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Turbostudium auf Bachelor: Lieber den Stift als den Gesellen

Von Hermann Horstkotte

In vielen Fächern seien Bachelor-Absolventen völlig überflüssig, sagen Bildungsökonomen. Ausgebildete Lehrlinge haben es besser drauf - und mehr Berufspraxis. In die unheilvolle Konkurrenz treibt Studis und Azubis die deutsche Fixierung auf das dreijährige Kurzstudium.

Bachelor-Absolventen (in Bremen): Bitte zum Ende kommen
DPA

Bachelor-Absolventen (in Bremen): Bitte zum Ende kommen

"Ein Studienplatz steht mir von Rechts wegen immer zu, eine Azubistelle jedoch nicht. Die habe ich mir als einer von 5 Glücklichen unter 160 Bewerbern erobert", sagt Nils Gottschalk voller Stolz. Der Abiturient will Fachinformatiker werden. Sein Vater, ein Berufsschullehrer, unterstützt die Entscheidung. "Über die staatlich anerkannten Kammerprüfungen kann Nils es später zum IT Business Engineer bringen", so der Vater. "Der ist genauso befähigt wie ein Wirtschaftsinformatiker von der Fachhochschule, hat aber mehr Betriebserfahrung. Und die kann bei Bewerbungen ausschlaggebend sein."

"Die berufspraktische Weiterbildung in der Informatik erreicht heute Bachelorniveau wie in einem Studium", bestätigt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Warum dann eigentlich überhaupt noch studieren, wenn der Weg über eine Lehre mehr Erfolg verspricht? Das fragen sich immer mehr Abiturienten.

15 Prozent aller Azubis haben heute die Hochschulreife und sagen wie Nils Gottschalk zunächst lieber "Hochschule, nein danke!", erklärt die Berliner Wirtschaftsprofessorin Karin Wagner. Die Anzahl der Studierwilligen in dieser Gruppe sank in den neunziger Jahren von drei Vierteln auf zwei Drittel und stieg erst in letzter Zeit wieder etwas an.

Wettbewerbsnachteil für Akademiker

Aus diesem Wettbewerbsnachteil zieht Hochschullehrerin Karin Wagner jetzt eine radikale Konsequenz: "Da die betriebliche Ausbildung in Deutschland sehr erfolgreich ist, besteht keinerlei Bedarf an einer entsprechenden Bachelorausbildung." Dabei ist der IT-Sektor nach Meinung der Ökonomin nur das Musterbeispiel für alle Arbeitswelten mit zweigleisigen Qualifikationswegen.

Grafik: Umfrage bei Firmen
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Grafik: Umfrage bei Firmen

Bislang hat die deutsche Bildungspolitik berufliche und akademische Ausbildung als zwei getrennte Welten behandelt und unübersehbare Überschneidungen am liebsten als Anreicherung des Wettbewerbs unter den Bildungsanbietern schön geredet. Dagegen fordert Wagner: "Die Qualifikation auf Hochschulebene sollte deutlich über der Berufsbildung liegen." Damit trifft die Professorin der Fachhochschule für Wirtschaft und Technik den wunden Punkt der Studienreform, wie das Expertenecho auf ihre Kritik zeigt.

"In zahlreichen Beschäftigungsfeldern stehen die Bachelor in direkten Wettbewerb mit Absolventen der beruflichen Bildung", sagt Reinhold Weiss vom Institut der deutschen Wirtschaft. Dabei wirke sich die mangelnde Berufserfahrung der Akademiker häufig zu ihrem Nachteil aus, etwa im Vergleich mit dem traditionellen Chemielaboranten oder den zahlreichen weitergebildeten "Fachwirten" im Dienstleistungsbereich, von der Sparkasse über die Sozialversicherungen bis zum Gastgewerbe.

Bitte Abstand halten

So plädiert auch Michael Hartmer vom Deutschen Hochschulverband, der Standesvertretung der Universitätsprofessoren, für ein "Abstandsgebot" zwischen den Ausbildungsanforderungen an Studis und Azubis.

Feinoptiker-Azubi: Besser als Bachelor?
DPA

Feinoptiker-Azubi: Besser als Bachelor?

Peter Gaehtgens, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, mahnt seine Kollegen, den Bildungsmarkt nicht "zu tief nach unten" auszuschöpfen, zum Beispiel mit einem Bachelor in Architektur, dessen Absolventen günstigstenfalls als Techniker oder Bauzeichner angestellt würden.

Wenn die Hochschulen den Betrieben neuerdings Fachkräfte auf diesem Niveau frei Haus liefern, dann könnten die Unternehmen dazu verführt werden, sich aus der Berufsbildung zurückzuziehen, warnt Kerstin Mucke vom BIBB. Der Dumme wäre der Steuerzahler.

Bildungspolitiker drücken aufs Tempo

Die Kritiker wenden sich nicht gegen den Abschluss Bachelor an sich, sondern gegen die dreijährige Kurzform. So kurz muss es nämlich nicht sein: Die europäischen Bildungsminister lassen ausdrücklich die Wahl zwischen sechs und acht Semestern. Doch in Deutschland drücken die Finanzminister auf die Tube. In Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland mit den meisten Hochschulen und Studenten, haben sich die Wissenschaftsministerin und die Rektoren soeben dem Kurz-Diktat gebeugt. In anderen Bundesländern, etwa in Berlin, sträuben sich die Hochschulen noch gegen das Gebot der Schnelligkeit.

Grafik: Akzeptanz bei Arbeitgebern
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Grafik: Akzeptanz bei Arbeitgebern

"Wenn im dreijährigen Bachelorstudium ein Semester fürs Praktikum und eins für die Abschlussarbeit verbraucht werden, dann würde sich die Theorievermittlung auf vier Semester und damit nahezu auf das Niveau eines Vordiploms begrenzen", rechnet Wagner vor. Andererseits will der Hochschullehrerbund, die Interessenlobby der Fachhochschulprofessoren, nicht auf das bewährte Praxissemester verzichten.

Ausbildungsexpertin Kerstin Mucke spricht von einem bildungspolitischen "Paradox": "Die Bachelorausbildung soll laut Gesetz berufsqualifizierend sein - und jetzt droht beim abgespeckten dreijährigen Studium ausgerechnet der Verlust der Praxisphase!" Um die Absolventen dann wirklich betriebstauglich zu machen, müssten die Arbeitgeber erweiterte Traineeprogramme einführen. Die kosten Geld und führen nahezu zwangsläufig zu niedrigeren Einstiegsgehältern.

Längere Studiengänge im Ausland

Nach gängiger Meinung orientiert sich der deutsche Bachelor an ausländischen Vorbildern. Tatsächlich ist jedoch in den USA ein vierjähriges Erststudium üblich - weshalb das kürzere deutsche dort auf großes Misstrauen stößt. In England gibt es zwar schon einen Hochschulabschluss nach drei Jahren, allerdings keine Konkurrenz mit einem ausgefeilten Berufsbildungssystem deutscher Art.

Auch französische Abiturienten sind schon nach sechs Semestern Bachelor, erläutert Harald Schraeder von der Hochschulrektorenkonferenz in Bonn. "Sie mögen dann etwa als Sachbearbeiter unterkommen. Sie können aber auch ohne weiteres ein Jahr länger bis zum 'Master I' studieren. Erst danach wird gesiebt, um die richtigen Bewerber für den 'Master II' nach fünf Jahren herauszufiltern." Mit der starren Fixierung auf das sechssemestrige Kurzstudium isoliert sich Deutschland international - anstatt sich an den stets hoch gelobten ausländischen Vorbildern tatsächlich ein Beispiel zu nehmen.

Wissenserwerb wird abgewürgt

Derzeit machen in Deutschland ebenso viele Studenten ihr Diplom wie in England den Master. Das haben Wagner und Kollegen von der London School of Economics in einer vergleichenden Untersuchung im Bereich der Informatik festgestellt. Im geistigen Kraftwerk der modernen Wissensgesellschaft und ihrer Wirtschaft dürfte Deutschland zurückfallen, wenn nach einem verbindlichen Beschluss der Kultusministerkonferenz den meisten Hochschülern das Weiterstudium zum Master versagt wird.

Nordrhein-Westfalen legt die Regelung vom Jahre 2003 heute so aus, dass jeder zweite Bachelor-Student an der Uni weitermachen kann, aber nur jeder dritte an der Fachhochschule. Niedersachsen will höchstens die Hälfte der fertigen Bachelor in die Masterphase lassen. Ob die Zulassungshürden in Quoten oder wie in Baden-Württemberg in besonders guten Noten bestehen, läuft letztlich auf dasselbe Resultat hinaus: So oder so wird die Zahl der Höherqualifizierten begrenzt.

"Ursprünglich sollte das gestufte Bachelor-Master-System die akademische Ausbildung durchlässiger machen", erklärt Franziska Schreyer vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. "Stattdessen führt die Neuerung mit den Noten- und Quoten-Barrieren aber zur Deckelung des Akademikernachwuchses."

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