Studenten vor der Fußball-EM: Renoviert - und dann haut ab

Von und André Eichhofer

Für die Fußball-EM müssen Studenten in der Ukraine ihre Wohnheime räumen. Der Reisekonzern TUI hat die Zimmer für Touristen gebucht. Die Studenten sollen ihre Miete trotzdem weiter zahlen. Wer Glück hat, darf bleiben - wenn er ein paar Stunden pro Tag umsonst arbeitet.

Zimmermangel in der Ukraine: Studenten räumen Wohnheime für Fußballfans Fotos
Masha Stahlberg

Wegen der Fußball-EM muss die Biologiestudentin Anna Iwanowa, 19, bald ihre Koffer packen. Denn ihr Zimmer im Wohnheim Nummer 9 der Kiewer Taras-Schewtschenko-Universität wird dann an Fußballfans vermietet. Am 8. Juni startet die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. "Ich weiß nicht, wo ich während der EM hin soll", sagt Anna.

In den Austragungsorten Kiew, Charkow, Donezk und Lemberg gibt es zu wenig Unterkünfte für Touristen. Tausende Studenten müssen deshalb aus ihren Wohnheimen raus. Eine Entschädigung oder Ersatzunterkünfte bekommen sie nicht. Im Gegenteil: "Die Wohnheimgebühren müssen wir weiter zahlen", sagt Anna. Studenten der Nationalen Medizinischen Universität in Kiew trifft es noch härter. Sie sollen ihre Zimmer vorher renovieren - auf eigene Kosten.

Es ist ein gutes Geschäft für den Reisekonzern TUI. TUI Travel, die Reiseveranstaltersparte der TUI AG in Hannover, und der ukrainische Anbieter Hamalia-Tours haben die Studentenwohnheime gebucht. "TUI Travel Ukraine hat mehr als 150 Verträge zur Unterbringung von Fußballfans abgeschlossen, unter anderem mit Studentenwohnheimen, Pensionen und Hotels", teilte Andrej Stawenko mit, Vertreter von TUI in der Ukraine. Um die Zimmer für Fans zu vermieten, hat TUI eine Buchungsagentur eingerichtet, die Fan Accommodation Agency (FAA). Sie bietet auf ihrer Website Studentenbuden an - für 50 bis 150 Euro pro Nacht.

Die Uni-Verwaltungen müssen nun dafür sorgen, dass die Zimmer rechtzeitig leer stehen - und kassieren dabei offenbar ab. "TUI zahlt eine Kommission von 20 bis 25 Prozent an die Hochschulen", sagt Roman Ponomarenko. Der Hotelexperte ist Chef der Vereinigung der Hostels in der Ukraine. Er weiß, wie das Geschäft mit den Fußballtouristen funktioniert. Die Provisionen flössen über eine Mittelsfirma an die Unis, sagt Ponomarenko. Den Namen der Firma will er nicht enthüllen. Die Kiewer Universitäten äußerten sich nicht zu den Vorwürfen. Telefonanrufe und schriftliche Anfragen blieben unbeantwortet.

Ersatzzimmer können sich Studenten nicht leisten

Katerina Odarchenko studiert an der Taras-Schewtschenko-Universität Politikwissenschaft. Im Dezember trommelte die 20-Jährige ihre Kommilitonen zusammen und organisierte eine Demo gegen den Rauswurf. "Viele sind schockiert und verunsichert", sagt Katerina.

Besonders ungerecht findet sie, dass die Studenten die Wohnheimgebühren weiter zahlen müssen. Das sind umgerechnet 16 Euro im Monat. Für ukrainische Studenten ist das viel Geld, die meisten müssen mit weniger als 100 Euro monatlich auskommen. Ein Ersatzzimmer zu mieten sei fast unmöglich, sagt Katerina. Denn auch private Wohnungsvermieter schlagen während der EM kräftig drauf. Ein Zimmer kostet rund 100 Euro pro Tag, für eine Wohnung sind mindestens 250 Euro fällig.

Im Juni ist in der Ukraine vorlesungsfreie Zeit. Wegen der Fußball-EM wurden sogar die Prüfungen einen Monat vorverlegt. Viele Studenten sind trotzdem auf ihre Wohnheimzimmer angewiesen. "Weil sie einen Job haben oder aus anderen Gründen nicht nach Hause fahren können", sagt Katerina.

Das Wohnheim der Kiewer Medizinischen Universität scheint ideal für Fußballfans zu sein. Der mehrgeschossige Backsteinbau steht in der Nähe vom Michailowski-Platz, bis zum Olympiastadion sind es zwanzig Minuten zu Fuß. Der Nachteil: Das Wohnheim wurde seit den sechziger Jahren nicht renoviert. Bevor Touristen einziehen, sollen Studenten deshalb ihre Zimmer in Schuss bringen. "Die Wohnheimleitung will, dass wir Fenster streichen und tapezieren", sagt Medizinstudent Sergej Krawtschuk. Geld gebe es dafür nicht. Das Wohnheim sei ebenfalls von TUI gebucht worden, berichtete die ukrainische Zeitung "Delo".

TUI ist Exklusivpartner der Uefa für die Fußball-EM in der Ukraine. Im Auftrag des Fußballverbandes soll der Reisekonzern Unterkünfte für Fans bereitstellen. "Rund 800.000 Touristen kommen zur Europameisterschaft in die Ukraine", schätzt Markijan Lubkiwski, Chef des Lokalen Organisationskomitees der Uefa.

Doch das Land zwischen den Karpaten und der Krim ist auf den Touristenansturm schlecht vorbereitet. Es gibt zu wenige günstige Hotelzimmer. Allein in Kiew und Donezk fehlten 12.000 Zimmer, sagte Stawenko von TUI Travel in der Ukraine im Oktober der ukrainischen Zeitung "Iswestija".

Besonders dramatisch ist es in Charkow

TUI habe schon vor Monaten alle Drei-Sterne-Hotels in den ukrainischen Austragungsorten gebucht - zu den damals günstigeren Preisen, berichtete eine TUI-Mitarbeiterin in Kiew. Vor der EM hofften viele Hoteliers aber auf den großen Reibach. Dutzende wollten deshalb Verträge mit TUI platzen lassen und die Preise in die Höhe schrauben, sagt die Mitarbeiterin.

Besonders dramatisch ist die Situation in Charkow. Dort haben elf Hotels ihre Verträge mit TUI gekündigt, jetzt verlangen sie bis zu 300 Euro pro Nacht. Die Studentenwohnheime kommen da wie gerufen. TUI und Hamalia-Tours sollen in Kiew 15 Universitäten unter Vertrag haben, schreibt die Zeitung "Delo".

Die Universitäten benötigen offenbar auch kostenlose Arbeitskräfte. Die Hochschulen hätten ein bizarres Angebot unterbreitet, berichten Studenten. Wer umsonst als Hausmeister in den Wohnheimen arbeite, dürfe sein Zimmer behalten. "Die Uni-Verwaltung hat mir einen Vertrag vorgelegt", sagt Alexander Simonenko, Student an der Kiew-Mohyla-Akademie. "Ich soll während der EM acht Stunden pro Tag im Wohnheim aushelfen, Touristen betreuen und Kisten schleppen." Im Gegenzug dürfe er bleiben, fügt Alexander hinzu. Bis jetzt hat er den Vertrag nicht unterschrieben.

Konstantin Boiko, ebenfalls Student an der Akademie, hat ein ähnliches Angebot erhalten. Konstantin hat Glück, denn er soll "nur" zwei Stunden pro Tag umsonst arbeiten. Er habe bereits zugestimmt, weil er dringend auf sein Zimmer angewiesen sei.

Nicht nur Studenten sollen während der EM Touristen betreuen. In Charkow müssen auch die Professoren ran. Hochschullehrer sollen in den Wohnheimen als Concierges arbeiten, berichtet die Zeitung "Segodnya". Im Gegensatz zu den Studenten würden sie für den Aushilfsjob bezahlt.

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insgesamt 77 Beiträge
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1.
17352ACE 23.04.2012
Das sind unerträgliche Zustände. Selbst würde ich mich dort nicht wohlfühlen mit dem Gedanken, dass ein Student jetzt dafür "unter der Brücke wohnt". Eine Regierung,die so was zulässt, muss ja korrupt bis unter die Haut sein......
2. ...
cato. 23.04.2012
Zitat von sysopFür die Fußball-EM müssen Studenten in der Ukraine ihre Wohnheime räumen. Der Reisekonzern TUI hat die Zimmer für Touristen gebucht. Die Studenten sollen ihre Miete trotzdem weiter zahlen. Wer Glück hat, darf bleiben - wenn er ein paar Stunden pro Tag umsonst arbeitet. Studenten vor der Fußball-EM: Renoviert -*und dann*haut ab - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,828096,00.html)
Nunja in Großbritannien werden die Studenten in der Vorlesungsfreien Zeit auch rausgeschmissen, wenn die Uni ihre Räumlichkeiten vermietet hat ... ob die Studenten aber zu Renovierungsarbeiten verpflichtet sind oder gar in der Zeit weiterbezahlen müssen, müsste ja Vertraglich geregelt sein ...
3.
nick115 23.04.2012
Das kommt eben dabei raus, wenn man die EM in einem Entwicklungsland ohne Rechtsstaat austrägt. Da fährt nicht nur der Justizminister eine in Deutschland geklaute G-Klasse. Zwangsarbeit gibts neben der umfangreichen Prostitution, Korruption und der Mafia auch noch. Viel Spaß allen die freiwillig dahin fahren wollen!
4.
de-be 23.04.2012
Zitat von sysopFür die Fußball-EM müssen Studenten in der Ukraine ihre Wohnheime räumen. Der Reisekonzern TUI hat die Zimmer für Touristen gebucht. Die Studenten sollen ihre Miete trotzdem weiter zahlen. Wer Glück hat, darf bleiben - wenn er ein paar Stunden pro Tag umsonst arbeitet. Studenten vor der Fußball-EM: Renoviert -*und dann*haut ab - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,828096,00.html)
Großveranstaltungen in Diktaturen sind noch niemals eine gute Idee gewesen. Und die Beteiligung eines Tourismuskonzern an den miesen machenschaften ukrainischer Verbrecher sollte nur eine Antwort kennen: Boykottiert TUI!
5. .
L_Kaiser 23.04.2012
Und das mit den Hotels in Charkiw hatten wir ja schon - die unverschämten Hoteliers die 300 Euro pro Nacht verlangen, oder wie in Ihrem letzten Artikel ausführten die Preise um 300% erhöht haben. Ja die ukrainischen Hoteliers sind schon besonders unverschämt. Ich kann diesbezüglich nur wieder auf den Ihnen bereits gesendeten Link der Nürnberger Hotels verweisen. Zimmerpreis jetzt 79,- Euro, zum touristischen weltberühmten Christkindelsmarkt kostet das gleiche Zimmer 189,- Euro, währen der global wichtigen Spielwarenmesse 529,- Euro. Aber in Deutschland ist das nicht unverschämt sondern freie Marktwirtschaft. Die Preise die dort während der Fußball EM aufgerufen wurden konnte ich übrigens leider nicht mehr recherchieren. Ich kann nur hoffen das der Spiegel wieder zu seiner journalistischen Stärke zurückfindet, sich vielleicht auch mit Probleme vor der eigene Haustüre beschäftigt davon gibt es nämlich genug. Oder - entschuldigen Sie das ich das so direkt sage Länder wie Russland und die Ukraine - "Journalisten" wie Ihnen und Ihrem Kollegen die ein Land (in dem es sicherlich auch viele Probleme gibt) versucht bewusst negativ darzustellen die Einreise versagt. Das Studenten Ihre Wohnheime verlassen sollen ist sicherlich nicht gut, aber vielleicht sollte man auch mal darüber nachdenken wer da den Reibbach macht und verdient! Die TUI. Sie zahlt 25% Provision, den Rest streicht Sie ein? Wo dachten den die Manger der TUI das die Studenten die dort leben in der Zeit wohnen werden - Wahrscheinlich haben Sie überhaupt nicht gedacht vor lauter Dollarzeichen in dem Augen. Ja wenn König Fußball kommt gelten eben andere Gesetzte. Das Problem liegt nicht in der Ukraine, das Problem liegt meiner Meinung ganz woanders aber das will ja keiner hören. In den Spiegel schaut man nur gerne wenn dieser - was er normalerweise eigentlich
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