Traumfach Medizin: Bundesverwaltungsgericht bremst Kapazitätskläger aus

Kaum ein Studium ist so beliebt wie das der Medizin, doch aus Sparsamkeit halten die Bundesländer die Plätze knapp. Seit Jahren gelingt es einzelnen Bewerbern, sich bei Unis einzuklagen. Für Anwälte ein einträgliches Geschäft - das das Bundesverwaltungsgericht jetzt stark einschränkt.

Visite: Wer einen kranken Fuß verarzten will, braucht zunächst mal einen Studienplatz Zur Großansicht
DPA

Visite: Wer einen kranken Fuß verarzten will, braucht zunächst mal einen Studienplatz

Leipzig - Es ist ein Urteil mit Signalwirkung - und eines, dass es Abiturienten, die sich mit einer Kapazitätsklage um einen Studienplatz in Medizin bemühen, künftig schwerer machen wird.

Hochschulen mit Medizinerausbildung legen alljährlich fest, wie viele Studienplätze sie vergeben. Genauso regelmäßig versuchen zu kurz gekommene Bewerber per Gerichtsentscheid nachzuweisen, dass diese Kapazitäten zu klein bemessen waren. Eine baden-württembergische Regelung, die solche Klagen erschwert, erklärte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am Mittwoch als mit Bundesrecht vereinbar. (BVerwG 6 CN 3.10, Urteil vom 23. März 2011)

Ins Medizinstudium an einer staatlichen Hochschule gelangt man in Deutschland regulär auf zwei Wegen: Entweder mit einer Bewerbung im bundesweiten Zulassungsverfahren über die Stiftung für Hochschulzulassung in Dortmund (ehemals ZVS). Oder direkt über die Hochschulen und deren eigenes Zulassungsverfahren.

Vereinfacht zusammengefasst bedeutet das Urteil vom Mittwoch nun: Nur wer bei der ehemaligen ZVS beispielsweise die Uni Heidelberg als Erstwunsch angegeben hatte, kommt dort überhaupt auf die Warteliste für nicht vergebene Studienplätze.

Klagt nun der Bewerber und stellt ein Gericht fest, dass Heidelberg tatsächlich zu wenig Plätze bereitgestellt hatte, kommt er nur zum Zug, wenn er die Stadt als liebsten Studienort auf seiner Liste hatte. Nur an der Wunsch-Uni kann demnach eine Klage erfolgreich sein. Ein Trick der baden-württembergischen Behörden, um sich die Kapazitätskläger effektiv vom Leib zu halten, kritisieren Anwälte, die sich auf solche Klagen spezialisiert haben.

Rat der Juristen: Bewerbt euch dort, wo man am besten klagen kann

In Deutschland wollen seit Jahren mehr Schulabgänger Ärzte werden, als es dafür Ausbildungsplätze gibt. Der Grund: Kein Studienplatz kommt die Bundesländer so teuer, wie der für einen Nachwuchsarzt, in die Bildungs- und Forschungsetats der Bundesländer reißt die Uni-Medizin große Lücken.

Die Folge der künstlichen Verknappung: Ein strenger Numerus Clausus, der ein sehr gutes Einser-Abitur quasi voraussetzt, Wochen bangen Wartens wegen des Studienplatzlottos der Hochschulen und der ehemaligen ZVS - und immer wieder der Versuch von Schulabgängern, sich per kostspieliger Kapazitätsklage doch noch einen Platz zu sichern. Andere zahlen gleich Unsummen an private Unis oder wandern aus, nach Holland, Österreich oder anderswohin. Weil in Deutschland zugleich Ärzte fehlen, kündigte Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) zwar einen leichteren Zugang zum Medizinstudium ohne NC an - doch das blieb bislang ein Lippenbekenntnis.

Ausgangspunkt für die höchstrichterliche Entscheidung aus Leipzig war die Klage eines Studienplatzbewerbers vor dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim (VGH Mannheim, 9 S 1858/09, Urteil vom 29. Oktober 2009) gegen die restriktive Landesregelung Baden-Württembergs. Mit der Entscheidung vom Mittwoch bestätigten die Leipziger Richter das Mannheimer Urteil und wiesen die Revision des Klägers zurück. Damit ist die Regelung des Landes Baden-Württemberg nun höchstrichterlich absegnet - und wird wohl Nachahmer in anderen Bundesländern finden, glaubt ein Zusammenschluss von sieben auf Kapazitätsklagen spezialisierten Anwälten.

Wohnt in Ihnen ein Arzt?
dpa
Sind Sie fit genug für ein Medizinstudium? Muster erkennen, naturwissenschaftliches Verständnis, Schlauchfiguren: Testen Sie, ob ein Arzt in Ihnen steckt - im SPIEGEL-ONLINE-Medizinertest.
Die Juristen, die sich studentenfreundlich "Rechtsanwälte gegen Numerus Clausus" nennen und mit den oft kostspieligen Mehrfachklagen gutes Geld verdienen, fürchten nun, die Gerichtsentscheidung erschwere "den Rechtsschutz für Studienbewerber erheblich". Das Urteil bringe eine "erhebliche Beschränkung der Klagemöglichkeiten um einen Medizinstudienplatz" an den 34 deutschen medizinischen Fakultäten mit sich.

Der etwas merkwürdige Rat, den die Profi-Kläger aus dem Urteil ableiten: Bewerber sollten schon bevor sie ihr Interesse an einem Medizinstudium bei der ehemaligen ZVS bekunden, zum Anwalt gehen - und den liebsten Studienort dann danach wählen, wo eine Klage im Fall des Scheiterns am meisten Erfolg verspricht. Denn wo kein Kläger, da auch kein Anwaltshonorar.

cht

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 86 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Überbewertet
Mathe-Freak 24.03.2011
Das gesamte Medizinstudium ist absolut überbewertet, für 80% aller Ärzte reicht eine verkürzte Ausbildung ohne Promotion bei weiten aus. Besonders qualitativ kann die Ausbildung ja nicht sein, wenn zum gleichen Krankheitsbild jeder Arzt eine andere Meinung hat oder ein Laie selber besser weiß was für ihn das richtige ist. Mittlerweile lass ich mich lieber vom Apotheker beraten, er scheint mir irgendwie Fachkundiger zu sein. Besonders nach meiner Nachhilfeerfahrungen mit Medizinstudenten, brr dumm wie Brot, keinerlei analytisches Denken, das Niveau der Naturwissenschaften ist unterirdisch, aber ein riesen Ego. (Dafür können sie ganz viele Knochen und Co auswendig, so richtig essenziell ist das, genauso als wenn ein Programmierer lieber alle Befehle kennen müsste als gute Methodik) Im angesicht der Tatsache das es sich in den meisten Fällen um einen recherche Job handelt, lässt sich das sicher auch mit einen Bacherlor bewältigen. Der kostenintensive Rest bleibt für die echten Ärzte reserviert (Chirurgen).
2. Ja, neee iss klar
Sherlock70 24.03.2011
Zitat von Mathe-FreakDas gesamte Medizinstudium ist absolut überbewertet, für 80% aller Ärzte reicht eine verkürzte Ausbildung ohne Promotion bei weiten aus.
Es ist hier die Rede von Medizinern nicht Heilpraktikern.
3. ...
RettetdenUmlaut 24.03.2011
Zitat von Mathe-FreakDas gesamte Medizinstudium ist absolut überbewertet, für 80% aller Ärzte reicht eine verkürzte Ausbildung ohne Promotion bei weiten aus. Besonders qualitativ kann die Ausbildung ja nicht sein, wenn zum gleichen Krankheitsbild jeder Arzt eine andere Meinung hat oder ein Laie selber....
So krass würde ich es nicht ausdrücken, aber ich finde es schade, dass das Medizin-Studium in Deutschland wie in Österreich tatsächlich vollständig auf dem Auswendiglernen von Faktenwissen beruht. Andere Formen der Auseiandersetzung mit Wissen oder auch nur Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens werden gar nicht bzw. kaum gelehrt (z. B. im Reformstudiengang der Uni Wien). Natürlich sollten ÄrztInnen viel wissen, aber gerade solch ein Beruf erfordert meiner Meinung nach mehr als das.
4. -
rotakiwi 24.03.2011
Zitat von Mathe-Freak[...]
Nun, die Ärzte/Medizinstudenten, die ich kenne, machen eigentlich einen ziemlich guten Eindruck auf mich. Harte naturwissenschaftliche oder gar mathematische Kenntnisse sind bei den meisten Krankheitsfällen ja nur indirekt gefordert, viel wichtiger ist oft das Einfühlungsvermögen und menschliche Fähigkeiten besonders im Umgang mit Kindern und verunsicherten Patienten. Für den Rest gibt es Beschreibungen, Richtlinien und andere Forschungsergebnisse. Sie haben auch noch über Apotheker gesprochen: Falls der Apotheker ein Pharmazeut (und keine Apothekenaushilfe) ist, hat er möglicherweise natürlich mehr klassisch-naturwissenschaftliches Gespür als der Durchschnittsarzt.
5. ....
Mathe-Freak 24.03.2011
Zitat von Sherlock70Es ist hier die Rede von Medizinern nicht Heilpraktikern.
Wo ist der Unterschied, außer das ein Heilpraktiker in den meisten Fällen eine bessere Arbeit abliefert? Die ganzen Hausärzte zusammen mit einigen Fachärzten versuchen sich gegenseitig zu überbieten mit ihrer Inkompetenz. Ich hab selber schon Fälle erlebt da stehen einen die Haare zu berge, von Bekannten hab ich noch schlimmeres gehört. Da kam es mal vor das eine Frauenärztin die Patientin zur Chemo drängen wollte, also nicht vom echten Fachmann mit Beratung über Alternativen (die es in diesen Fall zum Glück gab), nein von einer Schrulle die sich in einer Weiterbildung den passenden Schein geholt hat um ihre Bilanz aufzubessern. Also wenn das, das Ergebnis von 5 Jahre Studium sein soll, eine Qualitätsarbeit die ich selber mit Google und Fachliteratur abliefern kann, dann sag ich nur omg... Davon abgesehen gab es doch mal eine Statistik von der Krankenkasse das jede zweite Diagnose falsch ist?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Studienstart
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 86 Kommentare
Fotostrecke
Leichen für die Lehre: Jung-Mediziner singen für Körperspender

Fotostrecke
Salamitaktik: Der teure Umweg zum Traumberuf Arzt