Alternative Medizin: Viadrina hält an umstrittenem Institut fest

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Europa-Universität Viadrina: "Unsere wissenschaftliche Arbeit ist solide"

Eine Master-Arbeit übers Hellsehen brachte der Frankfurter Viadrina-Uni viel Spott ein, Wissenschaftler empfahlen dringend die Schließung des Instituts, das die Arbeit betreut hatte. Trotzdem steht die Hochschule hinter ihrer Weiterbildung in alternativer Medizin. Und will sich nun Hilfe von außen holen.

Der Ruf der ganzen Hochschule hat gelitten, seit die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt vor einigen Monaten als "Hogwarts an der Oder" in die Schlagzeilen geriet. Trotzdem will sich die Uni nicht von der Einrichtung trennen, die ihr so viel Ärger eingehandelt hat.

Es geht um das Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften, an dem Ärzte, Heilpraktiker oder Psychotherapeuten den Master-Studiengang "Kulturwissenschaften - Komplementäre Medizin" belegen können. Sie lernen dort zum Beispiel etwas über Homöopathie, die Geschichte der europäischen Naturheilkunde und das innere Gleichgewicht des Körpers.

Das Angebot ist sehr umstritten. Externe Wissenschaftler hatten es im vergangenen Sommer im Auftrag des brandenburgischen Wissenschaftsministeriums überprüft und waren zu einem vernichtenden Urteil gekommen: "Eine Fortführung des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften ist weder wie bisher als In-Institut noch als An-Institut zu befürworten", schrieb die Hochschulstrukturkommission in ihrem Bericht.

"Nachdrücklich" empfahlen die Experten der Uni auch den Verzicht auf besagten Studiengang. Wer sich mit Medizin unter kulturwissenschaftlichen Aspekten befasse, dürfe deren naturwissenschaftliche Seite nicht ausblenden. Doch die Studenten am Institut würden von Dozenten betreut, denen "überwiegend medizinische Kenntnisse" fehlten.

Dem Körper zu einem "Gleichgewicht höherer Ordnung" verhelfen

Die Hochschule hatte daraufhin angekündigt, die Arbeit ihres Instituts unter die Lupe zu nehmen. Sie kam jedoch zu einem ganz anderen Schluss: Die Kulturwissenschaftliche Fakultät habe sich "nach ausführlicher inhaltlicher Diskussion" Ende des Jahres entschieden, das Institut und den Studiengang zu behalten, teilte die Universität am Freitag mit und bestätigte damit einen Bericht der "taz". Um die wissenschaftliche Qualität zu sichern, werde das Institut aber in den kommenden zwei Jahren eine medizinische Fakultät suchen, mit der es kooperieren könne. Über eine solche Fakultät verfügt die Viadrina selbst nicht.

Das Institut geriet im vergangenen Mai in Verruf, als eine Master-Arbeit über den sogenannten Kozyrev-Spiegel unter Wissenschaftlern für Entsetzen sorgte. Im Inneren dieser Aluminiumröhre lassen sich nach Meinung mancher Esoteriker außergewöhnliche Erfahrungen machen. Die Versuchspersonen sollten die Zahlen 0 bis 9, die auf Zetteln in der Röhre lagen, erraten. Der Autor der Abschlussarbeit, ein Berliner Orthopäde, behauptete daraufhin, der Spiegel erleichtere wohl das Hellsehen.

Inzwischen ist die Arbeit publiziert - und liest sich deutlich nüchterner. Das "Hellseh"-Experiment habe keinen Hinweis auf außersinnliche Wahrnehmung geliefert. Institutsleiter Harald Walach, der die Arbeit betreut hatte, schrieb Ende Februar im Blog des Instituts: "Unsere wissenschaftliche Arbeit ist solide, und unsere Produktivität hoch." Der Studiengang sei beliebt und Absolventen sowie Studenten sehr zufrieden damit.

Derzeit sind nach Angaben der Hochschule 35 Teilnehmer dort eingeschrieben. Sie können zum Beispiel die Module "Kultur des Bewusstseins", "Krankheit als ordnendes Prinzip", "Ayurveda" und "Focusing" belegen. Letzteres soll dem Körper durch "die Grundhaltung des Zuhörens, Sein-Lassens und Akzeptierens" zu "einem Gleichgewicht höherer Ordnung" verhelfen. Alle Lehrveranstaltungen seien von der Ärztekammer zur Weiterbildung zugelassen, teilte die Hochschule mit.

Kaum eine Möglichkeit, Druck zu machen

Was sich für die Master-Studenten ändern wird, wenn das Institut mit einer medizinischen Fakultät kooperiert, muss sich zeigen. "Es könnte sein, dass wir neue Module entwickeln können", schreibt Walach. Auch neue Impulse für die Forschung seien denkbar. Konkretere Pläne nannte er nicht.

Im Wissenschaftsministerium ist man skeptisch, ob der Spagat hin zur Naturwissenschaft gelingen kann. Man teile grundsätzlich die Empfehlung der Hochschulstrukturkommission, das Institut allenfalls privatwirtschaftlich außerhalb der Universität weiterzubetreiben. "Wenn das neue Konzept nachweisbar den Qualitätsstandards entspricht, werden wir es uns anschauen", fügte Sprecher Hans-Georg Moek hinzu.

Sollte das allerdings nicht der Fall sein, kann das Ministerium kaum etwas daran ändern. Im Stiftungsrat der Universität, einem wichtigen Entscheidungsgremium, sitzt lediglich ein Vertreter des Ministeriums. Außerdem finanziert sich das Institut privat, unter anderem mit Drittmitteln vom Homöopathiehersteller Heel. Das Land hat also keine Möglichkeit, Druck zu machen, indem es notfalls am Geldhahn dreht.

son

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Wenn man
appenzella 15.03.2013
Homöopathie-Hasser über den Sinn von Heilmethoden wie Homöopathie schwurbeln läßt, kommen zwangsläufig und zwanghaft solche Einschätzungen heraus. Warum fragt niemand Menschen, die durch die homöopathische Heilkunst geheilt werden und wurden? Sind deren Meinungen wirklich so störend? Der berühmte östrrechische Astrologe, der von sich glaubt, er sei Astronom, hat sich noch nicht zu Wort gemeldet? Auf, Florian, hier kannst du zündeln! Hehe
2. Vielleicht ...
a.b. surd 15.03.2013
Zitat von appenzellaHomöopathie-Hasser über den Sinn von Heilmethoden wie Homöopathie schwurbeln läßt, kommen zwangsläufig und zwanghaft solche Einschätzungen heraus. Warum fragt niemand Menschen, die durch die homöopathische Heilkunst geheilt werden und wurden? Sind deren Meinungen wirklich so störend? Der berühmte östrrechische Astrologe, der von sich glaubt, er sei Astronom, hat sich noch nicht zu Wort gemeldet? Auf, Florian, hier kannst du zündeln! Hehe
fragt man diese "Geheilten" u.a. deshalb nicht, weil diese "Heilung" nichts anders war als ein Placebo-Effekt - der wissenschaftlich belegt ist und auch von den Kritikern diese Instituts wohl nicht bezweifelt wird.
3. Who cares?
Joe aus SF 15.03.2013
Jeder soll nach seiner Facon gluecklich werden, oder? Also mal ehrlich, sonst muesste man doch Theologie auch abschaffen, oder?
4. optional
tedtenhoff 15.03.2013
Freunde, beruht die Wirkung der von der Pharmaindustrie hergestellten Medikamente nicht auch auf dem Placebo-Effekt? Im Ernst: natürlich nicht dort, wo sie einen Mangel ausgleichen. Aber sonst?
5. OM omg
appenzella 15.03.2013
absurd ist lediglich, beim sog. Placeboeffekt von Wissenschaftlichkeit zu sabbeln. Österreichische Professoren sic! glauben sogar, daß die Abwesenheit jeglicher positiver Wirkung eines mit stärksten Nebenwirkungen behafteten Farmazeutikums beweist, daß dieses u.U. wirksam sei, man müsse allerdings möglicherweise noch einige Jahre abwarten, um diese Sichtweise als bewiesen gelten lassen zu können. Klingt das abgedreht? Das klingt nicht nur so, mit solchen Beweisketten, die jeden Computer ohne fuzzylogic sofort abstürzen lassen würde, werden teuerste Medikamente in den Markt gedrückt. Arme Patienten, die so etwas glauben (müssen). Es gibt auch Folter ohne waterboarding. Und ist die Wirkung derselben dann eingebildet oder ein Placeboeffekt, wie dein geistreicher Beitrag wohl suggerieren will?
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