Türsteher-Apartheid: Schwarzer Student gewinnt gegen Disco

Als Achu Yango in eine Disco wollte, ließ der Türsteher ihn nicht rein - jetzt hat der Student aus Kamerun 500 Euro Entschädigung wegen Diskriminierung zugesprochen bekommen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über das wegweisende Urteil und alltägliche Ausgrenzung in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Herr Yango, Sie erhalten eine Entschädigung von 500 Euro, weil eine Oldenburger Discothek Sie im Februar 2007 als Ausländer abgewiesen hat. Manche nennen das Urteil einen Meilenstein. Was bedeutet es für Sie?

Yango: Ich freue mich, denn durch dieses Urteil wird sich etwas ändern in der Stadt Oldenburg. Ich bin froh, dass wir endlich mal etwas erreicht haben. Ich freue mich auch für Deutschland, wenn es dazu führt, dass Leute aus der Fremde hier herzlicher begrüßt werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber ein Gerichtsurteil verhindert noch keinen Alltagsrassismus.

Yango: Ich hoffe einfach, dass sich die Leute künftig mehr Gedanken machen. Wir haben ein Exempel statuiert. Es ging uns nicht um das Recht, jeden Tag in eine Disco gehen zu können - sondern darum, dass auch kleine Vorfälle berücksichtigt werden müssen. Es ist eine echte Belastung, wenn man sich jeden Tag diskriminiert fühlen muss.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen "wir" und "uns" - wer steht noch hinter Ihrer Klage gegen die Disco?

Yango: An der Universität Oldenburg gibt es einen kamerunischen Verein mit etwa 60 Studenten aus Schwarzafrika. Dort sprechen wir auch darüber, wer welche Probleme hat, auch und gerade mit Diskriminierung. An einem Abend im Februar kamen wir wieder auf das Thema Discobesuche zu sprechen - und Freunde von mir haben gesagt, sie wollten sehen, ob es wirklich so schlimm sei.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind dann in der Gruppe aufgebrochen, um es auszuprobieren. Mit wem waren Sie unterwegs?

Yango: Mit dem Dozenten Claus Melter, seiner Frau, die aus Iran stammt, und einem deutschen Studenten. Claus Melter meinte, dass wir es vielleicht am Türsteher vorbeischaffen, wenn ich mit genügend Leuten da bin.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie schließlich bei der Disco ankamen - was ist dann passiert?

Yango: Einer der drei Türsteher, breit wie ein Schrank, hat viermal gesagt, Ausländer kämen nicht rein. Die iranische Frau von Claus Melter war aber schon drin. Darauf angesprochen, meinte der Türsteher, nur männliche Ausländer dürften nicht rein. Meine Freunde hatten so etwas noch nie erlebt. Sie wollten wissen, wie der Türsteher darauf komme, und der sagte, es sei die Anordnung vom Chef. Ich wurde auch körperlich angegriffen. Zwei andere Türsteher haben mich aus dem kleinen Flur vor die Disco gestoßen. Meine Freunde waren schockiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft haben Sie solche Probleme?

Yango: Wir im Verein immer wieder. Es gibt zwar Tricks - wenn man zum Beispiel gezielt zusammen mit einer Gruppe von Deutschen ausgeht. Das klappt aber nur manchmal. Wird einer aus der Gruppe abgewiesen, ist die Stimmung schnell im Keller. Insgesamt würde ich sagen: Wenn wir fünfmal ausgegangen sind, kam ich zweimal rein. Insgesamt ist es mir in Deutschland 15- bis 20-mal in fünf Jahren passiert, dass ich abgewiesen wurde. Wir treffen uns dann eben zu Hause oder feiern privat.

SPIEGEL ONLINE: Im Gerichtsverfahren wurden Ihnen ein Vergleich und 1000 Euro angeboten. Warum sind Sie nicht darauf eingegangen?

Yango: Mir ging es nicht um die Entschädigung, sondern um Gerechtigkeit. Darum haben wir den Vergleich abgelehnt, zumal der Discobetreiber seine Schuld nicht eingestehen wollte. Wir wollten eine deutliche Entscheidung und ein Grundsatzurteil. Das Geld werde ich für die antirassistische Arbeit spenden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt im fünften Jahr in Deutschland. Wie geht es Ihnen hier?

Yango: Ich bin gerade gestresst durch meine Masterarbeit, aber generell geht es mir okay. Ich wünsche mir, dass Deutschland ein offeneres Land wird. Aber egal in welchem Land man ist, es ist normal, dass man nicht alles kriegt, was man will. Das ist auch in Kamerun nicht anders.

SPIEGEL ONLINE: Erleben Sie im Alltag häufiger große Beschimpfungen oder kleine Unverschämtheiten?

Yango: Manchmal beim Einkaufen in kleinen Läden oder in Restaurants. Die sagen einem, dass man rausgehen muss. Dann ist man schon blamiert, vor allem, weil dann alle Augen auf einen gerichtet sind. Da sagt man einfach nichts mehr und geht. Mir ist das selten passiert, aber von Freunden aus anderen Städten habe ich es öfter gehört.

SPIEGEL ONLINE: Als die Freundin Ihres Dozenten Ende Juni zum Amtsgericht Oldenburg kam und nach dem Prozess fragte, soll ein Mitarbeiter an der Pforte gefragt haben: "Der mit dem Neger?" ...

Yango: ... das stimmt, einer an der Pforte hat das gesagt. Die Sache ist noch nicht geklärt. Der Richter hatte das zwar angesprochen, was daraus folgt, ist aber offen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie nach dem Master in Deutschland bleiben?

Yango: Nein. Schon als ich gekommen bin, war mein Plan, dass ich hier diese Erfahrung machen und studieren will, dann aber nach Kamerun zurückgehe. Daran hat sich nichts geändert.

SPIEGEL ONLINE: Bisher haben Sie immer darauf bestanden, anonym zu bleiben - aus Angst vor Bedrohungen?

Yango: Ich fürchte mich überhaupt nicht, aber die Diskriminierung von Ausländern ist ein allgemeines Problem. Wenn ich mit dem Namen hier stehe, sieht es aus, als ob es nur mein eigenes Problem wäre. So ist es nicht, viele haben dieses Problem. Darum spielt mein Name eigentlich keine Rolle. Aber schreiben Sie ruhig, dass ich Achu Yango heiße.

Das Interview führte Christoph Titz

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Zur Person und zum Fall
Achu Yango, 27, kam vor fünf Jahren zum Studieren von Kamerun nach Deutschland. Nach seinem Bachelor an der Uni Oldenburg macht er jetzt seinen Master in Ingenieurs-Physik. An der Universität engagiert er sich mit Kommilitonen und Dozenten gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.
Am 10. Februar 2007 wurde Yango vor einer Oldenburger Disco abgewiesen. Er zeigte die Betreiber an. Im Prozess gab der Türsteher an, Yango sei betrunken und aggressiv gewesen; man habe eine geschlossene Gesellschaft gehabt. Er selbst sei Ausländer, und Ausländer seien der Großteil der Disco-Kundschaft, sagte der Türsteher laut "Nordwest-Zeitung" - deshalb würde er nie jemandem mit diesem Argument den Zutritt verwehren. Yangos Begleiter bezeugten jedoch, die Ablehnung sei ausschließlich damit begründet worden, dass Yango Ausländer ist. Auch das Gericht sah am Ende einen Fall von Diskriminierung und sprach dem Studenten 500 Euro Entschädigung zu. Ursprünglich hatte er 2000 Euro verlangt.