Umfrage: Studenten rechnen mit Bafög-Ämtern ab

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Chemnitz hui, Marburg pfui: Bundesweit haben Studenten Bafög-Ämter bewertet - und mittlere bis miese Noten verteilt. Freundlich sind längst nicht alle Berater, manche pflegen einen pampigen Ton. Am meisten aber wünschen sich Studenten eine flottere Bearbeitung ihrer Anträge.

"Kurze Wartezeiten, Hilfe auch außerhalb der Öffnungszeiten, Menschlichkeit - es gibt weniges, was das Bafög-Amt Chemnitz noch verbessern könnte." Sofern die Mitarbeiter des Studentenwerks Chemnitz-Zwickau diesen Satz nicht selbst gedichtet haben, ist dem kaum etwas hinzuzufügen. Er stammt aus dem "Studentenbarometer 2008". An der bundesweiten Umfrage auf SPIEGEL ONLINE beteiligten sich rund 5000 Studierende.

Bafög-Ämter: Top Ten 08
Ort Note Trend
1 Chemnitz 2,34
2 Göttingen 2,85
3 Gießen 2,96
4 Greifswald 2,97
5 Freiburg 3,01
6 Osnabrück 3,09
7 Potsdam 3,14
8 Frankfurt/Oder 3,15 -
9 Dresden 3,27
10 Magdeburg 3,30
Zwei Monate lang befragten Aachener Meinungsforscher vom Team Steffenhagen Studenten, die Bafög beziehen, bezogen haben oder deren Antrag noch läuft. Thema: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Bafög-Amt, wie klappt es mit der Beratung?

Wie schon 2006 und 2007 urteilten die Teilnehmer recht hart. Nur an vier Studentenwerke vergaben sie nach der klassischen Schulnoten-Skala Zensuren mit einer Zwei vor dem Komma. Eine ordentliche Dosis Lob erhielten die Bafög-Ämter in Chemnitz (Spitzenreiter mit 2,34), Göttingen, Gießen und Greifswald.

Zu Gießen schrieb ein Teilnehmer: "Die Berater konnten sich auch mal in einen hineinversetzen." Als dieser Student dann aber nach Leipzig zog, war alles anders: "Ich hatte das Gefühl, etwas zu beantragen, worauf ich kein Anrecht hatte." Und: "Manchmal würde ein bisschen Erklärung schon helfen."

25 Jahre lang gibt der alte Esel Bafög-Amt schon Geld, teilweise quälend langsam
Louise Heymans

25 Jahre lang gibt der alte Esel Bafög-Amt schon Geld, teilweise quälend langsam

Um gute Erklärungen bemüht man sich in Chemnitz, schon auf der Homepage. Gleich oben steht eine banale, aber für Studenten alltägliche Einsicht: "Studieren kostet Geld." Diesen Satz haben die Mitarbeiter des Bafög-Amtes verinnerlicht. Und bieten gleich eine schlanke fünfseitige Handreichung, damit Studenten die Klippen des Bafög-Antrags sicher umschiffen. Einer der ersten Tipps: "Achten Sie darauf, rechtzeitig Ihren Antrag zu stellen."

Die Chemnitzer beherzigen, was das bürokratische Ungetüm des Bundesausbildungsförderungsgesetzes fordert: Der Antragsteller muss wissen, was wann in welcher Reihenfolge zu tun ist. Ein 20-jähriger Studienanfänger, der in seinem Leben noch wenig mit Gesetzestexten und Formularen zu schaffen hatte, kann daran leicht scheitern. "Viele Studenten kommen mit Halbwissen und sind dann frustriert, wegen ihrer eigenen Erwartungshaltung", weiß Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW).

"Mitarbeiter sind unmotiviert und helfen nicht"

Damit kein übler Papierkrieg daraus wird, erklären die Chemnitzer haarklein, aber knapp und verständlich, wie viel man als Student zum Beispiel dazu verdienen darf und in welches Kästchen welche Zahlen und Beträge einzutragen sind.

Bafög-Ämter: Flop Ten 08
Ort Note Trend
31 Stuttgart 4,03
32 Bodensee 4,05
33 Heidelberg 4,08
34 Bochum 4,14
34 München 4,14
35 Mannheim 4,24
36 Oberfranken 4,27 -
37 Frankfurt/Main 4,33
38 Dortmund 4,51
39 Marburg 4,56
Für Fachleute vom Amt eine leichte Übung, möchte man meinen. Doch tief im Westen, an der Uni Dortmund mit gut 20.000 Studenten, scheint der Servicegedanke kümmerlich entwickelt. "Die Mitarbeiter sind unmotiviert, geben keine Hilfestellung und sagen nur, welche Formulare noch fehlen", schreibt ein frustrierter Antragsteller aus Dortmund.

Die Bafög-Experten seien dort wohl chronisch überlastet, gibt ein Kommilitone zu bedenken. "In Dortmund würde es schon helfen, mehr Sachbearbeiter anzustellen" - dann könnte dort auch mal jemand an der Telefon-Hotline antworten, schlägt er vor. Note für das Dortmunder Bafög-Amt: 4,51.

Oft nur schwacher Service

Schlechter war in diesem Jahr nur die Bafög-Abteilung in Marburg, die von der Note 4,10 im Vorjahr auf die Note 4,56 abrutschte und gleich mehrere Plätze verlor. Der Mittelwert für alle Ämter liegt bei 3,78, minimal besser als beim letzten Mal.

In Marburg kann sich Abteilungsleiterin Karin Schulze das schlechte Ergebnis nur mit penibler Arbeit ihrer Mitarbeiter erklären: "Erst wenn die Unterlagen vollständig sind, können wir auszahlen", da seien ihre Sachbearbeiter eben sehr genau. "Es gibt Ämter, die das legerer sehen, das sehen wir an den Unterlagen, die wir von anderswo bekommen", so Schulze.

Die Unterschiede zu den kundenfreundlicheren Kollegen aus Chemnitz erkennt man indes schon bei den Erst-Infos im Internet: Marburg verzichtet auf eine Hotline; Erklärungen zum Antrag oder andere präzise Hilfen für Studenten gibt es keine, nach Buchstabengruppen des Nachnamens geordnete Durchwahlen auch nicht. So können Interessenten das Amt beim ersten Kontakt nur über die zentrale Sammelnummer erreichen, später finden sie die Durchwahl des zuständigen Sachbearbeiters dann im Schriftwechsel.

"Sachbearbeiter vertreten das Gesetz"

Bei der Umfrage des Teams Steffenhagen machten Studenten ihrem Unmut in den offenen Antworten seitenweise Luft. Was sie sich am meisten wünschen, ist leicht zu erkennen - und Abhilfe wäre so schwer nicht. Punkt eins auf der Liste der Warum-ich-am-Bafög-verzweifle-Rangliste: das lahme Verfahren. Allein 700 Mal monierten Studenten in offenen Antworten, die Anträge sollten flotter bearbeitet werden.

Am zweithäufigsten äußerten sie den Wunsch nach längeren Öffnungszeiten an mehr Tagen. Da klemmt es bei vielen Studentenwerken offenkundig an der Zahl der Mitarbeiter - und wohl auch an der Service-Orientierung. Erst recht gilt das für Aufreger Nummer drei: einen zu oft pampigen Umgangston. Über 300 Studenten wünschten sich höfliche statt barsche Sachbearbeiter.

DSW-Generalsekretär Meyer auf der Heide wirbt um Verständnis für die Alltagsnöte der Studentenwerksmitarbeiter. Das Antragsverfahren sei in der Tat kompliziert, aber das liege an der Rechtslage: "Die Sachbearbeiter kommen nicht umhin, die Gesetze zu vertreten. Das sollen sie freundlich tun, doch es bleibt eine Sozialleistung, für die die Voraussetzungen stimmen müssen."

Aber da sind die starken Unterschiede zwischen den Ämtern - wohnt in manchen Stuben noch zu viel Beamtenmentalität? Achim Meyer auf der Heide will einen gewissen Nachholbedarf nicht ausschließen: "Es wäre schön, wenn die Serviceorientierung Oberhand gewinnt."

Föderale Wirren auch beim Bafög

In der Tat: Nur etwa jeder Fünfte bewertet die Anleitung beim Ausfüllen der Formulare mit den Noten eins oder zwei. Ein sattes Drittel der Sachbearbeiter hat bei der Beratung aus Sicht der Umfrageteilnehmer versagt und erhielt die Noten fünf oder sechs.

Fast jeden zweiten stört zudem die Komplexität des Bafög-Verfahrens und die ungleiche Behandlung, wenn sie als Antragsteller verschiedene Ämter erlebt haben. Das aber hat, wie so vieles in Deutschland, föderale Methode. Fast alle Bundesländer haben eigene Wege, das Geld, das zu einem Drittel aus den Länderetats und zu zwei Dritteln aus dem Bundeshaushalt kommt, zu vergeben.

"Die Länder schaffen es nicht, ein einheitliches EDV-Verfahren zu entwickeln", so Meyer auf der Heyde. Es könne sein, dass sich jemand schon an seinem Heimatort erkundigt und dann am Studienort in einem anderen Bundesland ein anderes Verfahren vorfindet. Mitunter führe das sogar zu unterschiedlichen Förderbeträgen.

Dann bekommen eine Studentin und ihr studierender Bruder in verschiedenen Uni-Städten nicht den gleichen Bafög-Satz - und mindestens einer ist sicher frustriert. Was die Umfrage auch zeigt: Je höher die Fördersumme, desto zufriedener sind Studenten mit Amt und Berater.

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