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Überflieger mit Stipendium Inzucht der Eliten

Stipendien: Geld für Überflieger
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Ingo Römling/ monozelle.de

2. Teil: Wie fair geht es bei der Stipendienvergabe zu? Bei aufmüpfigen Hochbegabten regt sich Protest

Was da geschieht, ist in den Augen des Stiftungspräsidenten Roth eine "kleine Revolution". Generalsekretär Gerhard Teufel spricht gar von einem "historischen Tag", von einem "wichtigen Schritt hin zur Demokratisierung", von "mehr Teilhabe von jedermann".

Denn die gut tausend Kandidaten, die ihr Denkvermögen an diesen beiden Tagen miteinander messen, tun dies auf eigenen Wunsch. Sie haben sich selbst beworben, und bis vor kurzem wäre das undenkbar gewesen im Club der Superhirne. "Bisher galt die Devise: 'Begabung kann man nicht selbst erkennen'", erklärt Teufel. "Deshalb konnte man grundsätzlich nur auf Empfehlung aufgenommen werden." Nun aber habe die Stiftung ihre Pforten geöffnet.

Wo immer möglich, wurden besonders jene zur Bewerbung ermuntert, die aus sozial schwachen Verhältnissen stammen. Wer Bafög bekommt oder Eltern hat, die keine Akademiker sind, dem erlässt die Studienstiftung die Hälfte der Bearbeitungsgebühr von 50 Euro.

Teufel bewertet das Experiment schon jetzt als großen Erfolg. 546 der Kandidaten, und damit mehr als die Hälfte, haben den ermäßigten Sozialtarif in Anspruch genommen. Die Zielgruppe sei also erreicht worden.

Kaum ein Arbeiterkind fand den Weg an die Uni

Mit der neuen Besinnung aufs Soziale, so Teufel, knüpfe die Stiftung an ihre Ursprünge an. Denn als das Begabtenförderwerk 1925 gegründet wurde, war die Unterstützung der Armen ausdrücklich Programm.

Kaum ein Arbeiterkind fand damals den Weg an die Uni. Doch der Bedarf an Akademikern wuchs rasch. Sie alle aus der kleinen Bildungselite zu rekrutieren schien kaum möglich. Die moderne Industriegesellschaft konnte es sich nicht länger leisten, die Talente aus den unteren Schichten verkümmern zu lassen. Nach ihnen zu fahnden und sie dann zu entfalten wurde zur Bestimmung der neuen Stiftung. Folglich sollte nur gefördert werden, wer wirtschaftlich bedürftig war.

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Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Aufnahmebedingung aus der Satzung gestrichen. Die Studienstiftung konnte sich nun ganz der Pflege des Geistes widmen. Der soziale Auftrag war erloschen.

Der neuen Aufgabe, die Besten der Besten zu hegen, wandte sich die Studienstiftung mit Inbrunst zu, doch ohne allzu viel Aufsehen. Denn anders als in anderen Ländern war der Begriff Elite spätestens seit den 68er-Protesten verpönt in Deutschland. "Elite mag man in Gottes Namen sein, niemals darf man als solche sich fühlen", so hat es Theodor Adorno einmal formuliert.

In Frankreich führt der Weg an die Spitze in Staat oder Wirtschaft fast zwingend durch die Grandes Ecoles, ehrfurchtgebietende Institutionen. Wer es in England zu etwas bringen will, der tafelt im Talar im prunkvoll-neogotischen College-Speisesaal. Die deutschen Studienstiftler dagegen treffen sich bei Salzgebäck zum Plausch beim Vertrauensdozenten.

Mitgliedschaft im Club der Besten kann Karriere-Türen öffnen

Ohne dass der Durchschnittsstudent viel davon wahrnimmt, hat sich so ein Zirkel der Auserkorenen gebildet, dem inzwischen immerhin ein knappes halbes Dutzend Nobelpreisträger entstammt. Auf der Liste der Ehemaligen finden sich Politiker wie Antje Vollmer oder Georg Milbradt, Künstler wie Anselm Kiefer oder Horst Janssen und Literaten wie Hans Magnus Enzensberger oder Sten Nadolny. Die RAF-Terroristinnen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin strichen ihr Büchergeld ebenso ein wie 3 der 16 aktuellen Karlsruher Verfassungsrichter.

Doch es ist weit mehr als nur das Geld, von dem die Stipendiaten profitieren. Da werden in den Dolomiten gemeinsam Dreitausender erklommen, während man über persische Literatur, Pfadintegrale in der Vielteilchenphysik oder das Verhältnis von Recht und Religion plaudert. Für manch einen können die Kontakte, die er dabei knüpft, die Karriere entscheiden.

Auch nach dem Studium kann die Mitgliedschaft im Club der Besten noch Türen öffnen: Das Stichwort "Studienstiftung" in der Bewerbung verfehlt nicht seine Wirkung auf Personalchefs. Zusätzlich kann man sich auf dem "Kontaktseminar Wirtschaft", das die Stiftung einmal im Semester abhält, in erlesener Gesellschaft in der Kunst des Bewerbungsgesprächs üben - und vielleicht wird man dabei von der Unternehmensberatung McKinsey entdeckt, die bei der Rekrutierung ihres Nachwuchses ganz gezielt in den Gewässern der Studienstiftung fischt.

Da aber Dünkel im Kreis der Hochbegabten ungern gesehen, maßvolle Selbstironie dagegen durchaus willkommen ist, fällt es leicht, die soziale Frage zu verdrängen. Generalsekretär Teufel sagt, auch er habe sich lange in der Illusion sozialer Gerechtigkeit gewogen: "Wir haben uns für fair gehalten."

Drastische soziale Schieflage

Erst als die Stiftung vor anderthalb Jahren die Herkunft ihrer Stipendiaten einmal systematisch erhob, ließ sich die soziale Schieflage nicht länger leugnen. Noch drastischer als die eigene Analyse fiel das Ergebnis einer Untersuchung des Hochschulinformationssystems in Hannover (HIS) aus: In sämtlichen Kirchen- und Parteienstiftungen, so der Befund, werden bevorzugt die Kinder der Reichen und Gebildeten gefördert. Doch nirgendwo ist diese Diskriminierung so drastisch wie bei der Studienstiftung.

Gerade einmal jeder 20. Studienstiftler stammt demnach aus sozial "niedrigen" Verhältnissen. Mehr als vier Fünftel dagegen sind in einem Elternhaus mit "gehobenem" oder "hohem" Status aufgewachsen (siehe Grafik).

Mit der neuen Form der Selbstbewerbung setzt der Club der Hochbegabten nun erstmals ein Signal, diesen Missstand ändern zu wollen. Wie wirksam dies ist, bleibt freilich abzuwarten. Für die gut tausend Bewerber, die in den nächsten Wochen getestet werden, stehen etwa hundert Stipendien bereit. Falls tatsächlich die Hälfte von ihnen an die Söhne und Töchter von Schlossern, Busfahrern oder gar Hartz-IV-Empfängern vergeben werden, würde dies bei derzeit über 3000 Neustipendien pro Jahr nicht mehr als 1,5 Prozent ausmachen.

Da stellt sich die Frage, ob Gerhard Roths "kleine Revolution" nicht doch nur ein Akt politischer Anpassung ist - zumal der Sohn des Fensterputzers so wenig von der Chance auf Selbstbewerbung erfahren wird, wie Eva-Maria Jung wusste, was eine Promotion ist.

Voraussichtlich mehr Büchergeld - aber nicht alle rufen Hurra

Finanziell jedenfalls wird eine andere Veränderung weit mehr ins Gewicht fallen: Nachdem Forschungsministerin Annette Schavan die Begabtenförderung bereits in den vergangenen Jahren drastisch ausgebaut hat, will der Bund nun auch die finanzielle Ausstattung der Stipendien üppiger gestalten: Voraussichtlich ab Oktober wird sich das Büchergeld von 80 auf 300 Euro fast vervierfachen - für alle, auch die begüterten Stipendiaten.

Die streiten sich jetzt heftig. Einige verteidigen die Gleichverteilung. Andere machen sich stark dafür, auf den Geldsegen zu verzichten zugunsten der sozial schwachen Kommilitonen.

Die wiederum freuen sich uneingeschränkt aufs höhere Büchergeld. "Für mich wären diese 300 Euro wirklich viel Geld", sagt die Ludwigshafener Logistikstudentin Sevda Guel. Was die neue Großzügigkeit für die Mehrheit der Bessergestellten bedeutet, darüber mag sie nicht urteilen: "Eigentlich haben die doch alles, was sie brauchen."


Autor Johann Grolle, 48, war selbst Stipendiat der Studienstiftung. Ein klassischer Kandidat: Vater und Mutter haben promoviert, mit 14 las er Thomas Mann, mit 18 den "Ulysses", Klavier kann er auch. Nach dem Physikstudium nahm ihn die Henri-Nannen-Schule auf, Eliteschmiede des deutschen Journalismus. Seit 1996 leitet Grolle das Wissenschaftsressort des SPIEGEL.

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insgesamt 223 Beiträge
hadean 21.04.2010
Mannohmann, was ist in diesem unseren Lande passiert? Unter dem Kabinett von Helmut Schmidt durfte ich als "Unterschichtler" ins Gymnasium, incl. Schülerbafög (dies nicht rückzahlbar), in der Oberstufe. Dann habe [...]
Zitat von sysopDeutschland sucht seine Besten. Und findet sie zumeist unter den Kindern von Ärzten, Professoren, Managern. Wer hat, dem wird gegeben - wo aber bleiben die Tochter des Maurers, der Sohn der Friseurin? Bisher werden Genies aus Arbeiterfamilien nur selten Stipendiaten. Das soll sich jetzt ändern. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,688858,00.html
Mannohmann, was ist in diesem unseren Lande passiert? Unter dem Kabinett von Helmut Schmidt durfte ich als "Unterschichtler" ins Gymnasium, incl. Schülerbafög (dies nicht rückzahlbar), in der Oberstufe. Dann habe ich in den Sommerferien bei Mercedes-Benz arbeiten dürfen, ja dürfen. Was heutzutage auch nicht mehr so einfach ist. Und im Studium gings dann auch so weiter, mit Bafög und Benz. Da war dann sogar Geld übrig für gewisse Auslandsreisen, Ägypten, Indien. Und das sind ja auch gewisse Lebenserfahrungen. Und jetzt bin ich als Informatiker mit Physikstudium in Lohn und Brot. Das Studenten-Bafög ist zurückgezahlt. Nochmals, was ist in diesem unsren Lande passiert, dass sowas heutzutage nicht mehr möglich ist? Jetzt frage ich mich,
Sponator 21.04.2010
Es gilt als wissenschaftlich erwiesen, dass Intelligenz zu einem großen Teil vererbt wird. Zudem korreliert der IQ deutlich mit dem sozialen Status. Ergo wird sich der Begabungstest für viele (wenn auch nicht allen) Bewerber aus [...]
Es gilt als wissenschaftlich erwiesen, dass Intelligenz zu einem großen Teil vererbt wird. Zudem korreliert der IQ deutlich mit dem sozialen Status. Ergo wird sich der Begabungstest für viele (wenn auch nicht allen) Bewerber aus sozial schwächeren Familien als Hürde erweisen. http://en.wikipedia.org/wiki/Heritability_of_IQ http://en.wikipedia.org/wiki/IQ#Positive_correlations_with_IQ
GM64 21.04.2010
habe selber nur einen Uni Abschluss, aber wenn ich das Leben meiner Bekannten sehe, die Professor geworden sind, dann kann ich nicht sagen, dass es erstrebenswert gewesen wäre. Der ständige Ortswechsel, und die große Hetzte. Die [...]
habe selber nur einen Uni Abschluss, aber wenn ich das Leben meiner Bekannten sehe, die Professor geworden sind, dann kann ich nicht sagen, dass es erstrebenswert gewesen wäre. Der ständige Ortswechsel, und die große Hetzte. Die jagt nach dem Titel. Und wenn man sieht, was sie der Menschheit hinterlassen haben, dann ist es doch selten etwas Gutes. Eigentlich sind es gnadenlose Egoisten. Bitte sagen Sie mir, in welche Weise die Manager von Goldmann und Sachs die Welt verbessert hätten? Und wenn wir an die Diplomaten denken, dann kann man ja nur sagen, gäbe es keine Herrscher, gäbe es auch keine Kriege. Eigentlich ist es ein Spiel auf Kosten der Anderen. So lange die Menschen nicht zur Empathie fähig sind, wird sich die Welt nicht verändern. Und gerade Mitleid, Hilfsbereitschaft, und Gerechtigkeit, sind diesem Personenkreis eher fremd. Kann mich noch gut erinnern, ich hatte Grippe und 2 Sehnenscheidenentzündungen in den Händen und bin mit dem Bus nach Erlangen gefahren um meinen Tutor Job zu tun. Ich hatte die Studenten gebeten die Tafel zu wischen, weil ich es nicht konnte, aber keiner war bereit es zu tun, also hatte ich es dann getan. Danach fing es an zu Regnen, und ich bat einen Kommilitonen der nach Süden gefahren ist, mich nach Nürnberg mitzunehmen, aber der hat mich auch im Regen stehen lassen. Diese Menschen können viel tun, aber die Welt werden sie nicht verbessern, weil sie keine Sozialkompetenzen haben. Man zahlt zwar ab und zu was für eine Stiftung, geht auf eine Wohltätigkeitsball, oder kämpft für die Umwelt, die Indianer, oder was auch immer, aber das ist nur zur Selbstbefriedigung, hilfsbereit sind sie nicht. Beiweis dafür ist die Inzucht der Eliten. Egoisten bleiben eben unter sich. Leider ist diese Tatsache schon seit Jahrhunderten bekannt, aber die das Wissen haben behalten es für sich, und können sich dennoch nicht ändern. Glücklich wird man in diesem Kreis nicht.
herbert 21.04.2010
"""""Darauf könne und wolle die Studienstiftung keinen Einfluss nehmen, hatte der Stiftungspräsident, Ex-Stipendiat und Hirnforscher Gerhard Roth noch im Vorwort zum Tätigkeitsbericht 2008 verkündet. [...]
"""""Darauf könne und wolle die Studienstiftung keinen Einfluss nehmen, hatte der Stiftungspräsident, Ex-Stipendiat und Hirnforscher Gerhard Roth noch im Vorwort zum Tätigkeitsbericht 2008 verkündet. Intelligenz sei nun einmal "dasjenige Persönlichkeitsmerkmal, das am deutlichsten vererbt wird". Deshalb gelte geradezu als Naturgesetz: "Intelligente Eltern haben in der Regel intelligente Kinder." Im Bewerbungsverfahren irgendwelche Bonuspunkte für Arme zu vergeben sei "nur schwer vorstellbar""""""" Diese Behauptung ist schlicht falsch ! Ich kenne Ärtzekinder, die absolut nicht den IQ der Eltern hatten, die Schule und die Praxis vom Vater zu übernehmen. Das Studium wurde dann im Ausland gemacht, wo man gegen Geld die Prüfungen und Noten verbiegen konnte. Und plötzlich konnten sie doch die Praxis übernehmen. Für ein Studium sind wichtig, eine gesunde Familie, ein vernünftiges Einkommen was zum Facharbeiter bis zum Prof passt. Dann der freie Zugang zu allen Universitäten OHNE Studiengebühren. Kredite vom Staat, die mit Null Zinsen zurückgezahlt werden. Bei sehr guten Leistungen werden die zurückzahlenden Kredite gekürzt. Damals bis zum Bundewskanzler Schmidt war das noch möglich. Dann hat die SPD einen extrem rechten Schwenk gemacht und die CSU noch rechts überholt und seitdem ist es schwer zu studieren. Alles auf den Punkt, es ist eine Frage der Politik und die hat seit Jahren erbärmlich versagt im Schulwesen.
DoktorMS 21.04.2010
Sehr gute Schüler erhalten Stipendien, Schüler mit Kontakten (zu Parteien, ...) auch, gute Schüler mit sehr guten Studienleistungen nicht. Dabei müssten doch gerade die Top-Studenten gefördert werden. Es ist wie so oft ein [...]
Sehr gute Schüler erhalten Stipendien, Schüler mit Kontakten (zu Parteien, ...) auch, gute Schüler mit sehr guten Studienleistungen nicht. Dabei müssten doch gerade die Top-Studenten gefördert werden. Es ist wie so oft ein Alibi-Stipendiensystem. Nicht die besten Studenten werden gefördert, sondern die, die irgendwie und irgendwann einmal ins Stipendiensystem gerutscht sind. Schnelles Studieren wird belohnt mit Geldbeträgen, teilweise geht Schnelligkeit dann sogar über die Leistung. Man müsste einmal eine Statistik führen, wie gut Stipendiaten im Studium sind verglichen mit Nichtstipendiaten. Dann wird man sehen, dass vorwiegend die falschen Studenten Stipendien erhalten.
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Heft 2/2010 Die Überflieger Wer bekommt ein Stipendium - und wer nicht?



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