin in Deutschland, die Roberts' Methode lehren durfte, gründete ein Trainingscenter, gab zahlreiche Seminare und war Star einer Fernsehserie.

Geboren wurde Kutsch in Frankfurt am Main. Nach einer kaufmännischen Ausbildung arbeitete sie in einer großen Hamburger Werbeagentur, war zwei Jahre lang Profi-Windsurferin und gründete später ihre eigene Firma für Marktforschung. Ihre wahre Berufung waren jedoch immer die Pferde.

"Am Anfang nahm das ja niemand ernst, eine Hochschule für Pferdeflüsterer", sagt Kutsch. Anfang September wurde die 2006 gegründete Akademie als private Fachhochschule staatlich anerkannt. Damit sind nun Bafög-Zahlungen und Stipendien für den Bachelorstudiengang "Pferdekommunikation, Reit- und Trainingslehre" möglich.

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