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Umfrage: Hälfte der Deutschen hält Schulsystem für ungerecht

Die deutsche Bevölkerung gibt dem Bildungssystem schlechte Noten: Fast jeder Zweite findet es ungerecht, eine deutliche Mehrheit plädiert dafür, dass Kinder länger gemeinsam lernen sollen - am besten sechs statt nur vier Jahre. Das zeigt eine neue Umfrage.

Im Urteil der Bundesbürger schneidet die Schulpolitik schlecht ab. Fast die Hälfte der Bevölkerung beurteilt das deutsche Bildungssystem als ungerecht. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Emnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Die Eltern schulpflichtiger Kinder sind noch unzufriedener als Erwachsene ohne Schulkinder.

Bei der Umfrage nannten 45 Prozent der 1500 befragten Bürger das deutsche Bildungssystem ungerecht. Unter den Eltern waren es 48 Prozent. Besonders negativ beurteilten Ostdeutsche das Schulsystem - 60 Prozent bezeichneten es als eher oder sogar völlig ungerecht.

Auffällig ist: Etwas mehr als die Hälfte der Eltern von Haupt- oder Gesamtschülern bewerten das deutsche Bildungssystem mehrheitlich als nicht gerecht. Die geringste Ablehnung zeigten Eltern von Gymnasiasten und Realschülern mit jeweils etwa 45 Prozent.

Kinder sollten bis zur sechsten Klasse gemeinsam lernen

Seit Deutschland 2001 durch miserable Pisa-Ergebnisse einen Schock erlebte, ist der künftige Weg des Bildungssystems stark umstritten - vor allem die Frage, wie es mit den Hauptschulen weitergeht, und ob es wirklich sinnvoll ist, die Schüler bereits nach vier Jahren auf unterschiedliche Schultypen zu schicken. In der Studie geht es auch um die Einstellungen zur traditionellen Dreigliedrigkeit des Schulsystems.

Willkommen an der Schule: Viele Deutsche finden das Bildungssystem ungerecht
DDP

Willkommen an der Schule: Viele Deutsche finden das Bildungssystem ungerecht

Das Votum fällt recht deutlich aus: Die Mehrheit der Befragten - und fast 60 Prozent der Eltern - sprachen sich dafür aus, Kinder länger gemeinsam zu unterrichten. Besonders belastet die in Deutschland übliche Selektion nach der vierten Klasse offenbar die Eltern der Grundschüler: Hier sind fast zwei Drittel dafür, die Kinder länger als bislang gemeinsam zu unterrichten.

Noch klarer wird die Absage ans frühe Sortieren bei der Frage, wann Kinder verschiedene Schullaufbahnen einschlagen sollen: Von den Eltern der Schulkinder hält es lediglich etwa jeder vierte für richtig, Schüler schon nach vier gemeinsamen Jahren auf Gymnasien, Real- und Hauptschulen zu verteilen. In den ostdeutschen Ländern befürwortet das sogar nur jeder Fünfte.

Keine gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Eine deutliche Mehrheit ist dafür, Kinder erst später auf unterschiedliche Bildungswege zu schicken. "Nach der sechsten Klasse" als richtigen Zeitpunkt nannte knapp die Hälfte. Immerhin gut jeder Fünfte würde Schüler sogar bis zur neunten Klasse gemeinsam unterrichten lassen.

Zudem bezweifeln drei Viertel der Bundesbürger, dass Jugendliche aller Schichten und aus allen Kulturkreisen nach der Schule die gleichen Berufschancen haben. Eltern schulpflichtiger Kinder sind auch hier deutlich skeptischer als der Bevölkerungsdurchschnitt: 86 Prozent glauben nicht an Chancengleichheit für sozial Schwächere und für Migrantenkinder auf dem Arbeitsmarkt. Am pessimistischsten sind die Eltern der Realschüler: 89 Prozent sehen ungleiche Berufschancen bei unterschiedlicher Herkunft.

Fast 90 Prozent der Befragten forderten, Kinder aus sozial schwachen Familien stärker individuell zu fördern. 62 Prozent wünschen sich mehr Unterstützung für Kinder und Jugendliche ausländischer Herkunft. Dabei gaben zwei Drittel der Befragten an, sie könnten sich vorstellen, diesen Schülern selbst zum Beispiel bei den Hausaufgaben zu helfen.

Großer Zuspruch für die Ganztagsschulen

Nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung hat jede vierte Familie in Deutschland einen "Migrationshintergrund", also mindestens ein Elternteil mit ausländischer Staatsangehörigkeit oder deutscher Staatsangehörigkeit durch Einbürgerung. Die Mehrheit der Befragten fordert faire Bildungschancen ungeachtet der Herkunft der Kinder und Jugendlichen. Emnid befragte für die Studie "Integration durch Bildung" 1000 Bundesbürger ohne und rund 500 Bürger mit mindestens einem Kind in einer Pflichtschule.

Eine deutliche Mehrheit befürwortet die Ausweitung der Ganztagsbetreuung: Gut drei Viertel der Bevölkerung sprechen sich für den Ausbau von Ganztagsschulen aus: bei den Eltern von Gesamtschülern sind es sogar 85 Prozent. Die Mehrheit der Befragten findet außerdem, dass Kinder mehr Lernstoff zugemutet werden sollte.

"Der ausgeprägte Reformwille der Bevölkerung ist eine Chance für den zügigen Umbau unseres Bildungssystems", kommentierte Jörg Dräger die Studie. Dräger war von 2001 bis 2008 Wissenschaftssenator in Hamburg und ist jetzt Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung.

cht/maf/jol/dpa

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Forum - Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
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1.
Peter-Freimann 11.08.2008
Zitat von sysopIn einer Studie zur Gerechtigkeit des Bildungssystems haben die Deutschen hart geurteilt. Fast die Hälfte findet das deutsche System ungerecht. Relativ zufrieden sind noch die Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. Ihre Meinung: Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Es ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
2.
Mad Mace 11.08.2008
Zitat von sysopIn einer Studie zur Gerechtigkeit des Bildungssystems haben die Deutschen hart geurteilt. Fast die Hälfte findet das deutsche System ungerecht. Relativ zufrieden sind noch die Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. Ihre Meinung: Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem?
Das deutsche Bildungssystem ist lediglich ein Spiegel der Gesellschaft. Es gilt als chic, als Besserverdienender auf den Armen herumzuhacken. Steuerhinterzieher und Betrüger werden als Vorbilder präsentiert. Warum sollte das Bildungssystem da anders sein? Da werden dann eben die Hauptschüler als Doofmänner charakterisiert, und Leute die sich lediglich dank ihrer Verbindungen durch Schule und Studium mogeln ohne je etwas verstanden zu haben, sind bereits für Vorstandsposten eingeplant. Sie 'Elitenbildung' ist in Deutschland beschlossene Sache, und diese Elite will unter sich bleiben, eine möglichst kleine Gruppe. Dann bleibt nämlich mehr für jeden. Was das dreigeteilte Schulsystem nicht nachhaltig genug regeln konnte besorgen jetzt die Studiengebühren. Wie gerecht ist das deutsche Bildungssystem? 'Gerecht' und 'deutsch' sollten niemals in einem Satz auftauchen, so gegensätzlich sind die Bedeutungen.
3.
natterngesicht 11.08.2008
Zitat von Peter-FreimannEs ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Werter Peter-Freimann, Ironie wird nicht verstanden. Mit nettem Gruß
4.
Piri 11.08.2008
Zitat von Peter-FreimannEs ist durch und durch ungerecht! Es ist unverkennbar, früher gab es auch Untersuchungen diesbezüglich, dass Schülern mit höherem Intelligenzquotienten ein höherer Bildungsabschluss zuteil wird, Schüler, die im Unterricht sehr autonome, selbstbestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, werden durch schlechtere Benotung stigmatisiert, wenn es auch einige Ausnahmen gibt, bekommen Kinder aus intakten Familien mit höherem Einkommen (Ingenieure, höhere Angestellte ...) und gehobener Alltagskultur im Elternhaus (gemeinsames Essen, Unternehmungen, Gespräche) höhere Bildungsabschlüsse als z.B. die Kinder einer aus dem arabischen Raum eingewanderten Landbevölkerung. Wenig bekannt ist immer noch, wiewohl die Forschung hierüber schon sehr alt ist, dass an den Bildungseinrichtungen auch ein unverblümter Lookism herrscht, Menschen also nach ihrem äußeren Erscheinungsbild beurteilt werden. Die empirische Wissenschaft hat nachgewiesen, das Mädchen, die "hübsch" aussehen, im Durchschnitt bessere Noten im Aufsatz bekommen, als solche, die mit "Schönheitsmängeln" behaftet sind. Besonders ungerecht ist an den deutschen Schulen, durch die Wiedereinführung der Kopfnoten Unterordnung und Gehorsam statt Wissen und kritischer Intelligenz wieder hoffähig zu machen. Es sieht wohl so aus, dass ein ideologisches Interesse daran besteht, das bestimmte Kreise Bildung und Wissen aufgrund ihres elitären Status für sich behalten möchten.
Es sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
5.
Peter-Freimann 11.08.2008
Zitat von PiriEs sieht wohl eher so aus, als wolle man mit solchen "Studien" ein ganz bestimmtes Süppchen am Kochen halten. Ich kann das Wort "Studie" im Zusammenhang mit Bildung nicht mehr hören.
Hallo Piri, mir geht es auch so, man muss sich doch nur in bestimmten Stadtvierteln ansehen, wie Gruppen in unserer Gesellschaft marginalisiert werden, es liegen Studien vor, Zahlen über die gesellschaftlichen Benachteiligungen in Deutschland, eine Ausgrenzung von ganz vielen Kid's, die doch eigentlich unsere Zukunft sein sollen und doch wird nur diskutiert, statt die Weichen zu stellen und wie in Finnland eben alle Kinder ganz individuell in einer gerechten Einheitschule zu fördern, wo sie dann auch mit ihrem eigenen Lernweg respektiert werden. Es muss in den Lehrplänen allerdings noch viel entstaubt und abgespeckt werden, um den heutigen Lebenswelten der Kid's gerechter zu werden und nicht überholte bürgerliche Welten einer vergangenen Klassengesellschaft wie zu Zeiten der "Buddenbrooks" zu transportieren.
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