Benimmkurs für ausländische Studenten: Nein, diese Suppe schlürft man nicht

Von Heike Sonnberger, Ilmenau

Mit dem Zahnstocher bitte vor die Tür! Und immer "Guten Appetit" sagen. In der thüringischen Provinz lernen Studenten aus Kamerun, China und Iran, sich wie Deutsche zu benehmen. Den Tischknigge, den sie bei Klößen und Geschnetzeltem üben, beherrscht allerdings auch manch Einheimischer nicht.

Benimmkurs für Studenten: Im Land der zartgelben Klöße Fotos
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Die Sache mit der Sahnesoße stört Emivette. Salat und Fleisch mit Soße auf einem Teller? "Das schmeckt nicht, das muss man trennen!", sagt die Studentin aus der Republik Kongo. Vor ihr steht ein Teller mit Geschnetzeltem und einem Kloß, drei Blatt Kopfsalat und ein Tomatenviertel liegen am Rand des Hauptgerichts.

Emivette Niongo-Pini, 22, sitzt in einem Gasthaus in der thüringischen Kleinstadt Ilmenau. Wände und Decke sind holzvertäfelt, vor den Fenstern hängen Spitzengardinen. Auf der Theke steht ein Weihnachtsmann mit Rauschebart und Glitzerrobe, daneben ein Fass mit Weintrauben aus Plastik.

Hier soll Emivette üben, sich zu benehmen wie die Landsleute, unter denen sie seit zwei Monaten lebt. "Tischknigge - Esskultur in Deutschland" heißt die Lektion. Emivette und 20 Kommilitonen aus Kamerun, China, Syrien und Iran stecken gerade mitten im Praxisteil. Es gibt Gemüsesuppe, Thüringer Klöße mit Pute und zum Dessert Quarkspeise mit Erdbeeren.

"Niemals" sagen, dass es nicht geschmeckt hat

Die Theorie hatte ihnen Sabine Vana-Stroehla - 45, Pferdeschwanz, sanfte Stimme - am Vormittag beigebracht. Die Trainerin gibt interkulturelle Kommunikationskurse an der Technischen Universität Ilmenau. Darin sitzen all jene Studenten, die sich auf ihre Deutschprüfung für den Hochschulzugang vorbereiten. Die Prüfung müssen sie bestehen, um ein Fachstudium beginnen zu dürfen. In Ilmenau gehören außerdem Verkehrserziehung und der Tischknigge zum Pflichtprogramm.

Vana-Stroehla spielt der Klasse Hörtext Folge neun vor: "Kleine Anleitung zum Restaurantbesuch". Die Studenten erfahren, dass die Deutschen zwar "sehr gesellig" sind, dass man sich aber nicht einfach zu fremden Menschen an den Tisch setzen darf und dass man "niemals" sagen sollte, dass es nicht geschmeckt hat - "es sei denn, das Essen war absolut ungenießbar".

Die eineinhalbstündige Benimmkunde lehrt die Studenten auch, dass sie das Besteck von außen nach innen benutzen sollten, die Gläser von außen rechts nach innen links. Dass sie die Speisekarte zuklappen müssen, damit der Kellner kommt. Wenn sie Messer und Gabel nebeneinander auf den Teller legen, ist er hingegen schnell zur Stelle und räumt ab - "auch wenn Sie gerade erst angefangen haben zu essen", warnt die Dozentin.

An die Wand hat sie ein Bild des heutigen Studienobjekts geworfen: zwei zartgelbe Thüringer Klöße, besprenkelt mit Petersilie, flankiert von Rotkohl und Roulade. Vana-Stroehla erklärt, dass in den Klößen rohe und gekochte Kartoffeln stecken und in der Mitte geröstetes Brot. Und dass jüngere Menschen gern Kloßmasse aus dem Supermarkt kaufen, weil die weniger Arbeit macht.

Sie hat den Kurs mit deutscher Gründlichkeit vorbereitet, für Studenten, die oft nicht einmal in die Mensa gehen, weil sie lieber in den Wohnheimen ihre eigenen Gerichte kochen. "Es geht darum, dass sie sich trauen, ein deutsches Restaurant zu besuchen", sagt Vana-Stroehla. Und falls sie nach der Verteidigung ihrer Doktorarbeit zum Essen eingeladen werden, wissen sie zumindest, dass sie ein Gastgeschenk mitbringen und möglichst geräuschlos speisen sollten.

"Wegducken zur Seite reicht doch!"

Eine Einladung gilt, wenn sie dreimal ausgesprochen wird? Falsch, in Deutschland zählt das erste Mal. Zuerst grüßt der Mann die Frau? "Nein, da gibt es keine Regeln", sagt Vana-Stroehla und lacht. Auf jeden Fall grüßt, wer zuerst den Raum betritt. Zahnstocher benutzt man nicht, wenn andere Gäste dabei sind? Richtig. "Dafür gehen Sie bitte auf die Toilette oder vor die Tür."

Wenn die Studenten aus Pointe-Noire, Lanzhou oder Mashhad sich all dies einprägen und es beherzigen, benehmen sie sich tadelloser als viele Deutsche. Wer verschwindet mit seinem Zahnstocher schon ins Bad? "Wegducken zur Seite reicht doch!", sagt der Betreiber des Crêpes-Stands auf dem Campus. Eine Hand vorhalten meist auch.

Kianoush Tavassoli, 32, kommt aus Mashhad in Iran, und er nimmt den Tischknigge sehr ernst. Wenn er die Deutschprüfung bestanden hat, will er seinen Master in Maschinenbau machen, weil es in Ilmenau schön ruhig und das Leben günstig ist. Und gute Manieren sollen ihm helfen, hier anzukommen. "Wenn ich die Regeln befolge, können die Leute mich hier leichter akzeptieren", glaubt er.

Aber müssen es wirklich so viele Regeln sein? Landry Mekontso Kamta aus Kamerun findet die deutschen Umgangsformen sehr streng. Wie man Messer und Gabel bedient, weiß er längst, das sei zu Hause auch nicht anders. Es sei auch nicht gut, im Restaurant laut zu sprechen oder zu lachen, sagt der 23-Jährige, das störe die anderen Gäste. Aber etwas weniger reserviert könnten die Deutschen schon sein. "Ich war neulich auf einer Party hier in Ilmenau", erzählt er, "und die, die nett waren und mich viel gefragt haben, die waren betrunken."

Nudeln sind keine gelben Bohnen

Zurück im Gasthaus. Jeder hat ein Getränk bekommen, Saft, Kaffee, schwarzen oder grünen Tee. Apfelschorle, das heimliche deutsche Nationalgetränk, bestellt nur die Dozentin. Vana-Stroehla hat den Studenten erklärt, dass die künstliche Topfpflanze auf den Tischen einen Weihnachtsstern darstellt, dass die gelben Stäbchen im Salat Bohnen und keine Nudeln sind und die hellen Schnipsel daneben Weißkohl, kein Chinakohl.

Alle haben "Guten Appetit" gesagt, bevor sie anfingen- bis auf Landry, der hatte seine Suppe da schon zur Hälfte aufgegessen. Das eingelegte Gemüse im Salat sei zu sauer, sagt er, und verzieht das jungenhafte Gesicht. Emivette mochte die Suppe nicht, "zu viel Wasser", einer der Chinesen fand sie zu salzig. Den Kloß haben fast alle gegessen, Emivette hat er an Maniok-Wurzeln erinnert.

Es hat niemanden gestört, dass die Kellnerinnen in ihren gelben T-Shirts die Teller nicht immer von rechts angereicht haben, wie es eigentlich korrekt wäre. Kein Chinese hat seine Suppe geschlürft, obwohl das in ihrer Heimat dazugehört. Und am Ende haben alle Studenten verkündet, dass es ihnen geschmeckt habe, so wie sie es gelernt haben.

Es war nicht leicht für Vana-Stroehla, ein Lokal zu finden, das eine Gruppe junger Gäste aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten bewirten wollte. "Die können ja nicht mal mit Gabel und Messer essen", habe ein Restaurantchef gesagt. Einen Kurs über Gastfreundschaft und gute Manieren für Ilmenauer Wirte bietet die Trainerin allerdings noch nicht an.

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insgesamt 69 Beiträge
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1. ***
nechtan 21.12.2012
Zitat von sysop"Die können ja nicht mal mit Gabel und Messer essen", habe ein Restaurantchef gesagt.
Aber Studieren, seltsam aber an der Stelle natürlich erst mal herzlich willkommen im gastfreundlichen und toleranten Thüringen.
2. Deutsche Arroganz
abalour 21.12.2012
Ausländischen Studenten Tischmanieren beibringen - ein Zeichen von unerträglicher Arroganz der deutschen Gastgeber. In jedem deutschen Lokal findet man massenweise Beispiele von Gästen bei denen ein Benimmkurs dringend erforderlich wäre - dabei handelt es sich aber in der Regel um Deutsche und nicht um Ausländer.
3. k.w.
cektop 21.12.2012
Zitat von sysopEs war nicht leicht für Vana-Stroehla, ein Lokal zu finden, das eine Gruppe junger Gäste aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten bewirten wollte.
Welche Wirtin fragt bei der Reservierung nach dem Herkunftsland der Gäste? Oder ist das nur der Gutmensch-PC-Quotensatz am Ende des belanglosen Artikels?
4. Namen - sonst nie passiert
pauschaltourist 21.12.2012
Zitat von sysopEs war nicht leicht für Vana-Stroehla, ein Lokal zu finden, das eine Gruppe junger Gäste aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten bewirten wollte. "Die können ja nicht mal mit Gabel und Messer essen", habe ein Restaurantchef gesagt.
Sicher - in einer der wirtschaftsschwächsten Gegenden Deutschlands, wo sich Lokale nach jedem Umsatz-€ sehnen, weisen Gastwirte eine Horde hungriger Esser ab. Das musste der Autor vermutlich erfinden, um den Bogen zur Schlusspointe des Artikels spannen zu können:
5. Andere Länder....
waldos 21.12.2012
... andere Sitten. Ich denke daß es gut wäre, wenn die Dozeintin auch den Gastwirten Kurse in Gastfreundschaft anbieten würde. Bei Äusserungen wie "Die können ja nicht mit Messer und Gabel umgehen" hielte ich das für notwendig. Ich war diese und letztes Jahr in Kamerun und habe dort gelernt, daß die Tischsitten zwar etwas anders aber keineswegs unzivilisiert sind, so wäscht man sich dort vor und nach dem Essen grudsätzlich die Hände - sollte auch bei uns Schule machen, wo sich manche nicht mal nach dem Toilettenbesuch die Hände waschen ;-)) Schöne Grüße Walter
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