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Tübinger Dauerfehde: Der Chaosforscher und die Windmühlenflügel

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Manche halten ihn für störrisch, er selbst sieht sich verfolgt. Der Tübinger Wissenschaftler Otto Rössler liegt seit Jahren in einem bizarren Clinch mit Land und Hochschule. Nun droht ihm abermals Strafverfolgung. Ein Drama in fünf Akten - als Hauptfiguren treten auf: die Uni, der Forscher, seine Frau und ihr Haus.

Prolog: Ein Mann geht seinen Weg

Freitag, 17. August 2001. Ein älterer Herr geht aus dem Haus und nimmt den gewohnten Weg zur Arbeit. An der Universität zieht er eine Spraydose aus der Tasche und sprüht in großen, etwas ungelenken Lettern neunmal mit blauer Farbe "PUT" an die Aula. Eine Passantin beobachtet ihn und alarmiert per Handy die Polizei. Nach zweistündigem Verhör wird der Mann freigelassen. Am Dienstag darauf entscheidet sich der Rektor, Strafantrag zu stellen, falls die Staatsanwaltschaft nicht selbst ein Verfahren einleitet. Der Sachschaden beträgt nach Angaben der Hochschule rund 10.000 Mark.

Otto Rössler hadert mit seiner Unversität

Otto Rössler hadert mit seiner Unversität

Der Mann heißt Otto Rössler, die Hochschule ist die Universität Tübingen. Das Kürzel "PUT" steht für "Pogrom-Universität Tübingen". Rössler ist dort als Forscher immer dem Chaos auf der Spur. Doch er veröffentlichte nicht nur zahlreiche Werke zur Chaostheorie - in den letzten 13 Jahren verwandelte sich auch sein eigenes Leben in ein einziges Chaos.

Der Wissenschaftler und seine Frau, die Medizinerin Reimara Rössler, sehen sich durch die Universität und das Wissenschaftsministerium verfolgt. Nach einem langwierigen Rechtsstreit wurde kürzlich ihr Haus zwangsversteigert. Das Land hatte Professorenbezüge von 450.000 Mark zurückgefordert und will das Geld mit dem Erlös des Hauses eintreiben - eine verwirrende Geschichte über fachliche Dispute und ihre tragischen Folgen.

Erster Akt: Hinein in den Strudel

Rückblende. 1988 ist die Welt der Rösslers noch in Ordnung. Otto Rössler lehrt an der Universität Tübingen theoretische Biochemie, seine Frau ist C3-Professorin an der Medizinischen Poliklinik. Doch dann wird die Poliklinik aufgelöst und Reimara Rössler ihre Professur für Endokrinologie entzogen. Nun soll die bisherige Laborchefin eine Professur für Gastroenterologie übernehmen. Weil sie das nicht einsieht, beginnt ein Widerspruchsverfahren. Ab sofort forscht die Medizinerin von zu Hause aus und veröffentlicht auch wissenschaftliche Beiträge und Fachbücher - nach Darstellung Otto Rösslers mit offizieller Genehmigung des Wissenschaftsministeriums.

Zwischen der Medizinerin und dem Land Baden-Württemberg entwickelt sich ein zäher Rechtsstreit, der 1993 mit ihrer vorläufigen und 1996 mit ihrer rückwirkenden Entlassung endet. Das Landesamt für Besoldung fordert ihre Bruttobezüge für mehr als vier Jahre zurück. Reimara Rössler zahlt nicht. Sie selbst hält sich in der Öffentlichkeit zurück, doch ihr Mann geht in die Offensive. Die "öffentliche Entehrung durch einen unerhörten Faulheitsvorwurf", so Otto Rössler, kann und will das Ehepaar nicht ertragen.

Zweiter Akt: Von Piloten und chinesischem Gehorsam

1993 und 1994 erreicht der gärende Konflikt neue Höhepunkte. Als Chaosforscher hat sich Otto Rössler längst international einen Namen gemacht. Die Fakultät beharrt darauf, dass er eine Chemie-Einführungsvorlesung für angehende Mediziner anbieten soll. Aber dazu sieht Rössler als Fachfremder keine Möglichkeit. Nach langem Tauziehen übernimmt er die Veranstaltung doch. Auf studentische Nachfrage lässt er jedoch keinen Zweifel daran, dass er lediglich "chinesischen Gehorsam" zeige: Bei diesem Thema sei er "wie ein Pilot ohne Flugschein, aber alle zusammen werden wir die Landung irgendwie schon schaffen".

Nach Auffassung der Fakultät indes muss jeder Spezialist sich an der Grundausbildung von Studenten beteiligen, auch in benachbarten Fachgebieten, für die er nach eigener Aussage keine Lehrbefugnis hat. Nach den deutlichen Worten im Hörsaal entzieht der erboste Dekan dem Hochschullehrer prompt die Veranstaltung. Doch nun will Rössler zwecks Pflichterfüllung - die Lehrbefugnis war inzwischen eingetroffen - die Vorlesung unbedingt halten. Und er hält sie auch, vor der Tür, ein Semester lang - ein "Jour fixe für die örtliche Presse", so später der lakonische Kommentar des Tübinger Uni-Sprechers Michael Seifert. Als Rössler im Hörsaal doziert, wird er dreimal von der Polizei hinausgetragen. Hausverbot hatte er schon, fortan ist er auch vorbestraft wegen Hausfriedensbruchs.

Dritter Akt: Injurien statt Noblesse

Was wie eine Provinzposse begann, zieht weite Kreise. Rössler wählt drastische Protestworte. Den damaligen Tübinger Uni-Präsidenten Adolf Theis nennt er einen "Faschisten" und grollt über die "Unfreiheit der Professoren". Dem Landtag wirft er die Wiedereinführung des "Führerprinzips" an den Hochschulen vor, weil die Rektoren durch das neue Universitätsgesetz Weisungsbefugnis gegenüber den Dekanen, die Dekane wiederum gegenüber den Professoren erhalten. Um die Neuregelung gibt es heftigen Streit, viele Hochschullehrer sehen die Freiheit von Forschung und Lehre gefährdet.

Unterdessen will Minister Klaus von Trotha Rössler zu einer psychiatrischen Untersuchung zwingen, verfolgt die Verfügung aber nicht weiter. Die internationale Forschergemeinde ist alarmiert: 1995 solidarisieren sich 196 Wissenschaftler aus aller Welt in einem offenen Brief an den Minister. Eine Krankschreibung und damit eine Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand lehnen die Rösslers ab. Stattdessen kandidiert Otto Rössler bei den Wahlen zum Uni-Präsidenten, scheidet aber in der ersten Runde aus.

1996 sollen dem umstrittenen Systemtheoretiker gar höchste wissenschaftliche Weihen zuteil werden - der namhafte Tübinger Gehirnforscher Niels Birbaumer schlägt ihn für den Physik-Nobelpreis vor. Rössler sei "international der bekannteste und geachtetste Naturwissenschaftler an der Universität Tübingen in diesem Jahrhundert" und habe "nachhaltig das gesamte Weltbild des modernen Menschen beeinflusst", schreibt Birbaumer in seiner Begründung. Aus dem Nobelpreis wird indes nichts.

Lesen Sie in den Akten vier und fünf, wie der renitente Chaosforscher Rössler die Uni-Aula mit Graffiti besprüht.

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