Plagiatsaffäre: Ungarns Präsident schrieb Doktorarbeit ab

Guttenbergen auf Ungarisch: Staatspräsident Pal Schmitt hat sich für seine Doktorarbeit großzügig in fremden Texten bedient, ohne das kenntlich zu machen. Eine Prüfungskommission vermeidet in ihrem Abschlussbericht trotzdem das Wort Plagiat - und wälzt die Schuld ab.

Pal Schmitt: Für seine Doktorarbeit hat er viel übersetzt und wortgleich übernommen Zur Großansicht
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Pal Schmitt: Für seine Doktorarbeit hat er viel übersetzt und wortgleich übernommen

Der ungarische Staatspräsident Pal Schmitt hat große Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben. Zu diesem Schluss kommt eine Kommission der Budapester Semmelweis-Universität, die die Plagiatsvorwürfe untersucht hat. "Die Arbeit beruht in ungewöhnlich großem Umfang auf textidentischen Übersetzungen", stellt die Kommission fest.

Allerdings sei er dafür nicht selbst verantwortlich: Denn die Hochschule habe den Doktoranden damals nicht rechtzeitig auf Mängel aufmerksam gemacht. Die damalige Universität für Körperkultur habe einen fachlichen Fehler begangen, als sie die Textgleichheiten im Zulassungsverfahren nicht rechtzeitig zur Sprache gebracht habe.

Schmitt hatte im Jahr 1992 seine Doktorarbeit "Analyse der Programme der neuzeitlichen olympischen Spiele" an der Budapester Sport-Universität eingereicht. Die Wochenzeitung "HVG" hatte im Januar erstmals Plagiatsvorwürfe erhoben: Schmitt habe auf 180 von 250 Seiten aus einem Werk des bulgarischen Sportwissenschaftlers Nikolaj Georgijew abgeschrieben. Der Sportwissenschaftler schrieb seine Studie auf Französisch, Schmitt habe Wort für Wort übersetzt und übernommen. Gleiches gilt für ein Werk des Hamburger Soziologen Klaus Heinemann: Auf 17 Seiten lasse sich völlige Textgleichheit nachweisen, stellte die Kommission fest. Schmitt habe in seiner Arbeit keinerlei Zitate ausgewiesen und auch nicht mit Fußnoten auf die von ihm verwendeten Quellen verwiesen.

Präsident versucht Übereinstimmung zu erklären

Damals wies der Staatspräsident die Vorwürfe zurück: Schmitts Arbeit sei von "Geschichtsprofessoren begutachtet und mit (der Höchstnote) 'summa cum laude' bewertet" worden, hieß es in der Erklärung. Als langjähriges Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) habe Schmitt den 2005 verstorbenen Georgijew gut gekannt. Beide hätten in ihren Arbeiten Protokolle des IOC als Quelle verwendet.

Ende Januar, nach dem Bericht der "HVG", hatte die Uni eine Kommission eingesetzt: Fünf Mitglieder untersuchten danach die Arbeit des Staatspräsidenten. Aus deren Bericht werde die Uni angemessene Schlüsse ziehen und über weitere Schritte beraten, teilte die Uni damals in einer Pressemitteilung mit. In dem am Dienstag vorgelegten Bericht vermeidet die Kommission nun den Begriff Plagiat. Er enthält auch keine direkte Empfehlung, Schmitt den Doktortitel zu belassen oder abzuerkennen.

Der Präsident gilt als Vertrauensmann des rechts-konservativen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Kritiker des Präsidenten vermuten, dass Schmitt reingewaschen werden soll. Sie dürften sich in ihrer Vermutung bestätigt fühlen, jetzt, wo die Kommission die Verantwortung vom ehemaligen Doktoranden Schmitt auf die Betreuer und die Uni abwälzt.

Zuletzt hatten Plagiate deutscher Politiker für Aufsehen gesorgt: 2011 wurde bekannt, dass der damalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) seine Doktorarbeit abgeschrieben hat, er trat zurück und verlor später seinen Doktortitel. Danach untersuchten die Plagiatsjäger der PlattformVroniPlag weitere Doktorarbeiten. Das Ergebnis: Der FDP-Bundestagsabgeordnete Bijan Djir-Sarai hat keinen Doktortitel mehr, ebensowenig der FDP-Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis und seine Kollegin Silvana Koch-Mehrin, wogegen sie inzwischen vor dem Karlsruher Verwaltungsgericht klagt. Veronica Saß, Tochter des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, klagt ebenfalls gegen den Entzug des Doktortitels. Ihr Bruder Dominic Stoiber, CSU-Lokalpolitiker und Sohn des vormaligen Regierungschefs, steht inzwischen auch unter Plagiatsverdacht. Derzeit untersucht die Universität Innsbruck seine Doktorarbeit.

fln/dpa

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Wert und Unwert von Doktorarbeiten!
Benjowi 27.03.2012
Zitat von sysopGuttenbergen auf Ungarisch: Staatspräsident Pal Schmitt hat sich für seine Doktorarbeit großzügig in fremden Texten bedient, ohne das kenntlich zu machen. Eine Prüfungskommission vermeidet in ihrem Abschlussbericht trotzdem das Wort Plagiat - und wälzt die Schuld ab. Plagiatsaffäre: Ungarns Präsident schrieb Doktorarbeit ab - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,824055,00.html)
In Deutschland ist bei allen Mängeln des Systems selbst der amtierende Verteidigungsminister nach einiger Zeit seinen Titel losgewesen-soviel zum Wert ungarischer und dort speziell von "Rechtskonservativen" (oder besser Rechtsradikalen) erstellten Doktorarbeiten !
2.
rainer_daeschler 27.03.2012
Eine neue Dimension unter den Plagiatsaffären? Mitnichten, denn Pal Schmitt ist nur ungarischer Staatspräsident, aber Karl Theodor zu Guttenberg ist bayrischer Messias und Seehofer hat seine Wiederkehr bereits anlässlich des traditionellen Faßanstichs auf dem Nockherberg angekündigt.
3.
kappesstepp 27.03.2012
Zitat von sysopGuttenbergen auf Ungarisch: Staatspräsident Pal Schmitt hat sich für seine Doktorarbeit großzügig in fremden Texten bedient, ohne das kenntlich zu machen. Eine Prüfungskommission vermeidet in ihrem Abschlussbericht trotzdem das Wort Plagiat - und wälzt die Schuld ab. Plagiatsaffäre: Ungarns Präsident schrieb Doktorarbeit ab - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,824055,00.html)
Achtung: Der ungarische Guttenberg hat damals die plagiierten Passagen *aus dem Französischen übersetzt*. Man geht wohl nicht fehl, anzunehmen, dass ein solches verfahren bei uns *niemals* auffalen würden, in hundert Jahren nicht. Damit käme man durch, das findet GuttenPlag nicht, und auch kein Hobbyplagiatsjäger. Diese Vorgehensweise ist daher wohl wärmstens zu empfehlen.
4.
rainer_daeschler 27.03.2012
Zitat von kappessteppAchtung: Der ungarische Guttenberg hat damals die plagiierten Passagen *aus dem Französischen übersetzt*.
Nein, er hat ins Französische übersetzt, u.a. aus dem Bulgarischen. Erfolg hatte er damit jetzt aber offensichtlich nicht.
5.
Sok Rat Es 27.03.2012
Zitat von rainer_daeschlerNein, er hat ins Französische übersetzt, u.a. aus dem Bulgarischen.
"Der Sportwissenschaftler schrieb seine Studie auf Französisch, Schmitt habe Wort für Wort übersetzt und übernommen." -> Das klingt danach, dass der *bulgarische* Sportwissenschaftler auf franzoesisch geschrieben hat, und Schmitt aus dem Franzoesischen ins Ungarische uebersetzt hat.
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DPA
Wer hat dran herumgedoktert?
Plagiatjäger entlarvten Guttenberg als Copy-and-Paste-Akademiker. Seine Politikerkollegen promovierten über "Infektionen durch Entspannungsbäder" oder das "mittelniederländische Plenarium Ms. germ. 1612". Wer's war, erfahren Sie hier und werden so Quiz-Doktor im Doktor-Quiz!

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