Von Johann Grolle
Was da geschieht, ist in den Augen des Stiftungspräsidenten Roth eine "kleine Revolution". Generalsekretär Gerhard Teufel spricht gar von einem "historischen Tag", von einem "wichtigen Schritt hin zur Demokratisierung", von "mehr Teilhabe von jedermann".
Denn die gut tausend Kandidaten, die ihr Denkvermögen an diesen beiden Tagen miteinander messen, tun dies auf eigenen Wunsch. Sie haben sich selbst beworben, und bis vor kurzem wäre das undenkbar gewesen im Club der Superhirne. "Bisher galt die Devise: 'Begabung kann man nicht selbst erkennen'", erklärt Teufel. "Deshalb konnte man grundsätzlich nur auf Empfehlung aufgenommen werden." Nun aber habe die Stiftung ihre Pforten geöffnet.
Wo immer möglich, wurden besonders jene zur Bewerbung ermuntert, die aus sozial schwachen Verhältnissen stammen. Wer Bafög bekommt oder Eltern hat, die keine Akademiker sind, dem erlässt die Studienstiftung die Hälfte der Bearbeitungsgebühr von 50 Euro.
Teufel bewertet das Experiment schon jetzt als großen Erfolg. 546 der Kandidaten, und damit mehr als die Hälfte, haben den ermäßigten Sozialtarif in Anspruch genommen. Die Zielgruppe sei also erreicht worden.
Kaum ein Arbeiterkind fand den Weg an die Uni
Mit der neuen Besinnung aufs Soziale, so Teufel, knüpfe die Stiftung an ihre Ursprünge an. Denn als das Begabtenförderwerk 1925 gegründet wurde, war die Unterstützung der Armen ausdrücklich Programm.
Kaum ein Arbeiterkind fand damals den Weg an die Uni. Doch der Bedarf an Akademikern wuchs rasch. Sie alle aus der kleinen Bildungselite zu rekrutieren schien kaum möglich. Die moderne Industriegesellschaft konnte es sich nicht länger leisten, die Talente aus den unteren Schichten verkümmern zu lassen. Nach ihnen zu fahnden und sie dann zu entfalten wurde zur Bestimmung der neuen Stiftung. Folglich sollte nur gefördert werden, wer wirtschaftlich bedürftig war.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Aufnahmebedingung aus der Satzung gestrichen. Die Studienstiftung konnte sich nun ganz der Pflege des Geistes widmen. Der soziale Auftrag war erloschen.
Der neuen Aufgabe, die Besten der Besten zu hegen, wandte sich die Studienstiftung mit Inbrunst zu, doch ohne allzu viel Aufsehen. Denn anders als in anderen Ländern war der Begriff Elite spätestens seit den 68er-Protesten verpönt in Deutschland. "Elite mag man in Gottes Namen sein, niemals darf man als solche sich fühlen", so hat es Theodor Adorno einmal formuliert.
In Frankreich führt der Weg an die Spitze in Staat oder Wirtschaft fast zwingend durch die Grandes Ecoles, ehrfurchtgebietende Institutionen. Wer es in England zu etwas bringen will, der tafelt im Talar im prunkvoll-neogotischen College-Speisesaal. Die deutschen Studienstiftler dagegen treffen sich bei Salzgebäck zum Plausch beim Vertrauensdozenten.
Mitgliedschaft im Club der Besten kann Karriere-Türen öffnen
Ohne dass der Durchschnittsstudent viel davon wahrnimmt, hat sich so ein Zirkel der Auserkorenen gebildet, dem inzwischen immerhin ein knappes halbes Dutzend Nobelpreisträger entstammt. Auf der Liste der Ehemaligen finden sich Politiker wie Antje Vollmer oder Georg Milbradt, Künstler wie Anselm Kiefer oder Horst Janssen und Literaten wie Hans Magnus Enzensberger oder Sten Nadolny. Die RAF-Terroristinnen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin strichen ihr Büchergeld ebenso ein wie 3 der 16 aktuellen Karlsruher Verfassungsrichter.
Doch es ist weit mehr als nur das Geld, von dem die Stipendiaten profitieren. Da werden in den Dolomiten gemeinsam Dreitausender erklommen, während man über persische Literatur, Pfadintegrale in der Vielteilchenphysik oder das Verhältnis von Recht und Religion plaudert. Für manch einen können die Kontakte, die er dabei knüpft, die Karriere entscheiden.
Auch nach dem Studium kann die Mitgliedschaft im Club der Besten noch Türen öffnen: Das Stichwort "Studienstiftung" in der Bewerbung verfehlt nicht seine Wirkung auf Personalchefs. Zusätzlich kann man sich auf dem "Kontaktseminar Wirtschaft", das die Stiftung einmal im Semester abhält, in erlesener Gesellschaft in der Kunst des Bewerbungsgesprächs üben - und vielleicht wird man dabei von der Unternehmensberatung McKinsey entdeckt, die bei der Rekrutierung ihres Nachwuchses ganz gezielt in den Gewässern der Studienstiftung fischt.
Da aber Dünkel im Kreis der Hochbegabten ungern gesehen, maßvolle Selbstironie dagegen durchaus willkommen ist, fällt es leicht, die soziale Frage zu verdrängen. Generalsekretär Teufel sagt, auch er habe sich lange in der Illusion sozialer Gerechtigkeit gewogen: "Wir haben uns für fair gehalten."
Drastische soziale Schieflage
Erst als die Stiftung vor anderthalb Jahren die Herkunft ihrer Stipendiaten einmal systematisch erhob, ließ sich die soziale Schieflage nicht länger leugnen. Noch drastischer als die eigene Analyse fiel das Ergebnis einer Untersuchung des Hochschulinformationssystems in Hannover (HIS) aus: In sämtlichen Kirchen- und Parteienstiftungen, so der Befund, werden bevorzugt die Kinder der Reichen und Gebildeten gefördert. Doch nirgendwo ist diese Diskriminierung so drastisch wie bei der Studienstiftung.
Gerade einmal jeder 20. Studienstiftler stammt demnach aus sozial "niedrigen" Verhältnissen. Mehr als vier Fünftel dagegen sind in einem Elternhaus mit "gehobenem" oder "hohem" Status aufgewachsen (siehe Grafik).
Mit der neuen Form der Selbstbewerbung setzt der Club der Hochbegabten nun erstmals ein Signal, diesen Missstand ändern zu wollen. Wie wirksam dies ist, bleibt freilich abzuwarten. Für die gut tausend Bewerber, die in den nächsten Wochen getestet werden, stehen etwa hundert Stipendien bereit. Falls tatsächlich die Hälfte von ihnen an die Söhne und Töchter von Schlossern, Busfahrern oder gar Hartz-IV-Empfängern vergeben werden, würde dies bei derzeit über 3000 Neustipendien pro Jahr nicht mehr als 1,5 Prozent ausmachen.
Da stellt sich die Frage, ob Gerhard Roths "kleine Revolution" nicht doch nur ein Akt politischer Anpassung ist - zumal der Sohn des Fensterputzers so wenig von der Chance auf Selbstbewerbung erfahren wird, wie Eva-Maria Jung wusste, was eine Promotion ist.
Voraussichtlich mehr Büchergeld - aber nicht alle rufen Hurra
Finanziell jedenfalls wird eine andere Veränderung weit mehr ins Gewicht fallen: Nachdem Forschungsministerin Annette Schavan die Begabtenförderung bereits in den vergangenen Jahren drastisch ausgebaut hat, will der Bund nun auch die finanzielle Ausstattung der Stipendien üppiger gestalten: Voraussichtlich ab Oktober wird sich das Büchergeld von 80 auf 300 Euro fast vervierfachen - für alle, auch die begüterten Stipendiaten.
Die streiten sich jetzt heftig. Einige verteidigen die Gleichverteilung. Andere machen sich stark dafür, auf den Geldsegen zu verzichten zugunsten der sozial schwachen Kommilitonen.
Die wiederum freuen sich uneingeschränkt aufs höhere Büchergeld. "Für mich wären diese 300 Euro wirklich viel Geld", sagt die Ludwigshafener Logistikstudentin Sevda Guel. Was die neue Großzügigkeit für die Mehrheit der Bessergestellten bedeutet, darüber mag sie nicht urteilen: "Eigentlich haben die doch alles, was sie brauchen."
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