Von Johann Grolle
Einser-Abitur haben sie ja alle bei der Studienstiftung. Ein Schnitt von 1,1 ist da nicht weiter der Rede wert. Dass Eva-Maria Jung vorzüglich Klavier spielt, versteht sich von selbst. Und auch dass ihre Fächerkombination - Philosophie, Mathematik und Physik - etwas exotisch anmutet, überrascht nicht. Vielseitigkeit ist schließlich Programm.
Während ihres Studiums bekam Eva-Maria Jung als Hochbegabte ihr Geld von der Studienstiftung des deutschen Volkes, und dort war es etwas anderes, was sie hervorstechen ließ: Ihr Vater ist Hauptschullehrer, ihre Mutter hat kein Abitur. Daheim auf dem Land galt das als normale Mittelschichtfamilie. Jetzt, unter den Studienstiftlern, fühlte sie sich plötzlich eher am unteren Rand: "Anfangs kam ich mir schon ein bisschen fremd vor", sagt sie.
Sie staunte, wenn Diplomatensöhne von den Weltreisen mit den Eltern erzählten oder Professorentöchter von den Jahren im englischen Internat. Bei ihr zu Hause im hessischen Butzbach wäre an solche Extravaganzen nicht zu denken gewesen - und nicht nur, weil das Geld nicht gereicht hätte.
"Natürlich brachten die anderen auch wahnsinnig viel Wissen als Hintergrund mit", erzählt die heute 30-jährige Philosophin über ihre Mitstipendiaten. "Aber viel entscheidender war, wie gut die alle das akademische Leben kannten. Ich wusste ja nicht einmal, was eine Promotion ist."
Eintritt in die fremde Welt der Hochbegabten
Größer noch war der Kulturschock für Sevda Guel. Sie ist Türkin und spielt gar kein Musikinstrument. Nicht einmal Abitur hat sie gemacht. Ihr Vater ist Facharbeiter in einem Bauunternehmen, ihre Mutter hat einen 400-Euro-Job als Aushilfe. Aufs Gymnasium zu gehen war in ihrer Familie nie ein Thema.
Nach der Schule machte Sevda Guel eine Lehre. Und erst als sie merkte, dass sie die Arbeit als Außenhandelskauffrau nicht befriedigte, begann sie sich fortzubilden. Hartnäckig stöberte sie im Internet, löcherte Freunde, Bekannte und Behörden. Schließlich hatte sie einen Weg gefunden, wie sie mit Lehre, Berufserfahrung und Weiterbildungen auch ohne Abi studieren konnte. Sie schrieb sich ein im Fachbereich Logistik der Fachhochschule Ludwigshafen.
Gleich im ersten Semester schlug ihr Dozent sie für ein Hochbegabten-Stipendium der Studienstiftung vor. Das haute sie um. Es war der Eintritt in eine fremde Welt. Einmal im Monat trifft sich die 25-Jährige nun mit der Personnage ihres neuen Lebens im Café, mit Leuten, für die Shakespeare, Schubert und Schopenhauer alte Kindheitsvertraute sind. "Es sind Menschen, deren Lebensweg überragender ist", sagt Sevda Guel. Nein, Neid empfinde sie eigentlich nicht. Sie freut sich darüber: "So habe ich Vorbilder."
Jung und Guel sind Fremdkörper im Club der Überflieger. Die meisten Studienstiftler stammen aus gebildetem und aus begütertem Hause. Wer die Liste der Ex-Stipendiaten durchforstet, der stößt auf Arztsöhne und Pfarrerstöchter, auf Kinder von Anwälten, Architekten und Oberstudienräten.
"Wer hat, dem wird gegeben"?
Immer wieder regt sich Widerstand gegen diese Inzucht der Eliten. Denn ist es wirklich Aufgabe der Begabtenförderung, die ohnehin Begünstigten noch besonders zu päppeln? Heißt dies nicht Fördern nach dem "Matthäus-Prinzip": "Wer hat, dem wird gegeben"?
Etwa ein Dutzend Stiftungen in Deutschland spendieren Stipendien für besonders Begabte. Etwa einer von hundert Studenten profitiert davon. Wer aufgenommen ist, erhält meist ein Büchergeld von derzeit 80 Euro monatlich zusätzlich zu dem ihm zustehenden Bafög-Satz. Vor allem aber kann er in erlesenem Kreise teilnehmen an allerlei Workshops, Akademien, Sprachkursen oder Berufsseminaren.
Das elitärste und zugleich mit Abstand größte der Begabtenförderwerke ist die Studienstiftung des deutschen Volkes, mehr als 10.000 Studenten bekommen ihr Geld aus der Zentrale in Bad Godesberg. Die Stiftung sieht ihre Aufgabe darin, die herausragenden Talente aus den Heerscharen deutscher Studenten herauszufiltern. Und dabei hat sich immer wieder aufs Neue gezeigt: Wer nach den Besten sucht, der wird am schnellsten unter den Gebildeten fündig.
Darauf könne und wolle die Studienstiftung keinen Einfluss nehmen, hatte der Stiftungspräsident, Ex-Stipendiat und Hirnforscher Gerhard Roth noch im Vorwort zum Tätigkeitsbericht 2008 verkündet. Intelligenz sei nun einmal "dasjenige Persönlichkeitsmerkmal, das am deutlichsten vererbt wird". Deshalb gelte geradezu als Naturgesetz: "Intelligente Eltern haben in der Regel intelligente Kinder." Im Bewerbungsverfahren irgendwelche Bonuspunkte für Arme zu vergeben sei "nur schwer vorstellbar".
Jetzt gelten solche Glaubenssätze nicht mehr: In sieben deutschen Großstädten vollzieht sich ein radikaler Einschnitt in der Geschichte der altehrwürdigen Studienstiftung - am vergangenen und am kommenden Samstag.
Fünf Stunden Grübeln und Knobeln, die über ihr Leben entscheiden können
1065 Erst- und Zweitsemester sämtlicher Fakultäten stellen sich einem Begabungstest. Fünf Stunden haben sie Zeit, insgesamt 100 Aufgaben zu knacken: fünf Stunden Grübeln und Knobeln, die über ihr Leben entscheiden können.
"Haft, Tadel, Familie, Sonne, Löschung, Widerruf, Schuld, Eintragung, Sühne, Scheidung, Aussage, Hitze ...": Knapp zwei Dutzend derartige Begriffe stehen da zum Beispiel in einer Wolke arrangiert herum. Welche von ihnen gehören zusammen? Wer merkt, dass eine Aussage ebenso widerrufen wie eine Eintragung gelöscht wird, der ist einen Schritt weiter auf dem Weg in die deutsche Studentenelite.
Bei anderen Aufgaben müssen die Kandidaten im Geiste eigenartige Klötze hin und her wenden müssen, verheddern sich in komplizierten Flussdiagrammen, vergleichen Streifen, Karomuster und Pfeile miteinander und versuchen den präzisen Sinn von Gesetzes- oder Lehrbuchtexten zu entschlüsseln.
Die Testbesten werden dann zu Auswahlseminaren geladen, auf denen sie in Diskussionen, Referaten und Einzelgesprächen ihre Brillanz unter Beweis stellen müssen. Auf jene, die auch diese Hürde überwinden, wartet ein Stipendium der Studienstiftung.
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